Steht die Pflege bei SLK am Abgrund?
Ein anonymes Schreiben zeichnet ein düsteres Bild der Situation an den SLK-Kliniken. Der am schwersten wiegende Vorwurf lautet "gefährliche Pflege". SLK-Chef Thomas Weber nimmt Stellung dazu.

Steht die Pflege an den SLK-Kliniken vor dem Kollaps? Diesen Eindruck vermittelt ein anonymes Schreiben, das unsere Redaktion erreicht hat. Es enthält zahlreiche konkrete interne Informationen über den Arbeitsalltag sowie Schreiben an den Betriebsrat, an die Geschäftsführung und sogenannte Gefährdungsanzeigen – damit machen Mitarbeiter auf gefährliche Situationen aufmerksam, die sich zum Beispiel durch Personalmangel ergeben haben.
Der am schwersten wiegende Vorwurf lautet "gefährliche Pflege". Als Grund dahinter vermuten die Verfasser des Schreibens das Streben der SLK-Geschäftsführung nach "Gewinnmaximierung". Andere von der Redaktion befragte SLK-Pflegekräfte bestätigen die hohe Arbeitsbelastung, betrachten die Situation aber nüchtern und sagen: Viel Arbeit und Stress sind nichts Neues. In einem Gespräch mit unserer Zeitung bezieht SLK-Geschäftsführer Thomas Weber Stellung.
Durch chronische Unterbesetzung auf verschiedenen Stationen und dadurch, dass Aushilfen eingesetzt werden, komme es immer wieder zu "gefährlicher Pflege", heißt es in dem Schreiben: Lebensbedrohliche Situationen würden zu spät erkannt, Medikamente vor Verabreichung nicht kontrolliert.
Thomas Weber sagt, er sei sich darüber im Klaren, dass es immer wieder schwierige Konstellationen gebe. "Ich habe Verständnis für das Empfinden der Mitarbeiter und nehme das ernst." Die vielen Todesfälle, die auf der Covid-Normalstation zu beklagen seien, bedeuteten eine zusätzliche psychische Belastung. Gleichzeitig will er den Begriff "gefährliche Pflege" nicht stehen lassen und fragt: "Wo beginnt die?" Man müsse die Gesamtsituation sehen – also beispielsweise auch die Besetzung mit Ärzten. "Sicher gibt es immer wieder personelle Engpässe, aber im Vergleich zu anderen Häusern haben wir keine großen Probleme."
Leasingkräft nicht weiterbeschäftigt
Beispiel internistische Intensivstation. Hier liegt die vom Gesetzgeber festgelegt Pflege-Untergrenze bei 2,5 Personen pro Pflegekraft. In der ersten Welle wurde diese Grenze ausgesetzt. Weber sagt, eine Kraft hätte in dieser Zeit teilweise auch drei Patienten versorgen müssen. "Aber von Juni bis Oktober waren es im Schnitt deutlich weniger, nämlich zwischen 1 und 2."
Um Schwierigkeiten in besonders betroffenen Bereichen auszugleichen, würden Mitarbeiter temporär von anderen Stationen zur Aushilfe geholt. "Natürlich setzen wir zunächst auf Freiwilligkeit." Aber das funktioniere nicht immer, also müsse man teils abordnen – "die Patientenversorgung geht vor".
Nach der ersten Pandemie-Welle sei es zu einer großen Personalfluktuation gekommen, so die Verfasser des Schreibens. Mehrere Planstellen in einer Reihe von Abteilungen seien nicht besetzt. Zugespitzt habe sich die Situation dadurch, dass 90 Leasingkräft nicht weiterbeschäftigt wurden.
Große Berufsgruppe
Die Pflege ist die größte Berufsgruppe im Krankenhaus, bei SLK sind rund 1800 Mitarbeiter in diesem Bereich beschäftigt. Das Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren verändert, die Ansprüche an Pflegekräfte steigen. Seit 2020 gibt es bundesweit einheitlich eine generalistische Pflegeausbildung. Pflegende können so in unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Zudem gibt es inzwischen zahlreiche ergänzende Studienangebote, auch bei SLK.
"Wenn ich könnte, würde ich sofort 50 Pflegekräfte einstellen, oder auch 80", sagt Weber. Es sei jedoch nicht genügend qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt vorhanden. Manche Pflegekräfte wollten sich inzwischen gar nicht mehr fest anstellen lassen – auch weil man sich die Einsatzzeiten als Leasingkraft flexibler aussuchen könne. Doch genau da liege auch ein Problem. Häufig seien in der Vergangenheit Klagen über qualitative Probleme beim Einsatz von Leasingkräften gekommen – gleichzeitig würden diese oft besser bezahlt als Festangestellte. Das führe zu Konflikten.
Um diese aufzulösen, hat die Qumik GmbH, ein Zusammenschluss kommunaler Krankenhäuser im Land, zu dem auch SLK gehört, im Sommer selbst eine Leasing-Firma gegründet. Eigenes Personal soll bei Bedarf untereinander ausgetauscht werden. Die Zahl von 90 sei im Übrigen falsch – Weber nennt eine Anzahl von etwa 30 Leasingkräften, die zu seinem Amtsantritt bei SLK beschäftigt gewesen seien.
Eine weitere Strategie sei es, mehr auszubilden. Die Gesundheitsakademie habe ihre Kapazitäten aufgestockt, ein Hebammen-Studiengang sei etabliert worden. Außerdem arbeite man an einem besseren Bewerbermanagement und Strategien zur Personalbindung – unter anderem zahle SLK "einen Millionenbetrag über Tarif für Zuschläge, Bereitschaftsdienste oder Poolgeld, um die Flexibilität von Mitarbeitern zu honorieren".

Die Prioritäten hätten sich mit dem Geschäftsführerwechsel zu Jahresanfang deutlich verändert, heißt es in dem Schreiben. Über allem stehe jetzt die Maxime der "Gewinnmaximierung". Als Belege werden zwei Punkte angeführt: Betten würden nicht mehr gesperrt, auch wenn personelle Engpässe auftreten. Und: Der Betrieb sei zu Anfang der zweiten Corona-Welle zu lange auf Normalniveau weitergelaufen, damit SLK keine finanziellen Verluste mache.
"Automatismus der Bettensperrung"
"Diese Art der Interpretation ist falsch", sagt Weber. Er habe zu Amtsantritt im Januar seine Prioritäten klargemacht: An oberster Stelle stehe die Patientenversorgung, danach komme das Unternehmen, dann die Mitarbeiter. Richtig sei, dass er den "Automatismus der Bettensperrung" in Überlastungssituationen abgeschafft habe. Zuvor hatte SLK immer wieder einzelne Bereiche, zum Beispiel die Notaufnahme am Gesundbrunnen oder bestimmte Stationen, von der Versorgung abgemeldet. Die Konsequenz: Der Rettungsdienst musste andere Häuser anfahren, Ärzte konnten keine neuen Patienten schicken – selbst bei dringendem Behandlungsbedarf.
Weber sagt, auch in diesem Jahr seien wieder einzelne Bereiche wie die Geburtsstation oder die internistische Station abgemeldet worden, wenn es nicht mehr anders ging. "Aber erst prüfen wir, welche Alternativen es gibt" – also zum Beispiel, ob Mitarbeiter aus anderen Bereichen unterstützen können. Weber: "Der Versorgungsauftrag für die Bevölkerung steht über allem. Erst, wenn wir diesem wirklich nicht mehr nachkommen können, werden Betten oder Bereiche gesperrt."
Zum Thema Doppelbelastung durch Corona sagt Weber: Es sei richtig, dass die Pandemie die Situation in einigen Bereichen verschärft habe. Aktuell sei die Lage auch in der Mitarbeiterschaft angespannter als während der ersten Welle, auch weil viele Mitarbeiter selbst in Quarantäne seien. Inzwischen habe man den OP-Betrieb am Gesundbrunnen und am Plattenwald zurückgefahren – am Plattenwald, um auch von dort Personal zur Unterstützung an den Gesundbrunnen schicken zu können. Die Corona-Situation sei auch organisatorisch eine Herausforderung: "An einem Tag haben Sie vier Stationen mit 80 bis 90 Patienten, am nächsten Tag brauchen Sie eine fünfte, weil die Patientenzahl über 100 steigt." Man müsse immer aktuell reagieren.
Er meint: Angesichts der Personalknappheit komme SLK nicht umhin, Arbeit neu zu organisieren. Der Transformationsprozess sei schwierig und langwierig. "Da sind dicke Bretter zu bohren."


Stimme.de
Kommentare
am 12.12.2020 12:26 Uhr
Eigentlich wolle ich keinen Kommentar dazu schreiben, dass würde den Rahmen sprengen. Als ich den Artikel aber nochmals las, wurde es mir etwas komisch:
Welch moralische Unterstützung die Prioritäten:
1. die Patienten
2. das Unternehmen
3. die Mitarbeiter
Was sind denn die Patienten und das Unternehmen ohne die Mitarbeiter?
NICHTS