Neues Buch über Lost Places in der Region: Auf der Suche nach den verlorenen Orten

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Ausrangierte Loks, alte Kneipen und verlassene Häuser, die von ihren Bewohnern erzählen: Der Fotograf Benjamin Seyfang hat ein Buch über Lost Places in der Region Heilbronn veröffentlicht.

Von Torsten Schöll
Nächster Halt: Endstation. Oft steckt Schönheit im Zerfall.
Nächster Halt: Endstation. Oft steckt Schönheit im Zerfall.  Foto: Seyfang

Die Töpfe stehen noch auf dem Herd. An einem Haken baumeln Milchkannen. Eine Kartoffelreibe liegt herum. Gerieben hat mit der seit vielen Jahrzehnten niemand mehr. Weiß emaillierte Küchenherde wie dieser hat in den 1930er-Jahren die Firma Kowa aus Kirchheim hergestellt. Ein Hinweis darauf, wie lange hier schon niemand mehr seine Suppe kocht? Vielleicht. Möglich aber auch, dass die letzten Bewohner dieses Hauses einfach genügsame Menschen waren und sich lange Zeit nichts Neues angeschafft haben.

Fasziniert von der Schönheit des Zerfalls

Benjamin Seyfang nennt das verlassene Haus mit Scheune, das im Zabergäu steht, "das Haus mit der schönen Küche". Wenn die Sonnenstrahlen durch die milchweißen Fenster fallen, strahlt das Blau der Küchenwände noch immer. Es ist die Schönheit des Zerfalls, die Seyfang fasziniert.

Übrig geblieben: Nachrichten des Tages aus dem letzten Jahrhundert.
Übrig geblieben: Nachrichten des Tages aus dem letzten Jahrhundert.  Foto: Seyfang

Alles, auch die kleinsten Details, die sich in dem Gebäude finden, sind weit über 60 Jahre alt. Hinweise finden sich zwischen Schutt, herabgefallenem Mauerputz und stapelweise alten Traktorreifen, die hier irgendjemand entsorgt hat, in fast allen Räumen des Bauwerks.


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Urban Explorer, zu Deutsch "Stadterkunder", sind auf der Suche nach verlassenen Orten wie diesem. In Städten, Dörfern, manchmal mitten in der Natur. Manche von ihnen, wie der 34-Jährige Seyfang, bringen es mit ihren Fotografien von Verfall und Niedergang zu einiger Bekanntheit.

Bilder dieser "Lost Places", eine Wortbildung aus dem Pseudoenglisch, werden im Internet von immer mehr Menschen eifrig geteilt. Seyfang hat 2012 über Arbeit mit Jugendlichen zum Thema Graffiti zu den Lost Places gefunden.

Autor ist in ganz Europa unterwegs

Der Metzinger ist in ganz Europa und manchmal darüber hinaus unterwegs, um Orte wiederzuentdecken, die andere lieber vergessen machen möchten. Seine Fotografien füllen inzwischen vier Bücher. Das neueste zeigt Bilder aus der Region Heilbronn. Die "schöne Küche" hat es, wie er erzählt, "wegen ihrer besonderen Farbigkeit" auf die Titelseite des Bildbands geschafft.

Die Heilbronner Waldschänke begrüßt keine Gäste mehr, bald wird das Gebäude abgerissen.
Die Heilbronner Waldschänke begrüßt keine Gäste mehr, bald wird das Gebäude abgerissen.  Foto: Seyfang

Wenn Seyfang einen verlassenen Ort betritt, lässt er nach Möglichkeit alles, was er vorfindet, unangetastet. "Leider machen das nicht alle", sagt er. Mutwilliger Vandalismus sorgt häufig dafür, dass der Prozess des Verfalls zur endgültigen Zerstörung wird.


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Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb Seyfang, der mittlerweile zu den bekanntesten Urban Explorer in Baden-Württemberg gehört, einen "Lost Place" mit größtmöglichem Respekt betritt.

Wie das alte Haus im Zabergäu gewähren verlassene Bauwerke immer auch ein Stück weit Einblick in das Leben seiner ehemaligen Bewohner. Ein Vogelkäfig, Kinderbücher, Zeitschriften - auch im "Haus mit der schönen Küche" muss es einmal ein Familienleben gegeben haben. Wann endete es? Und wieso so abrupt, dass die Töpfe noch auf dem Herd stehen, als ob das Essen bald fertig wäre?

Der Vogelkäfig steht noch auf dem Regal: Ein Haus, das schon vor langer Zeit verlassen wurde.
Der Vogelkäfig steht noch auf dem Regal: Ein Haus, das schon vor langer Zeit verlassen wurde.  Foto: Seyfang

Weitere Hinweise finden sich im ersten Stockwerk: Zeitungen liegen dort verstreut. Einige tragen die Jahreszahl 1919. Ein Schwäbischer Heimatkalender ist 1957 erschienen. "Man wird unweigerlich Zeitzeuge eines Geschehens", sagt Seyfang.

In den Untergrund geht er nie alleine

Falls es sich ergibt, fragt er um Erlaubnis, bevor er ein Gebäude betritt: Manchmal gelingt das, manchmal nicht. "Kommt jemand und sagt, ich solle das Grundstück verlassen, mache ich es ohne Widerrede." Er ist sich darüber im Klaren, dass Urban Explorer sich bei ihren Streifzügen auf heiklem Terrain bewegen - auch juristisch. Ob das ein Teil des Nervenkitzels ist?

Für den Metzinger stehen die Fotografie und das Erlebnis im Mittelpunkt. Und das ist mitunter nicht ungefährlich. Morsche Böden und halb eingestürzte Decken sind nur das eine.

Geht es in den Untergrund, sind Urban Explorer mit den ganz anderen Herausforderungen konfrontiert: "In alten Bergwerken oder Bunkeranlagen kommen Seil und Höhlenausrüstung zum Einsatz", erzählt er. Und Messgeräte, die die Zusammensetzung der Atemluft kontrollieren. "Steigt der CO2-Anteil in der Luft, kann das gefährlich werden." Unter der Erde ist Seyfang deshalb nie allein unterwegs.

Oft sind Häuser nach Erbstreitigkeiten verlassen

Durch eine nur halb geöffnete Hintertür zwängt sich Seyfang wieder ins Freie, klettert über ein paar Holzbohlen und Sträucher und springt auf die Wiese, die sich hinter dem "Haus mit der schönen Küche" ausbreitet.

Ein bisschen wie im Dschungel: Auch die zugewucherte Brücke im Jagsttal erzählt ein Stück Eisenbahngeschichte und gehört zu den Fundstücken im neuen Lost-Places-Buch über die Region Heilbronn.
Ein bisschen wie im Dschungel: Auch die zugewucherte Brücke im Jagsttal erzählt ein Stück Eisenbahngeschichte und gehört zu den Fundstücken im neuen Lost-Places-Buch über die Region Heilbronn.  Foto: Seyfang

Die Region Heilbronn, sagt der 34-Jährige, ist reich an verlassenen Orten: Bahnbauwerke wie der stillgelegte Lerchenbergtunnel und die Brücken der Jagsttalbahn sind darunter genauso wie verlassene Bäckereien, die Bunkeranlagen der ehemaligen Neckarenzstellung, Bauernhöfe, ein Pfarrhaus oder ein Autofriedhof. Gründe dafür, warum Gebäude aufgegeben werden, gibt es viele.

"Oft führen Erbstreitigkeiten dazu, dass sich niemand mehr um ein Haus kümmert", erklärt Seyfang. Manchmal schaffe der Denkmalschutz so hohe Hürden, dass der Verfall die Besitzer günstiger kommt als der Erhalt. "Und ganz selten gehört etwas einfach niemandem mehr", sagt Seyfang.

Nicht weit vom verlassenen Wohnhaus im Zabergäu hat Seyfang eine Dampflokomotive entdeckt, die in einem Industriegebiet auf den Gleisen der ehemaligen Zabergäubahn vor sich hinrostet. Um sie zu erreichen, geht es, wie so oft, zuerst durch wilde Brombeersträucher. Wie lange die grünlakierte Lok hier schon steht? Seyfang weiß es nicht. Die Zabergäubahn ist längst außer Betrieb, derzeit wird über eine Reaktivierung diskutiert.

"Lokomotivbau Karl Marx VEB Babelsberg": Diese Inschrift zeugt vom Ursprung der Industrielok, die an der Zabergäubahn vor sich hin rostet.
"Lokomotivbau Karl Marx VEB Babelsberg": Diese Inschrift zeugt vom Ursprung der Industrielok, die an der Zabergäubahn vor sich hin rostet.  Foto: Alternativer Fotograf

Bei der Lok handelt es sich um eine sogenannte Dampfspeicherlokomotive, die vor allem im Industriebereich zum Einsatz kam. Ein verrostetes Schild weist auf ihren Ursprung hin: "Lokomotivbau Karl Marx VEB Babelsberg", entziffert Seyfang. Spätere Recherchen werden ergeben, dass die Lokomotive, Baujahr 1953, einst in den Buna-Werken in Schkopau, Sachsen-Anhalt, zum Einsatz kam. Der volkseigene Betrieb Lokomotivbau Karl Marx Babelsberg wurde 1992 abgewickelt.

Ein Stück Geschichte nacherleben

Seyfang steigt ins Führerhaus und nutzt die hereinfallenden Sonnenstrahlen, um Fotos zu machen. Das besondere an Dampfspeicherlokomotiven war, dass das Wasser im Druckkessel von außerhalb der Lok mit Dampf erhitzt wurde. Ohne eigene Feuerbüchse konnte diese Art von Lok zum Beispiel auch dort eingesetzt werden, wo Explosionsgefahr herrschte.

Es sind kleine Entdeckungen wie diese, die Seyfang immer wieder antreiben. "Lost Places sind immer voller Details, die man nur sieht, wenn man die Augen offen hält", sagt er. Über Urban Explorer, die achtlos von einem Hotspot zum nächsten eilen, kann sich der gelernte Abwassertechniker nur wundern. Einen Sinn für verlassene Orte zu entwickeln, sagt der 34-Jährige, heißt auch, sich die Orte mit Geduld, Schritt für Schritt und mit großer Umsicht zu erschließen.

In den besten Momenten gelingt es Seyfang auf diese Weise, ein Stück von der verlorenen Geschichte eines verlassenen Ortes nachzuerleben. Dann hat der Urban Explorer sein Ziel erreicht.

 
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