Kraichgau-Klinik behandelt große Bandbreite von Beschwerden nach Corona-Infektionen
In Bad Rappenau werden Patienten mit Erschöpfungszuständen nach einer Covid-Erkrankung behandelt. Störungen und Zerstörungen gilt es dabei zu unterscheiden. Man müsse jeden Patienten einzeln anschauen, ein Standardprogramm helfe nicht, sagt Chefarzt Dr. Peter Trunzer.

Die Liste, die Heike B. über ihre Symptome angelegt hat, ist lang. Seit sich die agile Krankenschwester im Dezember 2020 "am Patienten" angesteckt hat, war sie nicht mehr bei der Arbeit. Schwindel, Erbrechen, Durchfall, Erschöpfung, Kraftlosigkeit, hohes Fieber, Appetitverlust, Verlust des Geschmacks- und des Geruchssinns, Kurzatmigkeit, kognitive Ausfälle, Haarausfall, Blasenschwäche. Hinzu kam das Sjögren-Syndrom, eine Austrocknung der Schleimhäute: "Meine Sehschärfe betrug zeitweise nur noch 25 Prozent, die Augen brannten." Auf der Schmerzskala von eins bis zehn bewegte sie sich wochenlang bei neun: "Das war fast nicht auszuhalten". Ihr Alltag stand Kopf.
Wegen Gleichgewichtsstörungen mehrfach gestürzt
Marion B. erging es anders, obwohl auch sie an Long-Covid-Fatigue leidet. Als medizinische Fachangestellte war sie auf der Corona-Station eines baden-württembergischen Krankenhauses im Einsatz, bis sie selbst erkrankte und seitdem nicht mehr auf die Beine kam. Während Heike B. 15 Kilogramm Gewicht verlor, nahm Marion B. zu. Sie leidet an Rückenschmerzen, Steifigkeit und Muskelschmerzen und an einer Reizblase. Zudem hat sie Gleichgewichtsstörungen, stürzte mehrfach.
Wie ihre Mitpatientin hat auch Marion B. Geruchs- und Geschmacksstörungen. Doch während die eine bei einem Kartoffelgericht ranzigen Käse schmeckt, riecht die andere Zigarettenrauch, wo keiner ist. Nach acht Minuten bei 20 Watt auf dem Ergometer ist bei Marion B. Schluss. Beide Frauen sind 53 Jahre alt. Beide absolvieren an der Kraichgau- Klinik in Bad Rappenau eine Rehabilitation, die sich speziell an Long-Covid-Patienten richtet.
Kein Laborwert könne Long Covid beweisen, sagt der Chefarzt
Keiner der 40 Patienten, die er seit Sommer behandelt hat, gleiche dem anderen, sagt Chefarzt Dr. Peter Trunzer. Einer seiner männlichen Patienten könne nicht gehen, ein anderer aufgrund seiner Atemnot nicht sprechen. Fast alle erleiden Rückfälle nach körperlicher Anstrengung. Die Post-Covid-Fatique ähnelt dem Fatique-Syndrom nach Borreliose, nach Pfeifferschem Drüsenfieber oder nach einer Chemotherapie. "Das Gemeinsame ist, dass man die Ursachen der Erschöpfung nicht kennt", sagt Trunzer. Das mache auch eine Einstufung beim Wiedereinstieg in den Beruf oder in die Rente so schwer. Kein Laborwert könne Long Covid beweisen. Die Wissenschaft beruhe noch ausschließlich auf der Befragung von Betroffenen.
Vermutet wird, dass minimale Veränderungen im Körper das Immunsystem entfesseln. "Es ist, als ob der ganze Körper durcheinander läuft", sagt Marion B. - ausgelöst durch das Virus. Beide Frauen müssen nun ihre Grenzen akzeptieren: Wenn sie sich überfordern, wirft sie das um Tage und Wochen zurück.
Bei Post- oder Long-Covid müsse man jeden Patienten einzeln anschauen, ein Standardprogramm helfe hier nicht, sagt Peter Trunzer. Immerhin 80 Prozent der Betroffenen würden wieder gesund werden, schätzt er: "Ich gehe bei den meisten von einer schrittweise Erholung aus, es sei denn, sie überlasten sich zu früh." Aber die Medizin werde auch lernen müssen zu erkennen, was Störungen und was Zerstörungen sind.
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