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Einsamkeit, Prüfungsangst, Schulabsentismus: Schulsozialarbeit wichtiger denn je

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Die Themen, mit denen Kinder und Jugendliche Schulsozialarbeiter aufsuchen, werden immer vielfältiger. Dabei sind längst nicht nur Brennpunktschulen oder Nachwuchs aus prekären Familien betroffen.

Schulsozialarbeiter bieten Kindern und Jugendlichen freiwillige Beratungs- und Gesprächsangebote. Aber auch Eltern und Lehrkräfte erfahren Unterstützung von den Pädagogen.
Foto: Valerii Honcharuk/AdobeStock
Schulsozialarbeiter bieten Kindern und Jugendlichen freiwillige Beratungs- und Gesprächsangebote. Aber auch Eltern und Lehrkräfte erfahren Unterstützung von den Pädagogen. Foto: Valerii Honcharuk/AdobeStock  Foto: Valerii Honcharuk

Schon seit Wochen ist offensichtlich: Im Leben der achtjährigen Marie stimmt etwas nicht. Die einst so lebensfrohe Drittklässlerin ist ungewöhnlich still. In den Pausen zieht sie sich zurück, sie nimmt nicht mehr am Unterricht teil – und die jüngste Mathearbeit ist um drei Noten schlechter ausgefallen als man es von dem Mädchen gewohnt ist.

Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher sich einer belastenden Situation ausgesetzt fühlt, hören die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit genau hin. „Wir schaffen ein freiwilliges Angebot. Die Schüler können sich öffnen und uns ihre Gefühle schildern. Dann betrachten wir die Umstände und erarbeiten Lösungen – ganz individuell“, sagt Ann-Katrin Kappes. Sie leitet das Sachgebiet Bildung und Betreuung bei der Stadtverwaltung Bad Friedrichshall. In der Salzstadt ist das Kindersolbad der Träger der Schulsozialarbeit.

Schulsozialarbeit: Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Schule

Die Schulsozialarbeit bildet die Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Schule. Sie unterstützt nicht nur die Kinder und Jugendlichen, sondern auch die Lehrer und Eltern. „Wenn Schülern etwas auf der Seele lastet, haben sie manchmal Bedenken, sich dem Lehrer gegenüber zu öffnen – aus Angst vor schlechten Noten“, sagt Jana Wagner, Jugendreferentin in Bad Friedrichshall. Von Zensuren oder gar der Frage der Versetzung ist die Schulsozialarbeit aber völlig losgelöst.

Die Themen, die die Schüler beschäftigen, sind so vielfältig wie die knapp 2.000 Kinder und Jugendlichen selbst, die sich auf die sechs Grundschulen, den Schulverbund Otto-Klenert-Schule sowie das Friedrich-von-Alberti-Gymnasium in Bad Friedrichshall verteilen. „Mobbing kommt ebenso vor wie Trennungen oder Todesfälle in der Familie, Konflikte im Freundeskreis, Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern, häusliche Gewalt, psychische Erkrankungen, Prüfungsangst, Sucht oder mangelhaftes Selbstwertgefühl“, erklärt Wagner.

Studie: Jeder zweite Jugendliche in Baden-Württemberg einsam

Laut einer Studie fühlt sich jeder zweite Jugendliche in Baden-Württemberg einsam. Anja Blüm, die geschäftsführende Schulleiterin der Bad Friedrichshaller Schulen, betont: „Wenn Schüler Probleme im Unterricht haben, sind oft nicht die Lernvorgänge selbst, sondern die Umstände die Ursache.“ Neben der Schulsozialarbeit bieten in Bad Friedrichshall auch Jugendhäuser wie das Magnet eine Anlaufstelle für junge Menschen.

Die Resilienz, mit denen Schüler mit ähnlichen Themen umgehen, ist unterschiedlich. Jana Wagner: „Eine Trennung kann in der einen Familie verheerende Folgen haben. In einer anderen wirkt sie sich nur bedingt auf die  Verfassung des Kindes aus.“ Und selbst, wenn ein Paar eine Scheidung harmonisch bewältigt, kann der Nachwuchs dennoch sehr darunter leiden.

Soziale Medien, rasche Entwicklungen: Jugendliche immer mehr Einflüssen ausgesetzt

Es ist ein Trugschluss, dass Schulsozialarbeit nur an Brennpunktschulen notwendig sei. Schulleiterin Blüm: „Es handelt sich vielmehr um ganz grundlegende Themen und Probleme, die Familien und Kinder aus allen sozialen und finanziellen Schichten beschäftigen können.“

Angesichts sozialer Medien, stetig wachsender Informationsdichte, gesellschaftlicher Einschnitte wie die Corona-Zeit und der Bedrohung durch einen Krieg in Europa sind junge Menschen in ihrer Entwicklung deutlich mehr Einflüssen unter einem höheren Tempo ausgesetzt als noch vor wenigen Jahrzehnten. Jana Wagner berichtet: „Die Anpassungsleistung, die die Schüler vor diesem Hintergrund erbringen müssen, steigt stetig.“ 

Bad Friedrichshall: Schulsozialarbeit als selbstverständliches Angebot

Für die ausgebildeten Sozialpädagogen in Bad Friedrichshall ist es entscheidend, dass die Schüler das Feld der Schulsozialarbeit als einen Bereich kennenlernen, der von Beginn des Schuleintritts an als Angebot ebenso existiert wie der Unterricht. Wagner: „Ab der ersten Klasse gibt es in unseren Schulen Präventionsprojekte. Diese sind immer ans Alter angepasst und behandeln Themen wie Konfliktlösung, Selbstbehauptung oder den Übergang in die Arbeitswelt in den Abschlussklassen.“

Wenn Kinder Probleme mit dem Lernen haben, liegt es oft nicht an den Unterrichtsinhalten, sondern an den privaten oder schulischen Rahmenbedingungen.
Wenn Kinder Probleme mit dem Lernen haben, liegt es oft nicht an den Unterrichtsinhalten, sondern an den privaten oder schulischen Rahmenbedingungen.  Foto: Seidel, Ralf

Wichtig ist, dass die Projekte regelmäßig stattfinden und aufeinander aufbauen. Ann-Katrin Kappes: „Das ist, wie wenn man zu einem Thema nur einmal einen Volkshochschulkurs besucht und es dabei belässt. Man muss an den Aufgaben dran bleiben, um langfristig etwas zu bewirken.“ Auf diese Weise entstehen erste Kontakte zwischen den Sozialarbeitern und den Schülern. Das senkt die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, wenn Probleme auftreten – sei es privat oder im schulischen Raum.

Schulsozialarbeiter kooperieren mit anderen Hilfsorganisationen

Gerade bei Tabu-Themen kann es dauern, bis die Kinder das notwendige Vertrauen fassen und sie konkret benennen, was ihnen auf der Seele liegt. „Es kann etwa sein, dass ein Kind sagt, es geht ihm schlecht, weil sein Hund gestorben sei. Durch unser Zuhören und den geschützten Raum, den wir bieten, wird das Kind dann offener. Und schließlich stellt sich heraus, dass der Junge oder das Mädchen sexuell missbraucht wurde.“

Bei solch schwerwiegenden Fällen sind die Sozialpädagogen nicht auf sich allein gestellt und arbeiten mit weiteren Hilfsorganisationen wie Therapeuten, Jugendämtern oder der Polizei zusammen. Ann-Katrin Kappes: „Da gibt es feste, standardisierte Abläufe, um Kindeswohlgefährdung zu vermeiden.“

Schulsozialarbeit: Kinder fühlen sich ernst genommen

Einzelne Fälle von Schulabsentismus oder häuslicher Gewalt sind Aufgaben, die die Mitarbeiter der Schulsozialarbeit langfristig beschäftigen. „Auch wir sind natürlich nicht aus Stein – das berührt einen“, sagt Jana Wagner. Untereinander befinden sich die Kollegen in stetigem Austausch, um die erlebten Schicksale nicht zu nah an sich heranzulassen, sodass diese nicht auch noch zu einer eigenen Belastung werden.

Allerdings bietet die tägliche Zusammenarbeit mit den Schülern auch viele erfreuliche Momente. Wagner berichtet: „Es ist schön zu spüren, wenn die Kinder merken, dass sie bei uns in einer vertrauensvollen Umgebung sind, sie sich öffnen können, man sie ernst nimmt und ihnen zuhört. Und wenn schüchterne Kinder sich nach Gemeinschaftsprojekten trauen, vor der Klasse etwas zu sagen – da geht einem das Herz auf.“

Betreuungsquote

Die erste Teilzeitstelle eines Schulsozialarbeiters existiert in Bad Friedrichshall seit 1999. Während durchschnittlich in Baden-Württemberg pro 1000 Schüler 1,92 Vollzeitstellen in der Schulsozialarbeit existieren, gibt es in Bad Friedrichshall 3,25 Schulsozialarbeiter je 1000 Schüler. Das entspricht 6,5 Vollzeitstellen. In jeder der acht Schulen ist seit dem Schuljahr 2016/17 mindestens eine Teilzeitkraft beschäftigt.

Im Zuge klammer Kommunalkassen gibt es in der Salzstadt Überlegungen, diese vergleichsweite hohe Stellendichte zu reduzieren. Im Schuljahr 2023/24 haben in Bad Friedrichshall 350 junge Menschen bis zu drei Gesprächstermine bei den Schulsozialarbeitern vor Ort aufgesucht, 153 Schüler führten mindestens vier Gespräche. Beispielsweise in Bad Rappenau ist die Finanzierung der Schulsozialarbeit ebenfalls ein Thema.

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