Wann der Fitnesstracker fitter macht
Vor allem für die Messung von Herzfrequenz und Mobilitätsdaten empfehlen Ärzte die Nutzung von Smartwatches und Co. Warum der Patient bald besser vorbereitet zum Arzt gehen sollte
Kaum einer ist mehr ohne unterwegs: Fitnesstracker, Smartwatches, Wearables, und Bewegungsapps begleiten viele Menschen täglich durch den Alltag. Und das nicht nur beim Sport. Viele beobachten damit vom Schlaf über die Herzfrequenz bis hin zur Temperatur ihre körperliche Verfassung lückenlos. Leben sie deshalb gesünder? Bewegen sie sich mehr als andere? Kann man den Werten überhaupt trauen? In Arztpraxen sind die Geräte jedenfalls längst Dauerthema: "Das ist unser täglich Brot", sagt Hausarzt Dr. Tobias Neuwirth aus Neckarsulm-Obereisesheim. Teilweise lieferten Fitness-Uhren sehr gute Ergebnisse, die Hinweise auf eine Erkrankung geben können.
"Die Herzfrequenzmessung funktioniert bei der Applewatch zum Beipiel echt gut", sagt der Allgemeinmediziner. Es komme häufig vor, dass so zum Beispiel Vorhofflimmern erkannt werde, was ohne die Uhr womöglich unentdeckt geblieben wäre. Auch die Nutzung von Schrittzählern findet Tobias Neuwirth sinnvoll. Er beobachtet bei einigen Patienten mit Übergewicht, dass die Funktion einen Anreiz zu mehr Bewegung gibt. Eine echte Erleichterung bringe die Überwachung per Handy oder Uhr auch Diabetikern.
Bei Blutdruck und Schlafdaten sind die Geräte ungenau
Die Geräte liefern aber nicht in allen Bereichen gute Ergebnisse, weiß Tobias Neuwirth. Unter anderem beim Blutdruck seien sie ungenau, auch Schlafdaten seien nicht aussagekräftig. Allgemein rät er, den Kontakt zum Hausarzt zu suchen und sich nicht in die Selbstüberwachung "hineinzusteigern". Eine Entscheidung über eine Therapie würde Tobias Neuwirth nie ausschließlich anhand von Daten eines Fitnesstrackers fällen. "Sie sind aber ein guter Anlass, um mal nachzuschauen."
Das Messen der eigenen Gesundheitsdaten findet auch Professor Clemens Becker von der Uniklinik Heidelberg sinnvoll. Er leitet die Abteilung Digitale Geriatrie und setzt sich mit der Frage auseinander, was die digitale Medizin zukünftig für ältere Menschen bedeutet. Mit der App "Up an Go" , die Becker mit seinem Heidelberger Team, sowie Medizinern aus Norwegen und Italien entwickelt hat, werden Bewegungsdaten wie Lauftempo sowie Erkenntnisse über Balance und Kraft gewonnen.
Patienten mit medizinischem Wissen werden Vorteile haben
Menschen müssten wegen des Fachkräftemangels in der Medizin zunehmend befähigt werden, Wissen über ihre Gesundheit bereits zum Arztbesuch mitzubringen, erläutert er. "Das sollte in Praxen zur Selbstverständlichkeit werden." Die Zeiträume zwischen Terminen oder bis man überhaupt einen Termin bekommt, seien bereits jetzt lang. "Diejenigen, die medizinisches Wissen haben, werden besser dran sein als andere", ist er sich sicher. Bereits in den kommenden fünf Jahren werde das zum Tragen kommen, da viele Ärzte in den Ruhestand gehen.
Gleichzeitig könne aber noch nicht jeder Arzt etwas mit den Werten von Smartwatches und Co. anfangen, sagt er: "Hier gibt es dringenden Weiterbildungsbedarf."
Besonders gut findet Clemens Becker an der Selbstmessung, etwa von Bewegungsdaten, dass der Arzt sieht, was die Patienten wirklich machen und sich nicht nur auf ihre Erzählungen verlassen muss. Gerade Männer neigten oft dazu, sich zu überschätzen. Das Thema Mobilität gehöre zu den großen noch zu wenig genutzten Vorteilen der Geräte.
Vielen gesundheitlichen Problemen wie Demenz, Krebs und Herzerkrankungen lasse sich durch ausreichend Bewegung vorbeugen, sagt der Mediziner. Mittels Fitnesstrackern könne jeder sehen, ob er zu viel sitzt oder liegt. Für die Erfassung der Bewegungsdaten bei älteren Menschen empfiehlt Clemens Becker jedoch das Handy in der Hosentasche, nicht den Tracker am Handgelenk. "Der Armschwung wird über die Jahre immer weniger", begründet er.
Was am Mythos der 10 000 Schritte dran ist
Es ist ein Mythos, dass man 10.000 Schritte pro Tag erreichen muss, sagt Clemens Becker von der Uniklinik Heidelberg. "Es reichen 6000 bis 7000 Schritte, um etwas für seine Gesundheit zu tun. Das kann fast jeder erreichen." Neben dem Gangvolumen sei auch das Tempo entscheidend. Mindestens mit einem Meter pro Sekunde, das entspricht 3,5 bis 4 Kilometer pro Stunde, müsse man unterwegs sein. Spätestens ab 50 Jahren sollte jeder überprüfen, ob er dieses Mindestmaß an Bewegung erfüllt, rät Becker. "Einmal am Tag zusätzliches intensives flottes Gehen reicht, um gesund zu bleiben."
Kommentare öffnen


Stimme.de
Kommentare