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Interview

"Das Haus Europa sturmfest machen"

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Mit Blick auf 20 Jahre Euro fordert der Volkswirt Uwe Burkert im Stimme-Interview eine gemeinsame europäische Strategie für die Zukunft.

Er war lange Jahre Chefvolkswirt der LBBW-Bank und hat die Entwicklung des Euro hautnah verfolgt. Heute sieht Uwe Burkert, Generalbevollmächtigter der Kreissparkasse Waiblingen, den Euro trotz Problemen auf einem soliden Fundament.

 

Herr Burkert, können Sie sich noch erinnern, wie Sie die Einführung des Euro erlebt haben?

Uwe Burkert: Die reale Einführung mit Scheinen und Münzen war schon ein ganz besonderes Gefühl. Während die jungen Leute euphorisch oder gelassen waren, trieb die älteren Menschen die Sorge um, dass der Euro ein Teuro wird. Und als wir 2002 nach Frankreich fuhren und nicht umtauschen mussten, war das sehr berührend.

 


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Damals hieß die große Frage: Wird der Euro ein Teuro. Wie lautet die Antwort nach 20 Jahren?

Burkert: Der Euro ist eine stabile Währung und hat sich auch bewährt, selbst in den härtesten Krisen. Das Vertrauen in die Währung blieb auch in der Finanz- und Eurostaatenkrise. Natürlich gab es Schwankungen, aber der Außenwert steigerte sich zum Dollar und auch zu anderen Währungen. Auch im Innenverhältnis hatten wir Rückenwind, die Inflation ging meist nach unten.

In Gaststätten und beim Einkaufen hatten viele Bürger das Gefühl, die Preise seien deutlich gestiegen. Teuro wurde 2002 gar zum Wort des Jahres. 

Burkert: Wir sind im Vergleich zu den romanischen Ländern sehr sicherheitsorientiert und haben eine deutlich niedrigere Hauseigentumsquote. Das spürt man bei Konsum und Investitionen. Und der Warenkorb von damals entspricht nicht mehr dem von heute. So wird der Vorteil, den wir im Ausland genießen, in der Statistik nur schwer abgebildet. Nach den Fakten ist die Inflation im Durchschnitt aber seit Euro-Einführung niedriger als zu D-Mark-Zeiten. Gefühlt sehen das die Deutschen wohl anders.

 


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Was ist denn für die Bürger dauerhaft billiger geworden und wo gab es große Verteuerungen?

Burkert: Im Dienstleistungsbereich waren die Preissteigerungen relativ hoch, auch bei Lebensmitteln wie Brezeln und Brötchen. Auf der anderen Seite sind Reisen günstiger geworden. Und man konnte man im Zuge der Globalisierung immer günstiger einkaufen. Jetzt spüren wir die Verknappung und Lieferengpässe. Generell lässt sich sagen, dass in der Anfangsphase um 2004 Deutschland der kranke Mann in Europa war. Damals hätten die Zinsen für Deutschland tiefer liegen müssen, für die anderen Länder höher. Nach der Finanzkrise war es umgekehrt. Aber die Wirtschaft insgesamt hat mit einem höheren Wachstum stark profitiert. Der Privatmann hat gewonnen, der sich Häuschen und Aktien gekauft hat, das hat der Euro begünstigt.

Andererseits wurden die Maastricht-Stabilitäts-Kriterien verletzt, es folgten Finanz- und Eurokrise. Wurde das Vertrauen in den Euro beschädigt?

Burkert: Mit der Einführung des Euro war das Haus zwar bezogen, es war aber noch nicht wetterfest. Als dann die Stürme kamen, mussten schnell passende Maßnahmen gezimmert werden. Es hat sich gerächt, dass die Eurozone nicht weiterentwickelt wurde. Die EZB hat funktioniert, aber auf fiskalpolitischer Seite gab es keine Institution, die den Druck wegnehmen konnte. Der Stabilitätspakt wurde erst später geschlossen. Jetzt wäre es an der Zeit, am europäischen Haus weiterzubauen, das Dach wetterfest zu machen und die Stärken weiterzuentwickeln. Denn in Zukunft werden eher China und die USA Probleme mit der Währung bekommen, nicht der Euro, der auf einem soliden Fundament steht.

 

Derzeit machen Niedrigzinspolitik, Inflation und Vergemeinschaftung der Schulden Sorgen. Müsste die EZB nicht endlich die Zinsen erhöhen?

Burkert: Die EZB lässt sich ungern etwas vorschreiben. Sie könnte aber zumindest behutsam gegensteuern und die zinsfreie Mindestreserve erhöhen. Denn jetzt wirkt der Negativzins wie eine Steuer und man kann sich vor der Inflation kaum schützen. Viel schlimmer sind die negativen Realzinsen aber für die Altersversorgung, das macht mir große Sorgen. Man sollte ehrlich sein gegenüber der Bevölkerung. Für uns gibt es angesichts der Entwicklung in China und den USA kaum Alternativen zu Europa und zum Euro. Deshalb müssen wir gemeinsam die großen Herausforderungen der Zukunft meistern.

Wie blicken Sie mit dem Euro in die Zukunft?

Burkert: Der Euro ist jetzt volljährig, es gilt, den weiteren Weg mit einer gemeinsamen Strategie für Europa zu planen. Wir müssen das Haus Europa sturmfest machen, das heißt Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit in allen Ländern stärken. Ein Flickenteppich wäre kontraproduktiv.

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