Spielsucht: Hunderttausende Euro für ein virtuelles Königreich verzockt

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Familienvater verzockt bei einem Online-Spiel auf seinem Mobiltelefon die Ersparnisse. Seine Frau bekommt nichts mit von seiner Abhängigkeit. Bis er im Gefängnis landet.

Immer greifbar und immer Aktion. Spiele auf dem Mobiltelefon sind besonders bei jungen Menschen beliebt. Doch bei manchen Spielen muss man bezahlen, um erfolgreich zu sein. Das kann teuer werden.
Foto: Drobot Dean/stock.adobe.com
Immer greifbar und immer Aktion. Spiele auf dem Mobiltelefon sind besonders bei jungen Menschen beliebt. Doch bei manchen Spielen muss man bezahlen, um erfolgreich zu sein. Das kann teuer werden. Foto: Drobot Dean/stock.adobe.com  Foto: /stock.adobe.com

Die Suche nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Sich unverzichtbar machen. Das Gefühl zu haben, der Beste zu sein. Mario Petrick ist süchtig danach. Um diese Sucht zu befriedigen, gibt er etwa 200.000 Euro bei einem Internetspiel aus. Und hätte um ein Haar alles verloren. Der 41-Jährige möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht.

Eigentlich sei er gar nicht der Zocker-Typ, erklärt der Hohenloher. Es habe aber eine Phase in seinem Leben gegeben, da sei ihm alles zu viel geworden. Sein Vater, zu dem er ein enges Verhältnis hat, erhält eine Krebs-Diagnose. Petrick hat das Gefühl, dass ihn seine eigene Familie einengt. Mehr aus Zufall gerät er an das Echtzeit-Strategie-Spiel "King of Avalon". Ein Königreich gilt es aufzubauen. Um im Kampf zu bestehen, braucht es Waffen, Ausrüstung. "Man muss bezahlen, um erfolgreich zu sein", sagt Petrick. Im Englischen nennt sich das Pay to win (bezahlen, um zu gewinnen). Und er bezahlt.

Im anwesend sein

Petrick steigt auf in der Spielerrangliste. Er gewinnt Turniere, schlägt sich im Verbund mit Drachen herum. "Man muss immer anwesend sein", sagt er. Dauernd eine Herausforderung, ein Krieg. Die Verbündeten warten. Und er ist der Stärkst unter ihnen. "Ohne mich ging bei dem Spiel nichts." Bis zu 2000 Euro pro Monat kostet ihn der Vorteil. Er erzählt heute noch, als sei die Phantasiewelt, in die er sich täglich sechs Stunden begibt, ein Teil seines Lebens.

Er sagt, dass seine Frau nichts von seiner Sucht mitbekommt. Gemeinsames Fernsehschauen gibt es nicht mehr. Er zieht sich zurück und spielt das Spiel auf seinem Smartphone bis spät in die Nacht. Die Beziehung zu seiner Partnerin leidet, er vernachlässigt seine Hobbys. "Am Wochenende war"s extrem. Morgens um 11 Uhr ging's los. Manchmal habe ich 24 Stunden gespielt."


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Meinung: Gefährliches Spiel


Er wollte anderen Helfen - Im Spiel

Tobias Schäfer von der Suchtberatung der Diakonie Heilbronn nennt es Verwerfungen. Bei ihm ist Petrick in Behandlung. "Das Leben wandert ins Spiel", sagt Schäfer. Menschliche Bedürfnisse wie Anerkennung und Erfolg erhalte der Spieler daraus. "Alles, was sich bewährt hat, wird handlungsleitend." Petricks wichtige Aufgabe sei es gewesen, anderen zu helfen. "Das war für ihn ein tolles Gefühl."

Im Spiel zeigt er keine Schwächen. 7000 Euro verzockt er innerhalb von zwei Monaten. Er nimmt Kredite auf. Doch das Geld reicht nicht. Um seine Sucht zu finanzieren, bestellt er sich Mobiltelefone, die er nicht bezahlt und weiterverkauft. Eines Morgens, als er das Haus verlässt, fängt ihn die Polizei ab. Gegen Petrick liegt ein Haftbefehl wegen Betrugs vor. Er sitzt fünf Wochen in Untersuchungshaft. "Das war der Horror. Ich hatte Kopfschmerzen vom Nachdenken und Weinen. Mir wurde bewusst, was ich aufs Spiel gesetzt habe." Aber es sei auch eine Erlösung gewesen. Fünf Wochen ohne Mobiltelefon. Fünf Wochen ohne sein Königreich.

Aufenthalt in der Entzugsklinik

Bei der Gerichtsverhandlung erhält er eine Bewährungsstrafe. Er muss in eine Entzugsklinik und sitzt mit Alkoholikern und Rauschgiftabhängigen in Behandlungen.

"Entscheidend war die U-Haft. Das war für ihn Impuls genug", sagt Schäfer. Der Sozialarbeiter erklärt, dass Petrick zu seinem Glück noch nicht alles verloren hat "Wenn eine Sucht das Leben zerstört, habe ich keinen Grund, mich noch anzustrengen."

Petrick hat mittlerweile wieder ein Smartphone. Apps kann er allerdings nicht herunterladen. "Meine Frau kontrolliert mich. Und das ist gut so. Es war doof, dass ich erst einen Arschtritt gebraucht habe."

Zahlen und Adressen

Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gelten derzeit 326.000 Menschen in Deutschland als problematisch Spielende und 180.000 Menschen als spielsüchtig. Die BZgA bietet bundesweit telefonische Beratung zur Glücksspielsucht unter der kostenfreien und anonymen Telefonnummer 0800/137 27 00. Betroffene und Angehörige aus der Region können sich an den Verein für Jugendhilfe in Heilbronn unter Telefon 07031/2181-525 oder an den Kreisdiakonieverband Heilbronn, Telefon 07131/964451 wenden. 


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