Mehr Perspektiven für Prostituierte
Bei der Mitternachtsmission des Diakonischen Werks gibt es nach der Finanzierungszusage der Stadt Heilbronn weiterhin Projekte, auch für Ausstiegswillige. Ein bis zwei Mal wöchentlich ist das Kontaktmobil auf Tour. Das mobile Angebot soll auf Sinsheim und Schwäbisch Hall ausgedehnt werden, weil es dort keine Fachberatung gibt.

Alexandra Gutmann und Kathrin Geih von der Mitternachtsmission des Diakonischen Werks haben Grund zur Freude. Zum einen ist seit einigen Wochen die Hängepartie um die Zukunft der Fachberatungsstelle für Prostituierte vorbei. Die Stadt Heilbronn übernimmt jetzt die Finanzierung. Diese Perspektive ist für das Team, das sich in diesem Bereich von einer befristeten Finanzierung zur nächsten gehangelt hat, besonders wertvoll.
Zum anderen fließen bis Ende 2021 EU-Projektmittel. Ziel ist es, Prostituierte dabei zu unterstützen, dass sie sich beruflich neu orientieren und eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung finden. Ein weiteres zeitlich begrenztes Projekt soll Brücken schlagen nach Sinsheim und Schwäbisch Hall, wo es keine Fachberatung gibt.
Seit 2012 gibt es in der Heilbronner Hafenstraße den Straßenstrich
Wichtigster Anker ist für die Mitternachtsmission, dass die Zukunft der Beratung für Prostituierte gesichert ist. Seit 2012 gibt es den Straßenstrich in der Hafenstraße. Rund 200 Frauen in der Neckarstadt arbeiten Schätzungen zufolge in der Prostitution, unter anderem in Bordellen, Nachtclubs und Terminwohnungen. Auch Studentinnen sind darunter, besonders im Escort-Service. Die Zahl der im Escort-Bereich tätigen Frauen ist allerdings schwer zu beziffern.
Den größten Hilfebedarf gibt es in der Armutsprostitution
Dass sich ihre Klientel verändert hat, haben Geih und Gutmann jüngst vor dem Verwaltungsausschuss dargelegt. Mangelndes Deutsch der Frauen, die häufig aus Bulgarien und Rumänien stammten, Analphabetismus und geringe Kenntnis über Verhütung, Risiken und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten stellen sie fest. Den größten Bedarf an Unterstützung gebe es in der Armutsprostitution.
Ein bis zwei Mal wöchentlich ist die Mitternachtsmission mit dem Kontaktmobil auf Tour. Der Name ist Programm. Die Sozialarbeiterinnen kommen so mit den Frauen ins Gespräch. "Wir versuchen, jede Frau anzusprechen, Infomaterialien weiterzugeben, über das Anmeldeverfahren als Prostituierte aufzuklären und über das Gespräch mit dem Gesundheitsamt", sagt Kathrin Geih. Krankenversicherung, Wohnungssuche und was zu tun ist nach erlebten gewalttätigen Übergriffen sind Fragen, die die Menschen beschäftigen, die ins Kontaktmobil kommen.
"Wir begleiten die Frauen seelsorgerisch." Es ist Rückzugsort und Schutzraum in einem. "Für einen Kaffee, oder auch, um die Beine auszuruhen", sagt Kathrin Geih. Zudem wird den Sozialarbeiterinnen in den meisten Etablissements Einlass gewährt, um Prostituierte zu beraten. Zwar gehen sie ergebnisoffen ins Gespräch. "Natürlich freuen wir uns, wenn jemand eine berufliche Perspektive sucht," sagt Geih.
Die Frauen haben meist einen guten Zugang zu anderen Menschen
Während der Pandemie hätten mehr von Armut bedrohte Frauen versucht, sich neu zu orientieren. Es sei wichtig, Vorurteile abzubauen, passende Deutschkurse zu bieten und Qualifizierungsmöglichkeiten. Ein Projekt fördert die Neuorientierung für EU-Bürgerinnen. "Wenn ein Arbeitgeber vorurteilsfrei ist, kann er den Umstand, dass die Frauen meist einen guten Zugang zu anderen Menschen haben, als Ressource sehen", sagt Gutmann. Im Verkauf und Service sei das von Vorteil. Mancher sei auf sie zugekommen, weil es Personalnot bei Saisonarbeitern gegeben habe.
Das zweite Projekt soll Brücken schlagen, nach Sinsheim und Schwäbisch Hall, weil es dort keine Fachberatung gibt. "Prostitution ist ein mobiles Gewerbe. Wir werden nun auch dort unterwegs sein", sagt Alexandra Gutmann. Auch wenn sie das Projekt begrüßt, wünscht sie sich "etwas Solides, um Menschen in prekären Lebenssituationen verlässlich beizustehen".
Historie der Prostituiertenberatung
Die Prostituiertenberatung gibt es in Heilbronn seit den fünfziger Jahren, sie ist der älteste Bereich der Mitternachtsmission. Das hat historische Gründe, sagt Alexandra Gutmann. Die Not in der zerstörten Stadt hatte nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer für die Einwohnerzahl verhältnismäßig großen Rotlichtszene geführt. Heute ist Prostitution im Stadtkreis teils erlaubt, im Landkreis nicht. "So gibt es dort keine Beratungsangebote, aber wir erleben die gleichen Bedarfe", sagt Gutmann. Weitere Mitternachtsmissionsbereiche sind das Frauen- und Kinderschutzhaus sowie Süd- und Nordstadtkids.



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