Anklage gegen Masseur: Frauen brechen weinend zusammen
Im Prozess gegen einen Masseur, dem verschiedene Sexualdelikte vorgeworfen werden, sagen betroffene Frauen aus. Sie berichten, welche Folgen das Erlebte für sie hat.

Zwei Frauen brechen während ihrer Aussage in Tränen aus. "Ich kann es nicht mehr wiederholen", sagt eine 20-Jährige leise, sie schluchzt. Im Prozess vor dem Heilbronner Landgericht treten drei Frauen als Zeuginnen auf. Der angeklagte Masseur aus Bad Friedrichshall hatte zum Prozessauftakt die ihm zur Last gelegten Sexualstraftaten gestanden. Der Beschuldigte drang laut Anklage während der Behandlung für die Opfer meist völlig überraschend mit einem oder mehreren Fingern in Vagina oder After ein. Die sexuellen Übergriffe, die in sieben Fällen den Tatbestand einer Vergewaltigung erfüllen, belasten Opfer heute noch.
Opfer versagt die Stimme
"Ich habe Angststörungen", sagt eine 31-Jährige. "Angst, das Haus zu verlassen." Sie könne keine körperliche Nähe zulassen. Mit ihrem Freund habe sie nur noch ganz selten Geschlechtsverkehr. "Ich hatte das Gefühl, ich bin fremdgegangen, weil jemand anderes in meinen Körper eingedrungen ist."
Ihre Aussage beginnt die Frau mit fester, klarer Stimme. Als sie die Situation und den Hergang schildern soll, der dazu führte, dass der Masseur seine Finger in ihre Scheide einführte, bricht sie zusammen. Die Schultern beben, die Stimme versagt.
Gegenwehr der Frau bleibt wirkungslos
Als die Tat passiert sei, sei sie schon einige Mal vorher bei dem Masseur zur Behandlung gewesen. Als sie ihm von einer geplanten Operation wegen einer Erkrankung der Gebärmutter erzählte, habe der ihr vehement abgeraten, er könne das richten, das Problem "wegmassieren". "Er hat so lange auf mich eingeredet", sagt die Zeugin unter Tränen, sie habe schließlich zugestimmt. Als er dann mit den Fingern in sie eingedrungen sei, habe sie ihn mehrmals aufgefordert, er solle aufhören. "Er hat gesagt, da musst du jetzt durch." Als sie versuchte, seine Hand wegzudrücken, habe er mit Gewalt dagegen gehalten. "Er hat einfach weitergemacht."
Hinterher sei sie in ihrem Auto zusammengebrochen. "Ich habe lange mit niemandem darüber gesprochen, ich habe mir selbst die Schuld gegeben, weil ich zunächst zugestimmt habe." Inzwischen nehme sie jeden Abend Medikamente gegen ihre Angststörung, sie beginnt eine Psychotherapie.
Wohnungstür und Schlafzimmertür abgeschlossen
Sichtlich gefasst berichtet eine weitere Zeugin. Der Masseur habe immer wieder während der Behandlung ihren Hintern massiert und den Anus dabei berührt. Mehrmals habe sie ihm gesagt, er solle damit aufhören. Sie habe seine Hand von ihrem Körper weggezogen. Sie habe sich panisch gefragt, wie er reagieren werde, wenn sie aufsteht und geht. "Ich dachte, es ist besser, keine Angst zu zeigen", sagt die 26-Jährige. Unter Hinweis auf Schmerzen habe sie die Behandlung beendet. "Die erste Zeit danach war voll schlimm für mich." Sie habe nachts nicht nur die Wohnungstür abgeschlossen, sondern sich in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. Sie habe heute noch Probleme, wenn jemand sie plötzlich berühre.
Eine Woche nach dem Vorfall sei sie zur Polizei gegangen, sagt die 26-Jährige. "Es gab keine Zeugen, ich hatte keine Beweise. Aber ich dachte, wenn ich keine Anzeige erstatte, passiert es der nächsten. Auch wenn man mir nicht glaubt. Die nächste, die kommt, der wird man dann glauben."
Betroffene bricht ihr Schweigen
Eine 20 Jahre alte Zeugin hadert mit dem Geschehen. Als die Finger des Masseurs in ihren Intimbereich rutschten, wie sie vor Gericht beschreibt, habe sie sich hilflos gefühlt. Nackt und entblößt auf der Liege schaffte sie es nicht, dem Beschuldigten Einhalt zu gebieten. Das setzt der Frau heute noch zu. "So bin ich eigentlich nicht. Es ging so schnell." Lange habe sie nicht über das Erlebte sprechen können. Seit dem Vorfall leide sie unter Schlafstörungen, sie sei in therapeutischer Behandlung.
Opfer müssen nur aussagen, wenn sie möchten
Dem 62-jährigen Masseur wird wegen 13 Sexualstraftaten der Prozess gemacht. Wegen seines Geständnisses müssen Opfer nicht persönlich vor Gericht erscheinen und aussagen. Protokolle der polizeilichen Vernehmungen liest der Richter vor. "Viele Vernommene sind sehr betroffen von den Taten", berichtet Kripo-Beamter Heiko Gieser. Einzelne von ihnen seien deswegen in medizinischer Behandlung. Laut Polizei kommt es häufig vor, dass sich Opfer von Sexualstraftaten erst Tage nach einer Tat melden. "Viele Betroffene denken, sie seien ein Einzelfall." Sie gingen davon aus, dass man ihnen nicht glaubt.
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