Rechtsanwältin Birgit Uhl: Warum Prozesse wegen Sexualstraftaten besonders sind
Wem es nicht selbst widerfährt, kann sich kaum vorstellen, in welcher Schockstarre Frauen sind, die sexuelle Gewalt erleben, sagt Birgit Uhl. Die Rechtsanwältin für Strafrecht macht sich für Opfer stark.

Die Heilbronner Rechtsanwältin Birgit Uhl ist Fachanwältin für Strafrecht. Die 62-Jährige macht sich für Opfer stark. Sie vertrat im Prozess gegen einen wegen verschiedener Sexualstraftaten verurteilten Masseur eine der geschädigten Frauen.
Im Prozess gegen den Sexualstraftäter war es den Opfern freigestellt, vor Gericht auszusagen. Warum, denken Sie, haben sich vier Frauen zur Aussage entschieden?
Birgit Uhl: Die Frage wundert mich. Es ist doch der normale Weg, dass man eine Aussage macht. Und warum sollten sie nicht aussagen? Warum sollten sie nicht sagen, was ihnen passiert ist? Es stellt sich doch eher die Frage, warum es den Opfern so schwer fällt auszusagen.
Was gab bei Ihrer Mandantin den Ausschlag auszusagen?
Uhl: Die Frage kann ich beantworten, weil mich meine Mandantin ausdrücklich autorisiert hat. Sie wollte nicht mehr verdrängen, nicht mehr darüber schweigen. Sie wollte Rede und Antwort stehen. Sie sagte: Ich will, dass sich der Täter anhört, wie es mir geht.
Allen Frauen fiel die Aussage vor Gericht schwer, die meisten weinten.
Uhl: Es war sehr belastend für sie. Meine Mandantin sagte, es sei sehr intim gewesen, was vor Gericht gesagt wurde und hinterher auch in der Zeitung stand.
Können Sie erklären, warum sich die Frauen der Situation aussetzten?
Uhl: In meinen Augen ist es eine Art von Therapie. Sie müssen sich vor Gericht stellen und sagen: So war es. Und der hört es jetzt von mir. Opfer von Sexualdelikten sagen häufig hinterher, dass es für sie gut war. Nicht nur die Aussage, sondern zu sehen, wie ein Prozess abläuft.
Die Frauen wurden bei ihren Aussagen immer dann leise, wenn es darum ging, wie sie im Moment des Übergriffs reagiert haben.
Uhl: Die Frauen fragen sich selbst: Wieso habe ich mich da nicht heftiger gewehrt? Und das ist doch etwas, das auch Außenstehende sagen: Wieso hat sie sich nicht gewehrt? Sie wissen eben nicht, in welcher Schockstarre die Frauen sind. Selbst meine Mandantin, die klar Nein sagte und sich wehrte, stellte sich die Frage, ob sie Schuld hatte.
Das passiert häufiger. Woher kommt das?
Uhl: Schwer zu sagen. Frauen neigen dazu, sich die Schuld an etwas zu geben. Wenn dann noch eine Freundin oder ein Partner leise Kritik aufkommen lässt ...
Ist das der Grund, warum von sexueller Gewalt Betroffene keine Anzeige erstatten?
Uhl: Viele empfinden Scham. Sie möchten nicht drüber reden. Sie haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Auch im Fall des Masseurs dachte jede Frau, sie sei allein.
Wie geht es Ihrer Mandantin heute?
Uhl: Für sie bilden Nebenklage und Aussage eine Art Abschluss. Sie ist froh, dass sie den Schritt getan hat. Es ist alles ausgesprochen. Sie hat es dem Gericht erzählt, wildfremden Menschen. Ihr hilft es. Auch dass sich jemand dafür verantworten muss und klar gesagt wurde: Er ist der Täter.
In diesem besonderen Fall gibt es viele Opfer, und doch kamen die Taten eigentlich nur durch Zufall ans Licht.
Uhl: Ja. Nur weil eine Frau sagte, nein, das geht nicht, und zur Polizei ging. Ein öffentlicher Aufruf hat dann sein Übriges getan. Erst dadurch haben sich weitere Frauen gemeldet. Und so kam das Ausmaß ans Licht. Ich denke übrigens, das war nur die Spitze des Eisbergs. Nach dem Prozess bekam ich noch einige Anrufe von Frauen, die sich nicht bei der Polizei gemeldet hatten.
Wie kann es sein, dass jemand über Jahre hinweg mit der immer gleichen Masche die Behandlungssituation systematisch ausgenutzt hat?
Uhl: Teilweise hat er die Frauen schockiert. Er ist außerdem sehr überzeugt vorgegangen. Selbst einer Polizistin, die im Bereich von Sexualdelikten tätig ist und seine Kundin war, hat er versichert, das alles mit zur Behandlung gehöre. Er selbst mag von seiner Behandlungsweise auch überzeugt gewesen sein. Selbst bei den Frauen, die sich heftig gewehrt haben, war er sich seiner Sache sehr sicher. Er hielt sich wohl für einen Supertyp.
Was bleibt bei Ihnen von so einem Prozess haften, war das Routine?
Uhl: Nein, ich lasse es durchaus zu, dass ein Verfahren etwas mit mir macht. Dass ich mir auch außerhalb des Büros Gedanken mache. Es lässt mich nicht kalt, wenn ich sehen, dass jemand unter einer Tat leidet. Umso mehr freut es mich, wenn es hinterher heißt, danke, dass sie mich begleitet haben. Jetzt geht es mir besser.
Zur Person
Birgit Uhl (62) stammt aus Ludwigsburg und studiert in Mannheim Jura. Das Referendariat absolviert sie am Landgericht Heilbronn und teilweise am Brackenheimer Amtsgericht. Seit 1991 ist sie als Rechtsanwältin in Heilbronn tätig. Uhl ist verheiratet und lebt in Steinheim an der Murr.
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