Von der Schülerin zur Zwangsprostituierten
In Heilbronn ist eine von inzwischen drei Anlaufstationen in Baden-Württemberg, bei denen Betroffene von Menschenhandel Hilfe finden. Getäuscht, geschlagen, vergewaltigt: In einer Zoom-Konferenz berichten Sozialarbeiterinnen der Mitternachtsmission von tragischen Fällen.

Sie stammen aus Afrika, Osteuropa oder sind junge Gymnasiastinnen aus Deutschland. Die Geschichten der Qual, die die Sozialarbeiterinnen der Mitternachtsmission des Diakonischen Werks an diesem Abend den Zuhörern in der Zoom-Konferenz erzählen, sind, hinterlassen die rund 50 Zuhörer fassungslos.
Betroffene wollen andere warnen
"Ich war eine optimistische Frau mit vielen Träumen", schreibt eine Betroffene, die zu Prostitution gezwungen wurde. Getäuscht, geschlagen, missbraucht, verliert sie "Wert, Würde, Respekt". Aufzuschreiben, was ihr widerfahren ist, kostet sie viel Mut. Sie tut es trotzdem. Es soll anderen eine Warnung sein.
In Heilbronn befindet sich eine der drei Anlaufstellen in Baden-Württemberg für Menschen in größter Not. Gemeinsam mit Freiburg und Stuttgart hilft die Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution von hier aus landesweit. Der Grund: "Heilbronn hat die älteste Beratungsstelle für Prostitution seit 1955 und wegen anderer Arbeitsbereiche wie etwa dem Frauen- und Kinderschutzhaus eine hohe Kernkompetenz beim Thema Prostitution und Schutz", sagt Alexandra Gutmann, Leiterin der Mitternachtsmission abseits des Vortrags.
109 Betroffenen haben die Sozialarbeiterinnen 2020 geholfen
"Die Polizei hat uns erst regional, dann überregional angefragt. Dann kam das Sozialministerium auf uns zu. So wurden wir 2003 die erste Beratungsstelle für Betroffene von Menschenhandel in Baden-Württemberg." 109 Menschen in dieser Notlage haben die Sozialarbeiter in Heilbronn 2020 geholfen.
Eine wichtige Rolle spielen die dezentralen und anonymen Schutzwohnungen im Land, die die Mitternachtsmission für die Unterbringung der Frauen bereit hält. Rund um die Uhr ist die Mission erreichbar und hilft, egal ob die Opfer aus Heidelberg oder vom Bodensee kommen.
Mit welchen Schicksalen die Sozialarbeiterinnen konfrontiert werden und wie sie die Frauen unterstützen, das schildern sie eindrücklich. Eins stellen Sara Huschmann, Jessica Anderson und Tabea Berger von der Beratungsstelle klar: Stereotype sind fehl am Platz, nicht jede Prostitution sei erzwungen. Die in ihrem Kernbereich aber schon.
Wenn der Traummann die Freundin zur Prostitution zwingt
Die Frauen, von denen sie erzählen, haben sehr unterschiedliche Vorgeschichten. Gemein ist ihnen das Grauen des Erlebten. Da ist die Oberstufenschülerin, die ihre vermeintlich große Liebe kennenlernt, den Schwiegermuttertraum, der sie mit Charme und Geschenken an sich bindet und vom Umfeld entfremdet. Der plötzlich von Schulden spricht, die aber recht einfach abzuzahlen seien, damit das Paar schnellstmöglich in die glückliche Zukunft starten könne. Nach anfänglichem Widerstand prostituiert sich die Schülerin, will aussteigen, wird unter Druck gesetzt und geschlagen. Nur mit Hilfe der Familie gelingt der jungen Frau die Flucht. Loverboy-Methode nennt die Mitternachtsmission das Vorgehen.
Oder die Rumänin, die für die Familie Geld braucht und sich vermeintlich auf eine Stelle als Kellnerin in Deutschland bewirbt, schon auf der Fahrt Ausweis und Handy abgeben muss, in Deutschland in einem Kellerzimmer eingesperrt wird und ihren Vergewaltigern zur Verfügung stehen muss.
Für manche Fälle brauchen auch die Sozialarbeiterinnen Zeit zum Verarbeiten
"Das Thema wird oft verdrängt, es ist wenig sichtbar", sagt Sara Huschmann. Die Geschichten seien krass, stellt ein Zuhörer in der anschließenden Diskussion fest. Wie die Sozialarbeiterinnen damit zurecht kämen? Supervision und Austausch mit Kollegen seien hilfreich. "Aber für manche Fälle braucht man seine Zeit, um sie zu verarbeiten, " sagt Jessica Anderson.
Beratung für Betroffene von Zwangsprostitution
Deutschland ist ein Umschlagplatz für Menschenhandel. Doch auch Deutsche werden Opfer. Menschenhandel bezieht sich auf sexuelle Ausbeutung, Arbeitsausbeutung, erzwungene Bettelei, Zwang zu kriminellen Handlungen und Organhandel. Ursache, um in den Teufelskreis hineinzugeraten, ist oft finanzielle Not. Die Mitternachtsmission berät kostenlos und auf Wunsch anonym. Sie organisiert muttersprachliche Dolmetscher, kooperiert mit Behörden und hilft den Frauen, Perspektiven in Deutschland zu finden. Ferner bietet sie Rückkehrberatung an.



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