Wie die Abfallmenge den Pandemieverlauf widerspiegelt
Die Müll- und Wertstoffmengen haben sich im vergangenen Jahr auf einem relativ hohen Niveau eingependelt. Ein Streifzug durchs Unterland.
Die Wellen, die Corona bisher schlug, lassen sich nicht nur anhand von Infektionskurven und Verordnungen verfolgen. Auch die Wertstoff- und Müllmengen spiegeln den Verlauf und bestimmte Pandemie-Phänomene wider. Ein Abfall-Streifzug durch die vergangenen zwei Jahre in der Stadt und im Landkreis Heilbronn.
Von fast allem mehr
"Wegen Corona von fast allem mehr": Obwohl sie noch nicht alle Zahlen für 2021 vorliegen hat, gilt Beate Fischers Resümee für das erste Coronajahr 2020 und auch für das zweite. Allerdings: "Wir hatten nicht mehr diesen eklatanten Anstieg. Es ist nicht mehr so krass wie 2020." Das neuartige Virus zog damals "erhebliche Zuwächse" beim Wertstoff- und Müllaufkommen nach sich, sagt die Leiterin des Abfallwirtschaftsbetriebes im Landratsamt Heilbronn.
Ein Beispiel: Im letzten Nicht-Pandemie-Jahr 2019 landeten 53 921 Tonnen Abfälle in den dunkelgrauen Restmülltonnen der Landkreis-Bewohner. 2020 schnellte die Zahl um 2500 Tonnen auf 56 454 Tonnen nach oben. Im zweiten Corona-Jahr 2021 war es ein Plus von 400 Tonnen: ein hohes Niveau zwar, aber ein sehr moderater Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Erklärung: Die Umstände, die 2020 die Müllmenge anschwellen ließen, waren 2021 schon alltäglich geworden, Homeoffice und Homeschooling etwa. Aß man 2019 noch in der Mensa, in der Kantine oder im Restaurant, wurde Kochen und Essen 2020 verstärkt zur Angelegenheit in den eigenen vier Wänden - und so blieb es für die 347 700 Landkreis-Bewohner auch 2021.
Anstieg beim Sperrmüll
Eklatant ist der Anstieg beim Sperrmüll im Landkreis: Fast ein Drittel mehr wurde 2020 gegenüber 2019 entrümpelt - und das, nachdem die Menge in den Jahren davor abgenommen hatte. Von einer "enormen Zunahme" beim Sperrmüll spricht auch Claudia Küpper von der Pressestelle der Stadt Heilbronn. 2019 waren es 3512 Tonnen, im Jahr darauf 4133 Tonnen - und 2021 sogar 4822 Tonnen. Das ist rund ein Drittel mehr als zwei Jahre zuvor. Die Erklärung: Sowohl 2020 als auch 2021 war es meistens nichts mit großen Urlauben; etliche Menschen waren in Kurzarbeit - sie hatten also Zeit, auszumisten. Alte Möbel wurden durch neue ersetzt.
Beate Fischer vom Landratsamt kennt das Phänomen: "Immer wenn die Menschen nicht reisen können, kaufen sie Möbel - was mehr Sperrmüll zur Folge hat." Dass die Sperrmüllmenge 2021 im Landkreis wohl wieder niedriger ausfällt, hat einen simplen Grund: Seit vergangenem Jahr dürfen die Landkreisbewohner nur noch ein- statt zuvor zweimal Sperrmüll machen. Man will die Menschen dazu bringen, weniger wegzuwerfen und mehr in die Weiternutzung zu bringen.
Verbotene Müllablagerungen
Claudia Küpper berichtet von weiteren Auffälligkeiten in Heilbronn und den Stadtteilen: So war die Menge an verbotenen Müllablagerungen, zum Beispiel an Containerstandorten, 2021 nicht mehr so hoch wie 2020, aber es waren immer noch 15 Tonnen mehr als 2019: 159 Tonnen kamen im vergangenen Jahr zusammen. Das sind drei Tonnen wilder Müll pro Woche.
Das Müllaufkommen in den Schulen der Stadt Heilbronn sei inzwischen "enorm gestiegen", berichtet Claudia Küpper. Nach langen Zeiten des Homeschoolings ist seit vergangenen Herbst wieder Präsenzbetrieb, verbunden mit umfangreichen Testungen. Die Zunahme liegt "auch am sehr hohen Verbrauch von Papierhandtüchern und Küchenrollen, die zum Reinigen der Tische verwendet werden". Die Testmaterialien werden nach Angaben der Heilbronner Rathaussprecherin über den normalen Restmüll entsorgt. Wie viel verbrauchtes Testmaterial in den Schulen zusammenkommt, ist daher nicht zu beziffern.
Weggeworfene Masken sind ein Ärgernis
Auffällig sind in Zeiten von Corona in der Stadt mit ihren 129 000 Einwohnern "vermehrte illegale Hausmüllentsorgung in öffentlichen Abfalkörben" und - wen wundert"s - eine Zunahme bei To-go-Verpackungsmüll wie Pizzakartons, Kaffeebecher oder Dönerboxen. Verstärkt sind auch achtlos weggeworfene Masken ein Ärgernis. Die städtischen Mitarbeiter müssen sie übrigens nicht separat entsorgen, wenn sie sie mit ihren Greifern einsammeln. "Die Masken werden mit dem Müll aus den öffentlichen Abfallkörben entsorgt", sagt Küpper.
Interessant ist ein Blick auf die Werststoffmengen im Landkreis Heilbronn, bezogen auf Papier, Pappe und Kartonagen, kurz PPK. Seit einigen Jahren sinken die PPK-Mengen. Das liegt laut Beate Fischer vom Abfallwirtschaftsbetrieb vor allem daran, dass die Menschen weniger Zeitschriften und Zeitungen lesen und sich stattdessen im Internet informieren. Von 2020 auf 2021 stieg die Menge entgegen dem Trend jedoch leicht um 105 auf 25 546 Tonnen. Hintergrund: Im Laufe der Pandemie, flankiert von Lockdowns, nahm der ohnehin florierende Online-Handel weiter Fahrt auf.
Blaue Tonne hat zugelegt
Besonders auffällig im PPK-Bereich ist die blaue Tonne. Sie legte sogar überproportional zu, nämlich von 11 930 Tonnen im Jahr 2019 auf 12 415 Tonnen 2020 und 13 507 Tonnen 2021. Wegen der Zunahme - auch schon in den Jahren davor - rollen die Entsorgungsfahrzeuge seit Mitte 2020 alle vier Wochen an. Vorher reichte ein Sechs-Wochen-Rhythmus zum Entleeren aus.
Immerhin hat sich im Landkreis das Verhältnis von Wertstoffen zu Restmüll durch Corona nicht wesentlich verändert. Rund 65 Prozent der weggeworfenen Dinge kann man wiederverwerten, etwa 35 Prozent werden energetisch verwertet, landen also in der Verbrennung.
Eine schwierige Frage
"Das ist eine schwierige Frage": Auch als Fachfrau kann Beate Fischer kaum beurteilen, wann und ob es gelingen wird, wieder auf die Wertstoff- und Müllmengen zu kommen, die die Landkreis-Bewohner vor Corona produzierten. Das hängt davon ab, ob, wann und in welcher Höhe weitere Wellen folgen.
Es spielen aber auch Faktoren eine Rolle, die mit Corona gar nichts zu tun haben: der demografische Wandel, die Bevölkerungsentwicklung oder die Zahl der Haushalte. Und Pandemie hin oder her: Die Abfallmenge hängt wohl auch im Wesentlichen davon ab, ob es gelingt, das Bewusstsein der Menschen zu schärfen und dadurch möglichst viel Müll zu vermeiden.
Weitere Infos
Wo immer es geht, Müll vermeiden: Das ist eine Devise des Abfallwirtschaftsbetriebs im Landratsamt Heilbronn. So wurde laut Leiterin Beate Fischer 2021 eine Kampagne zur Bewerbung der Biotonne gestartet. Der Fokus richte sich auf große Wohnanlagen und Neubaugebiete.
Ein besonderes Augenmerk gelte außerdem der Bildungsarbeit. Mit diversen Aktionen sollen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sensibilisiert werden und im Idealfall ein verändertes Bewusstsein in ihre Familien tragen.
Des Weiteren unterstützt der Landkreis in Kooperation mit der Kreissparkasse Gastronomen bei der Anschaffung von Mehrweggeschirr. Ab 2023 ist die Gastronomie ab einer bestimmten Größe per Gesetz verpflichtet, das Außer-Haus-Essen nicht nur in Einweg-, sondern auch in Mehrwegbehältern anzubieten.
Auf "einige Hunderttausend Euro" schätzt Beate Fischer die coronabedingten Mehrkosten des Landkreises Heilbronn. Denn mehr Restmüll bedeutet auch höhere Ausgaben für die energetische Verwertung. Außerdem zogen die Zugangsbeschränkungen auf den Recyclinghöfen 2020 einen höheren Aufwand nach sich. Auch er schlägt sich finanziell nieder.



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