Vanessa Stöhrl übersetzt Konzerte für Gehörlose
Gebärdendolmetscherin Vanessa Stöhrl interpretierte beim Neujahrsempfang der Stadt Heilbronn auch Liedtexte mit vollem Einsatz. Als sie in die Region kam, musste sie zwei Dialekte erlernen.

Rund 2000 Besucher sahen beim Bürgerempfang der Stadt Heilbronn nicht nur einen gut aufgelegten Eckart von Hirschhausen, sondern auch zwei engagierte Gebärdendolmetscherinnen. Mehr als zwei Stunden lang setzten sie jede Aussage, jeden Liedtext in Bewegung um. Bei "Despacito" interpretierte Vanessa Stöhrl ihre Übersetzung mit besonders viel Rhythmusgefühl. Wir haben bei der 29-Jährigen aus Neuenstadt nachgefragt, wie viel Vorbereitung so ein Auftritt erfordert.
Frau Stöhrl, wie übersetzt man denn einen spanischen Song simultan?
Vanessa Stöhrl: Ohne Vorbereitung geht das nicht. Ich kenne aber die Sänger von Mundartmonika von früheren Auftritten, sie haben mir den Text vorab geschickt. Bei dem spanischen Text brauchte ich schon Unterstützung für die Übersetzung. Gerade einen Liedtext versteht ohnehin jeder anders. Ein bisschen Interpretation ist da schon notwendig.
Der Text ist auch nicht ganz jugendfrei. Wie übersetzen Sie so etwas?
Stöhrl: Es gibt für alles eine Gebärde. Das ist kein Problem.
Sie sind rhythmisch so mitgegangen, man konnte das Gefühl bekommen, Sie sind die Fünfte im Mundartmonika-Quartett. Gehört das dazu?
Stöhrl: Es liegt mir sicherlich. Aber es ist auch Teil der Übersetzung. Durch meinen Körper zeige ich ja den Rhythmus an, damit die hörgeschädigten Besucher visuell aufnehmen können, was sie nicht hören.
Haben Sie eine Ahnung, wie viele Besucher in der Harmonie auf Sie angewiesen waren?
Stöhrl: Wir haben 16 gezählt, das Interesse ist groß. Ich habe das jetzt zum vierten Mal beim Bürgerempfang gemacht, da kennt man sich.
Dass das anstrengend ist, sieht man. Sie haben sich die Aufgabe mit Ihrer Kollegin Judith von Gaisberg geteilt.
Stöhrl: Ja, nach einiger Zeit merkt man schon, dass die kognitive Leistung des Gehirns und damit auch die Qualität der Übersetzung nachlässt. Deshalb ist es auch vorgeschrieben, dass bei mehr als einer Stunde zwei Dolmetscher eingesetzt werden müssen.
Wie haben Sie die Gebärdensprache erlernt?
Stöhrl: Ich habe es studiert, vier Jahre auf Diplom in Zwickau.
...die sächsische Gebärdensprache?
Stöhrl: Es gibt tatsächlich Dialekte. Als ich hierher gekommen bin, musste ich mich nicht nur an das gesprochene Schwäbisch gewöhnen, sondern auch an die schwäbische Gebärdensprache. Sie ist entstanden wie die gesprochene Sprache, so dass es viele Unterschiede gibt. Und dennoch versteht man auch die Gebärden in Berlin oder Hamburg.
Und Sie hatten vorher keinen Bezug zu Gehörlosen?
Stöhrl: Nein, das war Zufall. Ich habe nach einem Studiengang gesucht und fand, dass Gebärdensprachdolmetschen ziemlich spannend klingt. Es war viel Fleiß gefragt, aber am Ende war es genau das Richtige für mich. Fürs Dolmetschen braucht es ja noch einen Zwischenschritt. Man muss das Gehörte von der Text-Ebene auf die Inhalts-Ebene übertragen und dann in Gebärdensprache übersetzen. Das ist nicht einfach, vor allem weil der Sprecher nicht auf uns wartet. Man muss also gleichzeitig wieder zuhören, das braucht viel Training. Aber jetzt mache ich das hauptberuflich.
Wie oft übersetzen Sie dann Lieder?
Stöhrl: Leider viel zu selten. Meist habe ich es eher mit Vorträgen, Betriebsversammlungen oder ähnlichem zu tun.
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