Wie die Behandlung nach einem Kohlenmonoxid-Unfall abläuft
Nach dem Unglück mit Kohlenmonoxid (CO) in einem Haus im Brackenheimer Teilort Meimsheim geht es der schwer verletzten 16-Jährigen wieder gut. Notarzt Götz Geldner erklärt, wie die Behandlung im Notfall abläuft.
Nach dem Unglück mit Kohlenmonoxid (CO) in einem Haus im Brackenheimer Teilort Meimsheim geht es der schwer verletzten 16-Jährigen wieder gut. Es sei davon auszugehen, dass sie keine Spätschäden davontragen werde, sagt Götz Geldner vom Klinikum Ludwigsburg, wo die Jugendliche behandelt wurde.
Rund 100 Fälle von CO-Vergiftung gibt es laut Geldner pro Jahr im Land, etwa 50 werden in Ludwigsburg versorgt.
Wie entstehen CO-Vergiftungen?
Götz Geldner: Bei unvollständigem Verbrennen entsteht kein CO2 − also Kohlendioxid −, sondern CO − Kohlenmonoxid. Draußen an der frischen Luft ist das kein Problem, denn das Gas ist leichter als Luft und geht nach oben weg. In geschlossenen Räumen kann das Gas nicht entweichen und zur tödlichen Gefahr werden. Man bemerkt es nicht, weil es farb- und geruchlos ist.

Im Brackenheimer Fall hat offenbar die Heizung das Problem ausgelöst. Wobei kann noch CO entstehen?
Geldner: Beim Indoor-Grillen zum Beispiel. Wir haben auch Patienten, die Shisha geraucht haben. Heizkamine im Haus können unter Umständen CO produzieren − etwa, wenn der Abzugsschacht verstopft ist. Deshalb sind Warngeräte in der Wohnung auch sehr sinnvoll. Dann Suizidversuche mit Autoabgasen...
Weswegen war gerade die Jugendliche stark betroffen?
Geldner: Warum gerade sie bewusstlos geworden ist, kann man nicht genau sagen. Womöglich saß sie an einer Stelle, an der die Gaskonzentration besonders hoch war. Außerdem waren unter den insgesamt acht Betroffenen offenbar noch eine Schwangere und ein zehn Monate altes Kind. Jungen Patienten muss man besondere Aufmerksamkeit schenken.
Warum?
Geldner: Langzeitschäden sind eine große Gefahr. Also zum Beispiel Gedächtnisstörungen oder Parkinson. Bei einem 72-Jährigen fällt naturgemäß nicht so sehr ins Gewicht, was in zehn oder 20 Jahren sein wird wie bei einem jungen Menschen. Hinzu kommt bei einer Schwangeren: Sie atmet etwa 20 Prozent mehr und intensiver als eine Frau mit denselben körperlichen Voraussetzungen, die kein Kind austrägt. Die werdende Mutter muss den Stoffwechsel des Babys mit wegatmen. Das bedeutet, dass sie unter Umständen in kürzerer Zeit mehr CO aufnimmt.
Wurde die Schwangere auch bei Ihnen behandelt?
Geldner: Nein, sie wurde nach unseren Informationen in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik in Murnau in Bayern geflogen und dort in die Überdruckkammer eingeschleust.
Wie läuft eine Notfallbehandlung eines Patienten nach CO-Vergiftung ab?

Geldner: Bei CO-Werten über 20 machen wir uns Gedanken. Es bedarf dann auf jeden Fall neurologischer Untersuchungen. Der Notarzt behandelt mit 100 Prozent Sauerstoff, dann wird der Patient entweder zuerst ins nächste Krankenhaus gebracht oder direkt zu uns nach Ludwigsburg, wenn die Kammer zur Verfügung steht − in der Regel mit dem Hubschrauber. Wenn es einen Hausbrand gab und zum Beispiel Plastik mitverbrannt ist, entsteht dabei unter Umständen auch Zyanid − der Notarzt muss also zusätzlich ein Gegenmittel geben.
Was passiert dann am Klinikum Ludwigsburg?
Geldner: Wenn das notwendig ist, kommt der Patient in die Kammer, denn dort baut sich das CO viel schneller ab. Das Personal wird über die Leitstelle Stuttgart und eine Handyschleife alarmiert. Die Ärzte − Druckkammerärzte mit Notarztausbildung − kommen von verschiedenen Einrichtungen im Land, einer auch aus Heilbronn.
Und diese externen Ärzte behandeln an Ihrer Klinik?
Geldner: Die Kammer steht an unserer Klinik. Sie ist ein eigenständiges Institut, das für seine Leistungen bezahlt wird.
Warum werden Patienten aus Baden-Württemberg auch in andere Bundesländer geflogen?
Geldner: Wir behandeln etwa 50 Prozent der jährlich rund 100 Patienten im Land mit CO-Vergiftung. Es gibt noch eine Intensiv-Druckkammer am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm, aber dort ist nicht immer Personal, weil die Ärzte häufig bei Auslandseinsätzen sind. Also werden Kliniken in Murnau, Wiesbaden, Aachen oder Bochum angeflogen. In anderen Bundesländern gibt es einen Sicherstellungsauftrag, den haben wir hier in Baden-Württemberg nicht.
Vergeht nicht zu viel Zeit, bis ein Patient weit weg transportiert ist?
Geldner: Je früher jemand in die Kammer kommt, desto besser. Als Richtwert gilt: Patienten sollten innerhalb von 90 Minuten eingeschleust sein. Wenn Schwangere oder Kleinkinder behandelt werden, ist es sinnvoll, dass die Klinik auch über eine Abteilung für Gynäkologie und eine Kinderklinik verfügt.
Zur Person Götz Geldner
Professor Götz Geldner ist Direktor der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin am RKH-Klinikum Ludwigsburg. Er fliegt Einsätze als Notarzt und ist Druckkammerarzt.
Finanzierung der Druckkammer ist ein Streitpunkt
Die Druckkammer für CO-Vergiftungen einzusetzen sei teuer, sagt Jörg Martin, Geschäftsführer der RKH-Kliniken Ludwigsburg. Eine Tauchfahrt koste zwischen 750 und 1500 Euro − über die Pauschalvergütung der Kassen werde nur ein Teil dieser Kosten gedeckt. "Wir legen pro Patient richtig drauf."
Die Kassen seien nicht bereit, die Notfalleinsätze der Tauchkammer zusätzlich zu vergüten, bemängelt Martin: "Wir haben lange verhandelt und auch beim Land darum gekämpft." Aber in Baden-Württemberg sei ein Sicherstellungsauftrag für die Kammer im Gegensatz zu anderen Bundesländern nicht vorgesehen. Unter diesen Bedingungen sei die Vorhaltung einer 24-Stunden-Rufbereitschaft eine freiwillige Leistung, so Martin weiter. "Wir machen das, weil es wichtig ist."
Vom Sozialministerium in Stuttgart heißt es auf Anfrage: Diese spezielle Sauerstofftherapie beschleunige zwar den Abbau von CO − allerdings sei wissenschaftlich umstritten, ob so neurologische Folgeschäden tatsächlich seltener auftreten. Im Übrigen gebe es Möglichkeiten, eine bessere Vergütung für die Therapieform vorzuschlagen, auf die das Klinikum Ludwigsburg wiederholt hingewiesen worden sei.
Weiterlesen: Was es mit der Druckkammer auf sich hat
Stimme.de
Kommentare