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Untergruppenbach

Attentat in Untergruppenbach ist bis heute nicht aufgeklärt

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Vor 40 Jahren wurden in Untergruppenbach drei Exil-Albaner getötet, die sich für ein unabhängiges Kosovo eingesetzt haben. Die Tat ist bis heute nicht aufgeklärt. Eine Nachbarin erinnert sich.

Für die Heilbronner Stimme berichtete Redakteur Uwe Jacobi 1982 über die Tat in Untergruppenbach. Das Geschehen ist bis heute nicht aufgeklärt.
Foto: HSt Archiv
Für die Heilbronner Stimme berichtete Redakteur Uwe Jacobi 1982 über die Tat in Untergruppenbach. Das Geschehen ist bis heute nicht aufgeklärt. Foto: HSt Archiv  Foto: Sawatzki

Die Nacht zum 18. Januar 1982: Die Straßen sind schneebedeckt, als kurz nach 22 Uhr ein grüner BMW 316 aus einer Garage auf der Habichthöhe in Untergruppenbach fährt. Im Rückwärtsgang legt das Fahrzeug einige Meter bis zu einer Kreuzung zurück und bleibt unter einer Straßenlaterne stehen. Dann geht alles sehr schnell: Aus dem Dunkel tritt ein Mann an die rechte Seite des Fahrzeugs und feuert aus nächster Nähe drei Schüsse ins Innere des Wagens. Ein zweiter Unbekannter tritt hinzu und schießt ebenfalls in den grünen BMW. Zwölf Kugeln treffen die Insassen, die beiden Täter flüchten. Dann heult der Motor des Wagens auf - der Fahrer hat den Fuß noch auf dem Gaspedal -, ehe der BMW losrollt und schließlich an einem Garagentor zum Stehen kommt.

Nachbarn eilen zu Hilfe

"Es war ein kalter Januartag" erinnert sich Anwohnerin Ursula Lindmaier. "Wir hatten Geräusche gehört, es war uns aber nicht gleich klar, dass das Schüsse waren", erzählt die Untergruppenbacherin. Kurz darauf seien sie und ihr Mann von Nachbarn angerufen worden, dass etwas Schlimmes passiert sei und man rausgehen wolle, um nachzuschauen. "Wir haben dann das Auto gesehen und gehört, der Motor lief noch laut", hat Lindmaier die Geschehnisse dieser Nacht auch nach vier Jahrzehnten noch ganz präsent. Im Wagen fanden die Nachbarn drei Männer.

 


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Eines der Opfer verdächtigt den Geheimdienst

"Wir riefen gleich den Notruf und haben Decken geholt, um die Drei zu wärmen", erzählt Lindmaier. "Zwei haben wir als die Brüder Bardosh und Jusuf Gervalla, unsere Nachbarn, erkannt. Der dritte Mann war, wie ich später erfahren habe, ein befreundeter Journalist aus der Schweiz." Letzterer, der 28 Jahre alte Zeka Khadri, ist ebenso wie der Fahrer Bardosh Gervalla (31) tödlich getroffen. Der 36-Jährige Jusuf Gervalla ist schwer verletzt und erliegt kurz darauf seinen Verletzungen. Er habe unmittelbar nach der Tat noch gesagt, dass die Täter im Auftrag des damaligen jugoslawischen Geheimdiensts gehandelt haben, erinnert sich die Nachbarin.

Denn die drei Opfer sind Albaner und als Streiter für ein unabhängiges Kosovo bekennende Gegner der damaligen Regierung in Belgrad. Die angedeutete Verbindung der Täter zum Geheimdienst konnte die damals eingerichtete Sonderkommission "Untergruppenbach" jedoch nie nachweisen, der Fall ist bis heute nicht geklärt. Mit Verweis auf das Landeskriminalamt schrieb damals Uwe Jacobi, Redakteur der Heilbronner Stimme, dass "das Vorgehen und die Treffsicherheit auf professionelle Schützen" schließen ließen.

Der Musiker, Schriftsteller und Journalist Jusuf Gervalla war 1980 aus seiner Heimat nach Ludwigsburg geflüchtet, um eine Verhaftung aus politischen Gründen zu umgehen. Einige Monate später war ihm seine Frau Suzana mit den beiden Söhnen und der Tochter gefolgt. Die Familien der beiden Brüder lebten in Untergruppenbach zusammen.

 


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Geld für Flucht bei Nachbarin hinterlegt

"In den Tagen nach der Tat hatten wir sehr viel Kontakt zu den beiden Frauen der Opfer", sagt Ursula Lindmaier. "Sie haben viel geweint, das war sehr schlimm." Eines Tages sei Bardosh Gervallas Frau zu ihr gekommen und habe sie gebeten, das Geld für ihren Flug nach Albanien zu verwahren, da sie sich in Deutschland nicht mehr sicher fühle. "Sie hatten viele Freunde im Haus, vermuteten unter ihnen aber auch diejenige Person, die sie verraten haben soll", so die Nachbarin.

Die Beziehung zu den Gervallas schildert Ursula Lindmaier als herzlich: "Das waren sehr nette Leute, so musisch und beeindruckend sprachbegabt. Ich hatte lange Jahre eine Schallplatte mit Aufnahmen des jüngeren Bruders. Er war Sänger in einem Chor."

Tochter eines Opfers ist heute Außenministerin

Die damals zehn Jahre alte Tochter von Jusuf Gervalla, Donika, sei oft bei den Nachbarn zu Besuch gewesen und auch als Erwachsene auf der Durchreise noch einmal zu den Lindmaiers gekommen. Donika Gervalla-Schwarz hat später Musik und Jura studiert, engagierte sich aber auch politisch. Seit März 2021 ist sie zweite stellvertretende Ministerpräsidentin sowie Außenministerin der Republik Kosovo.

 


Anwohner sind gegen Gedenktafel

Die drei Männer wurden auf dem Hauptfriedhof in Stuttgart beigesetzt, ihre sterblichen Überreste wurden 2002 in den Kosovo überführt. In Untergruppenbach sollte eine Gedenktafel an sie erinnern. Dagegen sammelten Anwohner Unterschriften, weil sie befürchteten, dass der frühere Wohnort der Gervallas zu einem "Wallfahrtsort" für Exil-Kosovaren werden würde, wie Ursula Lindmaier rekapituliert. zwi

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