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Baden-Württemberg
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Die Trockentauchmaschine

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In der Druckkammer werden Tauchunfälle, Vergiftungen und offene Beine behandelt.

Von Andreas Gugau

Tauchen ohne dabei nass zu werden. Das hört sich nach einer Spaßunternehmung an, ist es aber nicht. Denn wer in eine Druckkammer muss, der ringt nicht selten mit dem Leben. In Baden-Württemberg gibt es nur eine Druckkammer mit 24-stündiger Rufbereitschaft, das Druckkammer Centrum Stuttgart, seit November 2014 in der Klinik in Ludwigsburg angesiedelt.

Funktionsoberarzt und Anästhesist Clemens Henze hat der Heilbronner Stimme erklärt, wozu eine Druckkammer benötigt wird. Die Druckkammer: Gebaut 1994, hat die Druckkammer ein Volumen von 23 100 Litern. Sie ist ausgelegt für bis zu 5,5 Bar Überdruck, das entspricht einer Tauchtiefe von 55 Metern. Ein Tauchgang heißt auch „Druckkammerfahrt“. Die Röhre in Ludwigsburg ist mit bequemen Sitzen ausgestattet und so groß, dass man aufrecht darin stehen kann. Die Patienten werden durch Videokameras überwacht, es gibt außerdem eine Sprechverbindung zum Leitstand. Dort wird der Tauchgang gesteuert. Die Erhöhung des Drucks wird immer manuell ausgeführt, um im Notfall schneller reagieren zu können als wenn der Computer die Steuerung übernimmt. Die Türen haben keinen Schließmechanismus, sie werden einfach vom Druck zugehalten.

Druckkammerzentrum Stuttgart im Klinikum Ludwigsburg: Funktionsoberarzt Clemens Henze.
Druckkammerzentrum Stuttgart im Klinikum Ludwigsburg: Funktionsoberarzt Clemens Henze.  Foto: Andreas Gugau

Platzangst, erklärt Funktionsoberarzt Clemens Henze, gibt es manchmal im Vorfeld. Patienten befürchten, in eine enge Röhre gesperrt zu werden. In Ludwigsburg können zwei intensivpflichtige Patienten gleichzeitig behandelt werden. Die Druckkammer ist von Stuttgarter Graffiti-Künstlern mit einer heiteren Unterwasserlandschaft verziert worden, wer will kann Musik hören, viele Patienten lesen, manche schlafen auch.

Der Druck

Auf der Erdoberfläche herrscht ein Druck von einem Bar, erzeugt durch die Luft, die von oben drückt: der Luftdruck. Unter Wasser steigt der Druck alle zehn Meter um ein Bar. Bei zehn Meter Tauchtiefe herrschen also zwei Bar, bei 20 Metern drei Bar Gesamtdruck. In der Höhe ändert sich der Druck um ein Bar alle 10 000 Meter. In Verkehrsflugzeugen wird ein Druck hergestellt, der etwa dem in 2000 bis 2500 Metern Höhe entspricht. Eine Druckänderung um 0,2 Bar entspricht der Druckänderung bei zwei Metern Tauchtiefe. Wer keinen Druckausgleich macht, merkt das schon ab etwa 20 Zentimetern Tauchtiefe (entspricht 0,02 Bar Druckänderung), ab einem halben Meter wird es schmerzhaft, bei spätestens zwei Metern (0,2 Bar Unterschied) reißt das Trommelfell.

Die Technik

Das Gasgemisch für die Druckkammer ist reine Atemluft. Diese wird gefiltert, da ansonsten harmlose Gase unter Druck gefährlich werden können. Ein Kompressor erzeugt in einem Nebengebäude die komprimierte Luft, die in Gasflaschen gelagert wird. 220 Bar in 30 je 50 Liter fassenden Flaschen reichen für etwa fünf Druckkammerfahrten. Der Kompressor ist trotz baulicher Dämmung so laut, dass er nur außerhalb der Betriebszeiten läuft. Der Tauchunfall: Die Druckkammer diente ursprünglich der Behandlung von Tauchunfällen. Dazu kommt es, wenn ein Taucher zu schnell an die Wasseroberfläche kommt. Dabei spielt nicht nur die Tauchtiefe eine Rolle, sondern auch die Dauer des Aufenthalts unter Wasser. Unter Druck gehen vermehrt Gase in Lösung, das heißt, Gasmoleküle werden in Flüssigkeiten und Gewebe eingelagert. Wird der Druck nun zu schnell reduziert, passiert das, was auch in einer Sprudelflasche passiert: Das Gas perlt aus und bildet Bläschen. Es kommt zur sogenannten Dekompressionskrankheit. Die Bläschen aus Stickstoff steigen in der Blutbahn nach oben und bilden dort eine größere Blase, diese blockiert eine oder mehrere Blutbahnen, der Mensch erleidet eine Gasembolie. Die Symptomatik ist ähnlich der eines Schlaganfalls. In der Druckkammer wird die Gasblase wieder zusammengedrückt, das Blut kann zirkulieren, das Gas im Blut gelöst und ausgeatmet. Die Behandlung muss schnellstmöglich beginnen, ist aber bis drei Tage nach dem Unfall noch möglich.

Die Kohlenmonoxidvergiftung

Kohlenmonoxid, chemisches Zeichen CO, ist ein farb- und geruchsloses Gas. Trotzdem ist es gefährlich. Es blockiert am roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) die Rezeptoren, an denen normalerweise Sauerstoff transportiert wird. Schon eine Konzentration von 0,1 Prozent CO ist tödlich. Kohlenmonoxid entsteht bei einer unvollständigen Verbrennung. Zu CO-Vergiftungen kommt es, wenn beispielsweise in Innenräumen oder Gartenlauben gegrillt wird, bei defekten Gasthermen oder seit neustem auch in Shisha-Lounges, weil auch dort offenbar das Gas durch unvollständige Verbrennung entsteht. In der Druckkammer atmen die Patienten reinen Sauerstoff, dadurch wird das CO wieder verdrängt. Damit lassen sich auch neurologische Spätfolgen verhindern, unter denen 40 Prozent der Patienten leiden.

Das diabetische Fußsyndrom

Schlecht heilende Wunden an Fuß und Bein treten häufig bei Diabetikern auf, wenn durch dauerhaft erhöhten Blutzuckerspiegel Blutgefäße und Nerven geschädigt sind. In der Druckkammer unter Sauerstoff erhöht sich die Sauerstoffsättigung im Blut enorm. Zum einen verringert sich unter der Sauerstofflast der Blutdurchfluss. Gleichzeitig kommt trotzdem viel mehr Sauerstoff an das geschädigte Gewebe als normal, das sich dadurch wieder regenerieren kann, Gefäße bilden sich während der Therapie ebenfalls neu. 

 Foto: Andreas Gugau

Auch andere Wundheilungsstörungen lassen sich in der Druckkammer behandeln, und selbst Leistungssportler wie Fußballer können dies nutzen, wenn nach einer Verletzung so das Ödem verkleinert und dadurch die Verletzungspause verkürzt wird.

Der Gasbrand

Eine lebensbedrohliche Bakterienerkrankung, die meist mit kleinen Wunden beginnt. Die Infektion ist äußerst schmerzhaft, eine Behandlung in der Druckkammer muss sofort erfolgen. Dabei rückt alleine der Sauerstoff dem Bakterium zu Leibe und tötet es ab, denn die Clostridien sind anaerob, sterben also unter Sauerstoff ab. Tinnitus und Hörsturz: Im Prinzip liegt hier die gleiche Wirkungsweise wie beim diabetischen Fußsyndrom vor. Durch die dramatisch verbesserte Versorgung mit Sauerstoff in der Druckkammer erholt sich geschädigtes Gewebe. Grundsätzlich sind die Heilungschancen bei einem Hörsturz besser, bei Tinnitus ist es derzeit immer nur ein Therapieversuch. Strahlenschäden/Crashinjury: Gewebeschädigungen durch Strahlung gibt es häufig nach Krebsbehandlungen. Eine Therapie in der Druckkammer kann helfen, dass sich das Gewebe schneller erholt und regeneriert. Die so genannte Crashinjury ist die Folge eines Unfalls, bei dem beispielsweise eine schwere Last auf einem Muskel und Knochen zum Liegen kam. Das zerstörte Gewebe baut sich durch die vermehrte Sauerstoffzufuhr schneller wieder auf.

Die Gefahren

Grundsätzlich macht immer die Dosis das Gift, und das gilt auch für Sauerstoff. Patienten in der Druckkammer wird immer reiner Sauerstoff verabreicht, es droht die Gefahr einer Sauerstoffvergiftung. Diese schädigt in erster Linie Gehirn und Lunge. Während ein fibrosierender Umbau der Lunge, also der Umbau der Lunge mit Bindegewebe, bei der Behandlung auszuschließen ist – aber theoretisch möglich wäre – kann es im Gehirn durchaus zu Vergiftungserscheinungen kommen. Zu viel Sauerstoff löst dort einen Krampfanfall aus. Nach Angaben von Clemens Henze kam das „in den vergangenen 20 Jahren fünf Mal vor“. Der Patient merkt davon nichts, er wird bewusstlos und hat am nächsten Tag Muskelkater. Eine Druckkammerfahrt wird deshalb immer in Etappen durchgeführt, nach einiger Zeit Sauerstofftherapie müssen die Patienten in Pausen normale Luft mit 21 Prozent Sauerstoff atmen.

Betreuungspersonal bei intensivpflichtigen Patienten muss regelmäßig ausgetauscht werden, um nicht selbst ein Fall für die Druckkammer zu werden (vgl. Tauchunfall). Manchmal werden sechs bis sieben Teams für eine Druckkammerfahrt benötigt. Was tun, wenn’s brennt? In der Druckkammer hängt eine Löschdecke, außerdem noch ein Feuerlöscher. Prinzipiell gilt es aber, Brände von vornherein zu vermeiden. Klar ist: Türe aufreißen und flüchten geht nicht, so lange die Kammer unter Druck steht. Am einfachsten ist es, ruhig sitzen zu bleiben, weiter Luft aus den Masken zu atmen und warten, bis das Feuer den Sauerstoff in der Druckkammer aufgebraucht hat. Dann geht es von alleine aus. Eine geübte Person kann durch eine Schleuse in wenigen Sekunden eingeschleust werden – und den Feuerlöscher bedienen. Das ist ein speziellen Schaumlöscher, denn normaler Löschschaum würde sich unter Druck gar nicht richtig entfalten.

Es kam in Druckkammern schon zu Bränden, weil sich Patienten einen Taschenofen mitgenommen und den während des Auftauchens angezündet haben. Denn wenn der Druck fällt, fällt auch die Temperatur. Durch den eingeatmeten Sauerstoff bildet sich um die Patienten eine leicht entzündliche Gasschicht. Wegen möglicher Brandgefahren ist nur Kleidung aus Baumwolle oder auch Jeanshosen erlaubt, keine synthetischen Stoffe.

Druckkammern

In Deutschland gibt es sechs Druckkammern mit 24-Stunden-Dienst: Leipzig, Halle, Berlin, Wiesbaden, München und Murnau. In Ludwigsburg und Aachen gibt es überdies eine Rufbereitschaft. Eine Übersicht gibt es unter  www.druckkammernotfallversorgung.de  

Kosten

Obwohl der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sechs Indikatoren festgelegt hat, die eine Behandlung in der Druckkammer rechtfertigen, weigern sich viele Krankenkassen, diese Behandlung zu bezahlen. „Gesetzliche Kassen lehnen diese Kosten fast kategorisch ab“, sagt Clemens Henze. Ludwigsburg Das Druckkammer Centrum Stuttgart ist seit November 2014 in der Klinik Ludwigsburg untergebracht. Laut Henze erspart das vielen Patienten den Stress beim Transport, oft verbunden mit mehrfachem Wechsel des Beatmungsgeräts. Die Druckkammer wird von einem Konsortium betrieben und ist unabhängig von der Klinik, in der sie untergebracht ist

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