Was kommt nach Klasse vier? Wie Eltern die weiterführende Schule ihrer Kinder auswählen
Ende Januar und Anfang Februar ist immer eine aufregende Zeit in Familien mit Viertklässlern: Die Grundschulempfehlung steht an - ein wichtiger Wegweiser für die weitere Schullaufbahn, auch wenn er nicht bindend ist.
Ein Grundschulkind, in dessen Halbjahresinformation von Klasse vier eine Vier in Deutsch oder Mathematik steht und das, entgegen der Grundschulempfehlung, aufs Gymnasium wechselt, ist eher die krasse Ausnahme. Nur wenige Eltern halten sich nicht an den seit elf Jahren nicht mehr verbindlichen Vorschlag für die weiterführende Schule ihres Sprösslings. So hat es zumindest Angela Ritschel beobachtet. Seit 22 Jahren unterrichtet sie an der Eichbott-Grund- und Gemeinschaftsschule in Leingarten Dritt- und Viertklässler: "Die meisten Eltern sind dankbar für die Empfehlung und halten sich daran", sagt die erfahrene Lehrkraft.
Wichtig ist die Aufmerksamkeitsspanne
In den persönlichen Beratungsgesprächen, die derzeit mit den Eltern der Viertklässler an den Grundschulen geführt werden, gehe es erstmal nicht um die Note, erklärt Ritschel. Wichtig sei etwa die Aufmerksamkeitsspanne: "Ich frage dann auch nach: Wie lernt das Kind zu Hause?"
Dieser Ansatz entspricht den Leitlinien, die das Kultusministerium vorgibt. Der "Grundschulempfehlung liegt eine pädagogische Gesamtwürdigung zu Grunde, welche die seitherige Lern- und Leistungsentwicklung des Kindes, sein Lern- und Arbeitsverhalten sowie seine Lernpotenziale berücksichtigt", steht auf der Checkliste des Gesetzgebers. Es geht um eine Orientierungshilfe, nicht um eine Pflichteinweisung.
Noten sind wichtig, aber nicht alles
Natürlich spielen auch die Noten eine Rolle. Bei Ritschel bekommt jedes Kind bis zu einem Schnitt von 2,2 in Deutsch und Mathe die Gymnasialempfehlung. Ab 2,3 komme es aufs Kind an, "das ist individuell verschieden". Die erfahrene Lehrkraft hat schon erlebt, dass ein Kind mit dem Durchschnitt 2,6 das Gymnasium gut packte. Häufiger erlebt Ritschel jedoch, dass diejenigen, die gegen die Empfehlung auf eine andere weiterführende Schule wechseln, an die Gemeinschaftsschule zurückkommen, auch Realschüler. Denn auf der Gemeinschaftsschule können Kinder auf verschiedenen Niveaus lernen. Etwa Mathe auf Gymnasial- und Deutsch auf Realschulniveau. Aber auch für die Gemeinschaftsschule mit ihren (Lern-)Jahres- und Wochenplänen seien nicht alle Kinder geeignet: "Manche sind dafür zu unorganisiert, die gehen besser auf die Realschule."
Wahlverhalten der Eltern ist komplex
Eichbott-Schulleiter Andreas Heitlinger findet "das Wahlverhalten der Eltern komplex". Es gebe da eine große Bandbreite, hat der Rektor beobachtet. Manchmal blieben 80 Prozent aller Kinder einer Klasse auf der Gemeinschaftsschule, manchmal nur 20 Prozent. Wenn schon ältere Geschwister da seien, "ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die jüngeren auch dableiben". Eltern hingegen, die "das aus der eigenen Bildungsbiografie nicht kennen", stellt er fest, täten sich schwerer mit der Gemeinschaftsschule.
Schulleiter wünscht sich mehr Mut von Eltern
Höchstens zehn Prozent aller Fünftklässler kämen ohne die entsprechende Grundschulempfehlung, hat auch Michael Kugel beobachtet. Der Leiter des Zabergäu-Gymnasiums (Zagy) und seine Kollegen plädieren auch auf allen Informationsveranstaltungen an die Eltern von Grundschulkindern, sich an der Empfehlung zu orientieren. Was Kugel mehr irritiert als überforderte Kinder: "Viele, die die Empfehlung haben, gehen gar nicht aufs Gymnasium." Wie sein Amtskollege von der Gemeinschaftsschule sieht der Zagy-Direktor die Ursache in der elterlichen Biografie in dem ländlich geprägten Umfeld: "Wir sind weit entfernt vom Land Baden-Württemberg", beklagt er die Übergangsquote von 30 Prozent im Vergleich zu 42 Prozent im Landesvergleich. Michael Kugel wünscht sich mehr Mut von den Eltern. "Wir haben ein ganz gutes Förderprogramm für den Übergang von der Grundschule nach Klasse fünf", verspricht er.
Jedes Kind soll auf die passende Schule
Gleichzeitig betont der Schulleiter, was jeder Pädagoge predigt: "Kinder müssen auf die richtige Schule." Also: Jedes Kind soll die Schule besuchen, die zu ihm passt. Daher können sich Eltern in der Regel auf die Grundschulempfehlung verlassen. Sie kommt schließlich nicht nur durch einen Faktor oder das Urteil einer einzigen Lehrkraft zustande. Schließlich entscheiden außer den Noten alle mit, die das Kind in Klasse drei und vier unterrichtet haben.
Jedes Kind ist ein Einzelfall
Ähnlich sieht es Antje Kerdels. "Das wichtigste ist, dass sich Eltern gut mit den Grundschullehrkräften beraten", sagt die Sprecherin der Heilbronner Gymnasien und Leiterin des Robert-Mayer-Gymnasiums (RMG): "Jedes Kind ist ein Einzelfall - und die Grundschullehrer kennen das Kind." Zur Aufnahme würden sie am RMG die Grundschulempfehlung nicht angucken. Die Schule versuchte aber, durch Info-Veranstaltungen klar zu machen, was die Anforderungen am Gymnasium seien. "Ich habe den Eindruck, dass Eltern die Empfehlung der Grundschule ernst nehmen."
Wie es nach der Grundschule weitergeht
Wenn die Viertklässler spätestens am 8. Februar mit der Halbjahresinformation ihre Grundschulempfehlung erhalten, stellt diese keine Überraschung dar. Die Eltern werden vorab in Beratungsgesprächen informiert. Zeitgleich finden Info-Veranstaltungen der weiterführenden Schulen statt. Im Februar laden diese zu Tagen der offenen Tür ein. Am 8. und 9. März erfolgt dann die Anmeldung an der neuen Schule.
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