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So gefährlich ist der Süßstoff Aspartam wirklich

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Die Internationale Krebsforschungsagentur hat den künstlichen Süßstoff als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Wir erklären, was das für Verbraucher bedeutet.

Krebsforscher warnen vor Süßstoff Aspartam in Softdrinks, Joghurt und Kaugummi
Krebsforscher warnen vor Süßstoff Aspartam in Softdrinks, Joghurt und Kaugummi  Foto: fusssergei/stock.adobe.com

Der Fall, über den Medien schon vorab gemutmaßt hatten, ist eingetreten: Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC hat den Süßstoff Aspartam am 14. Juli als "möglicherweise krebserregend" eingestuft. Was das für Verbraucher bedeutet, ist hier erklärt:

 

Was ist Aspartam und worin ist es enthalten?

Aspartam ist ein künstlich hergestellter Süßstoff, der seit den 1980er Jahren in einer ganzen Reihe von Nahrungsmitteln und Getränken eingesetzt wird, zum Beispiel in Softdrinks oder kalorienreduzierten Getränken, darunter Cola Zero. In Kaugummi, Eis, Joghurt, Frühstücksflocken, Zahnpasta. Auch Hustenbonbons oder Nahrungsergänzungsmittel können Aspartam enthalten. Woran man erkennt, in welchen Produkten Aspartam enthalten ist, erklären unsere Kollegen von echo24.

 

Worauf basiert die Bewertung?

Die IARC, das ist der Krebsforschungszweig der Weltgesundheitsorganisation WHO, hat eine Sicherheitsüberprüfung von Aspartam durchgeführt. Die Fachleute unterscheiden in ihrer Einschätzung zwischen vier Stufen der wissenschaftlichen Evidenz − also Beweislage − zum Krebsrisiko. Klasse 1 bedeutet "krebserregend" mit starker Evidenz − das gilt zum Beispiel für Tabakrauch, Asbest, radioaktive Strahlung oder Alkohol. Klasse 2A bedeutet "wahrscheinlich krebserregend", darunter fallen heiße Getränke über 65 Grad Celsius, rotes Fleisch oder Glyphosat. Als "möglicherweise krebserregend" (Klasse 2B) gelten zum Beispiel Aloe Vera, Nickel oder niederfrequente Magnetfelder. In diese Kategorie wurde neu Aspartam eingeordnet. Auch Kaffeesäure taucht in Gruppe 2B auf, genauso wie Inhaltsstoffe von Pfeffer oder Basilikum. Klasse 3 in der IARC-Einstufung bedeutet "nicht beurteilbar", es liegt also zu wenig wissenschaftliche Evidenz vor, um eine Aussage machen zu können.

 

Sagt die Einteilung etwas über die Dosis aus?

Nein, und das ist einer der Knackpunkte. Die IARC-Einteilung berücksichtigt nicht die Dosisabhängigkeit sondern nur die Datenqualität für ursächliche Zusammenhänge. Klasse 2B oder "möglicherweise krebserregend" bedeutet: Es gibt Hinweise aus Tierstudien, aber noch keine klaren Beweise und wenige Humanstudien mit begrenzter Aussagekraft.


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Wie interpretieren Experten die Eingruppierung?

Der Ernährungsmediziner Martin Smollich vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein schreibt dazu im Kurznachrichtendienst Twitter: "Wer jetzt aus Angst vor Krebs auf Aspartam verzichtet, müsste auch auf Kaffee, fast alle Kräuter/Gewürze sowie erst recht auf Lebensmittel der Klasse 1 (Alkohol, verarbeitetes Fleisch) und Klasse 2 (rotes Fleisch, heiße Getränke, Backwaren, Pommes, Chips) verzichten." Eine Gruppe von Forscherinnen des St. Claraspitals Basel kommentiert im Auftrag des Science-Media-Center: "Die IARC möchte hier wahrscheinlich hauptsächlich ein Zeichen setzen und die Konsumenten dazu animieren, möglichst Wasser und ungesüßte Tees zu trinken, den Zuckerkonsum drastisch zu reduzieren, dabei aber Süßstoffe nur in Maßen zu konsumieren." Sie geben gleichzeitig zu bedenken, dass die Klassifikation problematisch sein könnte: "Sie könnte die Verbraucher dazu verleiten, mehr Zucker zu konsumieren, anstatt zuckerfreie oder zuckerarme Alternativen zu wählen, die nach wie vor gemäß der aktuellen Datenlage insgesamt immer noch gesünder sind."

 

Bleibt es bei der Tagesdosis, die bisher als unbedenklich galt oder hat die IARC diese nach unten korrigiert?

Bislang galt die Tagesdosis von 40 mg pro Kilogramm Körpergewicht als unbedenklich. Martin Smollich schreibt dazu auf Twitter: Cola Zero hat einen Aspartam-Gehalt von 130 mg/l. Das heißt: Ein Mensch mit 70 kg Körpergewicht müsste täglich 21 Liter Cola Zero trinken, um den gerade noch als unbedenklich geltenden ADI-Wert für Aspartam zu erreichen." Seine Schlussfolgerung: "Wer 21 Liter Cola Zero pro Tag trinkt, wird definitiv andere medizinische Probleme bekommen als Aspartam-Toxizität!" Smollich schreibt, es sei "natürlich besser, Wasser als Cola Zero zu trinken. Doch im Vergleich von Cola und Cola Zero schneidet die Süßstoff-Variante besser ab".

 

Welche Schlussfolgerungen bleiben für den Verbraucher?

"Es bleibt zu hoffen, dass die neue Einstufung besonnen aufgenommen wird und Konsumenten nicht dazu bringt, von Süßstoffen auf Zucker umzusteigen", sagt Stefan Kabisch vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung an der Berliner Charité. Für Zucker sei deutlich klarer belegt, dass er neben Karies auch Adipositas und Typ-2-Diabetes fördere und somit zum Krebsrisiko beiträgt. Sein Fazit: "Ein Umstieg von Süßstoffen auf Zucker würde sicherlich Krankheitsrisiken verstärken." Auch Martin Smollich schreibt: "Süßstoffe sind nicht die beste Option, aber fast immer besser als Zucker."

 

Was fordern die Forscher?

Dazu sagt Stefan Kabisch: "Die beste Folge aus dem aktuellen Statement wäre mehr methodisch klare Forschung zum Thema, insbesondere mit großen klinischen Interventionsstudien am Menschen zu verschiedenen Süßstoffen." Auch von der Studiengruppe aus Basel heißt es: "Die Wissenschaft ist dazu aufgefordert, mehr Studien zu den Auswirkungen von Süßstoffkonsum, ganz allgemein − nicht nur Aspartam − beim Menschen durchzuführen."

 

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