Nach 20 Jahren Euro fällt die Bilanz zwiespältig aus
Die Preise haben sich in den 20 Jahren nach der Einführung des Euro sehr unterschiedlich entwickelt. Niedrigzinspolitik und Inflationsrate lassen die Sorgen der Bürger wieder wachsen.
"Die Sorgen der Bürger habe ich immer verstanden", sagt Hans Hambücher, wenn er an die bewegteste Zeit seiner beruflichen Karriere zurückdenkt. Seit dem Ende der 1990er-Jahre war der damalige Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Heilbronn nahezu ununterbrochen unterwegs, um für den Euro zu werben, der 1999 als Buchgeld und schließlich am 1. Januar 2002 als Bargeld beim Endverbraucher eingeführt wurde.
Damit endete die über 50-jährige Erfolgsgeschichte der D-Mark. Und viele Deutsche, die noch die Währungsreform 1948 miterlebt hatten, sahen der neuen europäischen Währung mit großer Skepsis entgegen. "Der Euro wird zum Teuro", war Schlagwort und Befürchtung schlechthin, die Hambücher immer wieder zu hören bekam. "Die D-Mark war unglaublich beliebt. Sie bedeutete für Deutschland einen Neuanfang in der Stunde Null und ihre Erfolgsgeschichte hatte die Menschen geprägt", erläutert Hambücher die Gründe der tief verwurzelten Skepsis gegenüber dem Euro.
Umtausch fällt weg
Alle anderen Herausforderungen bei der Euro-Umstellung wie die Umrechnung des Kurses und die technischen Voraussetzungen seien dagegen vergleichsweise harmlos gewesen. "Und im ersten Reisesommer nach der Umstellung haben es die Bürger dann auch als angenehm empfunden, dass man kein Geld mehr umtauschen muss. Das hat Europa näher zusammengebracht", erinnert sich der heute 74-Jährige.
Unangenehmer sei dagegen der Preisauftrieb in bestimmten Branchen gewesen. "Manche Lebensmittel und ein Besuch in der Gastronomie wurden über Nacht teurer, aber das hat sich auch wieder eingependelt. Und dann gab es ja nur eine moderate Inflation. Zudem haben sich die technischen Geräte im Laufe der Jahre verbilligt", bilanziert Hans Hambücher.
Transparenz im Handel
Ein Blick auf die damaligen Anzeigen und Prospekte zeigt, wie sehr gerade der Lebensmittelhandel bemüht war, Transparenz bei den Preisen herzustellen. Zumindest die Discounter, aber auch Modegeschäfte zeichneten in ihrer Werbung die Preise in den ersten Wochen nach der Euro-Einführung durchgängig in alter und neuer Währung aus. Manche senkten den Preis quasi als Marketing-Instrument bewusst um mindestens einen Cent. So kostete der Becher Yoghurt nach einer Stimme-Übersicht am 4. Januar 2002 bei Aldi, Kaufland, Lidl und Norma jeweils 0,29 Cent, am 31. Dezember hatte er noch 59 Pfennig gekostet, das waren gut zwei Pfennige mehr. Ein Pfund Kaffee war für jeweils 2,49 Euro zu haben (Lidl: 2,35). Der D-Mark-Preis lag fünf Tage zuvor noch bei 4,98 und damit umgerechnet einige Pfennige höher als der Euro-Preis.
Bei Tengelmann wurde dagegen genau umgerechnet. Dort kostete das Kilo gemischtes Hackfleisch 3,55 Euro (6,94 D-Mark). Anders sah es in den Restaurants, Gaststätten und Bäckereien der Region aus. Hier konnten zahlreiche Betriebe der Versuchung nicht widerstehen, kräftig zuzulangen. So wurde aus dem Schnitzel für 8,90 Mark häufig 7,90 Euro, aus der Pizza für 5,90 DM, 4,90 Euro. Und auch die meisten Brötchen waren plötzlich fünf Cent teurer als Tage zuvor.
Die Auflistung beider Währungen in Anzeigen oder bei der Auszeichnung in den Regalen hielt sich noch einige Monate. Und auch das Aus für die D-Mark kam nicht Knall auf Fall. Ganze acht Wochen konnten die Deutschen weiterhin in beiden Währungen bezahlen.
Überraschende Entwicklungen
Auch ein Blick auf vergleichbare heutige Angebote überrascht. So kostet das Pfund Kaffee derzeit im Angebot 4,44 Euro, das sind immerhin rund 44 Prozent mehr als vor 20 Jahren. Beim Kilo Hackfleisch muss heute rund 35 Prozent mehr auf den Ladentisch gelegt werden. Auch die Benzinpreise machen neidisch. Beim Rückblick auf die Euro-Umstellung zum 1. Januar 2002 kostete der Liter Diesel 79,9 Cent, weit weniger als die Hälfte von dem, was heute an der Zapfsäule verlangt wird. Super gab es damals für 95,9 Cent, heute muss der Autofahrer 1,63 Euro für einen Liter Diesel berappen, für Super 1,74 Euro. Die Preissteigerung ist aber nicht nur der neuen Währung geschuldet, sondern liegt auch an weltpolitischen Entwicklungen und den deutlichen Steuererhöhungen bei Energiepreisen in den vergangenen Jahren.
Neue Ängste
20 Jahre nach der Einführung des Euro sind wieder alte, längst überwunden geglaubte Ängste aufgetaucht, die die Deutschen beschäftigen. Die Stichworte lauten: Inflation, Nullzinspolitik und Schuldengemeinschaft.
Das macht auch Hans Hambücher Sorge. "Stabilität war immer unser Anker für Wohl und Wohlstand und ich hoffe, dass eine Vergemeinschaftung von Schulden nicht kommt. Das würde uns am stärksten treffen", betont der 74-Jährige. Wie andere Banker sorgt sich Hambücher in der Nullzinspolitik auch um die Sozialsysteme. "Das trifft uns alle, aber es ist schon so, dass die Verlierer eher die unteren Schichten sind und angesichts der Aktien- und Immobilienentwicklung die Gewinner eher dir Reichen", zieht der langjährige Kreissparkassenchef Bilanz nach 20 Jahren Euro.






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