Wie ausländische Eltern das deutsche Schulsystem in ihrer Muttersprache kennenlernen
Landkreis Heilbronn und VHS Unterland kooperieren beim Projekt Interkulturelle Elternbildung. Fördermittel vom Land machen Umsetzung möglich.

Am ersten Schultag ist sie ohne Schultüte in die Schule gekommen - weil ihre Eltern nicht wussten, dass das in Deutschland so Brauch ist: Die Direktorin der Volkshochschule (VHS) Unterland, Roswitha Keicher, erzählt die Geschichte einer inzwischen erwachsenen Türkin, die dieses Erlebnis nie vergessen hat. Eltern, die aus dem Ausland kommen, wissen häufig zu wenig über das deutsche Bildungssystem. Dank des Projekts Interkulturelle Elternbildung der VHS Unterland und des Landkreises Heilbronn soll sich das jetzt ändern. Ermöglicht wird es durch ein Förderprogramm des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg.
"Der Anteil an zugewanderten Familien ist hoch, und die Eltern haben großes Interesse an der Bildung ihrer Kinder", weiß die Sachgebietsleiterin Integrationsplanung im Heilbronner Landratsamt, Katharina Fischer. Bisher werden in der Stadt und im Landkreis muttersprachliche Elternmentoren eingesetzt, die bei Elterngesprächen oder -abenden in Kitas und Schulen übersetzen und vermitteln. "Dabei wird immer wieder deutlich, dass über den konkreten Anlass hinaus Informationsbedarf besteht", so Fischer.
Übergang Kita/Grundschule
Das neue Projekt setze am Übergang Kita/Grundschule an, um viele Fragen schon im Vorfeld zu klären: Was bedeutet die Schulpflicht? Wie schreibt man Entschuldigungen? Was erwartet die Schule von den Eltern? Was kann mein Kind mit dem jeweiligen Schulabschlüssen später beruflich machen? "Kitas und Schulen können das nicht selbst stemmen", weiß Katharina Fischer. Hier greift künftig das zweiteilige, kostenlose Kursangebot. "Im ersten Teil gibt es Informationen über das Bildungssystem in Baden-Württemberg. Im zweiten Teil wird spezifischer auf die Belange der Schule vor Ort und die Rolle der Eltern eingegangen", erklärt Roswitha Keicher.
"Wir wollen homogene Gruppen, also Kurse mit beispielsweise nur türkischstämmigen oder ukrainischen Teilnehmern oder auf Englisch für Menschen aus dem afrikanischen Raum", so Keicher. Die Dozenten sollen aus den Reihen der Elternmentoren rekrutiert werden. "Sie können bei Bedarf in die Muttersprache wechseln und das deutsche mit dem Schulsystem des Herkunftslands vergleichen." Unterstützend werden bereits existierende, mehrsprachige Broschüren des Landkreises ausgeteilt.
Eines der Ziele ist, den Kontakt zwischen Kitas/Schulen und Eltern zu stärken. "Wenn Mütter und Väter ihre Kinder besser begleiten können, gibt es später vielleicht auch weniger Brüche auf dem Bildungsweg hin zum Beruf", hofft Roswitha Keicher auf einen weiteren positiven Effekt.
Gut vernetzt
Für Katharina Fischer ist die Kooperation mit der VHS Unterland ideal: Sie verfüge im ganzen Landkreis über Räumlichkeiten, und Roswitha Keicher als frühere Integrationsbeauftragte der Stadt Heilbronn sei mit dem Thema vertraut. "Wir sind durch unsere 37 Außenstellen im ländlichen Raum vernetzt und können Kommunen, Kitas und Schulen direkt ansprechen", ergänzt Keicher.
Auch für die VHS Unterland habe es Vorteile, wenn sich die Kurse für Interkulturelle Elternbildung etablieren, so die Direktorin: "Für uns wird es leichter, das später in unser normales Programm zu integrieren." Gleichzeitig könne über die Außenstellenleitungen weiterer Bildungsbedarf der Eltern erhoben werden, um zielgruppenorientierte Angebote zu entwickeln. Keicher: "Migranten haben wir bei der VHS bisher zu wenig im Fokus."
Finanzierung des Projekts
Das Projekt "Interkulturelle Elternbildung" des Landkreises Heilbronn und der VHS Unterland ist auf 1,5 Jahre begrenzt. Finanziert wird es zu 70 Prozent - rund 22 100 Euro - mit Mitteln aus dem Förderprogramm "Interkulturelle Elternmentorenprogramme" des Landes Baden-Württemberg, den Rest (8000 Euro) übernimmt der Landkreis. "Das Geld reicht für 70 Kurse à zwei Treffen mit jeweils drei Unterrichtseinheiten", sagt VHS-Direktorin Roswitha Keicher. Losgehen soll es spätestens im Herbst dieses Jahres.
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