Prostitution verlagert sich in Pandemie-Zeiten verstärkt in Privatwohnungen
Das Sex-Geschäft läuft trotz Verbot: Die Polizei weiß von Fällen, in denen Prostituierte zu den Freiern nach Hause gebracht werden.

"Prostitution findet nach wie vor statt", sagt Beate Stürzl vom Verein Hope - Hoffnung für Frauen in Zwangsprostitution mit Sitz in Bretzfeld. Das Verbot während der Pandemie greift ihr zufolge nicht. Polizei und Ordnungsamt der Stadt Heilbronn bestätigen das.
Verstöße werden der Polizei zufolge derzeit vorrangig in Privatwohnungen festgestellt. Aufgrund des Beherbergungsverbots seien aktuell nur noch vereinzelt Verstöße in Hotels nachvollziehbar, teilt Gerald Olma, Sprecher des Präsidiums Heilbronn, mit. Die Polizei kennt Fälle, in denen Prostituierte zu den Freiern nach Hause gebracht worden sind.
In Etablissements brennt Licht
Beate Stürzl sucht nach eigenen Angaben jede Woche Frauen in der Region auf. In einer Einrichtung in den Böllinger Höfen in Heilbronn "gehen die Männer nach wie vor ein und aus", stellt sie fest. In einem Etablissement in der Kolpingstraße brenne weiter das Licht. Frauen, die vor der Pandemie auf dem Straßenstrich in der Hafenstraße tätig waren, bedienten Kunden nun in Wohnungen. Wenn sie sich dort mit den Frauen unterhalte, klingelten immer wieder Freier.
Viele Frauen versorgen mit den Einnahmen ihre Familien in Bulgarien, sagt Stürzl. Einige bezögen in der Pandemie Hartz IV. Es gibt einen Nothilfefonds des Landes. "Hier müssen die Frauen weiter Miete zahlen, ihre Schulden bei Zuhältern häufen sich." Für viele Prostituierte ist ihre Tätigkeit Existenzgrundlage, insbesondere im Bereich der Armutsprostitution, sagt Olma. In zwei Fällen hätten Vermieter überhöhte Mieten erhoben. Entsprechende Verfahren der städtischen Behörden laufen.
Bußgeld in Höhe von 350 Euro
Vergangenes Jahr zählte Rüdiger Muth, stellvertretender Leiter des Heilbronner Ordnungsamts, 35 Bußgeldverfahren wegen unerlaubter Prostitution. In den ersten drei Monaten dieses Jahr sind es 16. Der Regelsatz für die Geldbuße betrage 350 Euro für die Prostituierte. Verstöße werden aber nur festgestellt, wenn Kontrollen erfolgen. "Wir gehen deshalb von einem entsprechenden Dunkelfeld aus", sagt Olma. Die Polizei werde das Verbot nicht dauerhaft und umfassend überwachen können. Aber: "Den Kontrolldruck halten wir aufrecht."
Die Frauen befinden sich in einem Modus der Gleichgültigkeit, sagt Stürzl. Allerdings hätten sie mehr Zeit, ihre Situation zu reflektieren. "Eine Frau sagte, sie habe Selbstmordgedanken." In diesem Jahr zählt Hope zehn Anfragen von Frauen, die aussteigen wollen.
Stadt unterstützt Mitternachtsmission
Hope unterstützt die Kampagne "Rotlicht aus" vom Landesfrauenrat Baden-Württemberg und dem Verein Sisters. Ziel sei die Einführung des sogenannten nordischen Modells, das Prostitution verbietet und Freier bestraft, nicht aber die Sex-Arbeiterinnen.
Heilbronn unterstützt die Mitternachtsmission des Kreisdiakonieverbands finanziell. Die Fachberatungsstelle hilft Prostituierten, betreibt ein Kontaktmobil und sucht Menschen aus dem Milieu auf. Ordnungsamtsmitarbeiter Muth zufolge sind zum städtischen Etat Mittel angemeldet, um die Arbeit der Mitternachtsmission zu sichern.
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