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Komplexes System: Wie umgehen mit schwächeren Schülern?

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Den Hauptschulabschluss an Realschulen anstreben: Das ist möglich. In den Klassen fünf und sechs wird das Können aber auf höherem Niveau abgefragt. Daran gibt es viel Kritik.

Ein Lehrer unterrichtet in einem Klassenzimmer einer Realschule.
Ein Lehrer unterrichtet in einem Klassenzimmer einer Realschule.  Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) schlägt für Realschulen Alarm. Dort können Jugendliche zwar den Hauptschulabschluss machen. In den Klassen fünf und sechs wird aber nur auf dem Mittleren Niveau geprüft, das auf die Mittlere Reife vorbereitet. Erst nach Klasse sechs entscheidet sich, ob ein Kind auf dem grundlegenden Niveau den Hauptschul- oder auf M-Niveau den Realschulabschluss anstrebt.


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In der Region fallen Reaktionen auf die Umfrage unterschiedlich aus. Zumal eines fehlt: Gemeinschaftsschulen unterrichten bereits ab Klasse fünf auf unterschiedlichem Niveau. Im Kern geht es um die Frage: Wie umgehen mit schwächeren Schülern?

Die Leintalschule Schwaigern setzt auf eine pragmatische Lösung

In der Leintalschule Schwaigern sieht sich Rektor Andreas Allmang zu einer pragmatischen Lösung gezwungen, denn in den jeweiligen Klassenstufen sitzen nur wenige Schüler mit Hauptschulniveau. Ein separater Zug wäre nicht möglich. "In Klasse neun haben wir 72 Schüler, davon sind nur fünf auf dem G-Niveau", sagt Allmang. "Wir brauchen organisatorisches Geschick." In Schwaigern nutzt man dafür den Gemeinschaftsschulzweig. Denn auch dort wird der Hauptschulabschluss angeboten, sodass sich beide Zweige gemeinsam auf die Prüfung vorbereiten. "Wir nutzen also Synergieeffekte."

In der Einstiegsklasse fünf sieht Rektor Andreas Allmang, dass oft zwei bis drei Kinder stark gefordert seien. "Ihnen würde eine Schule mit grundlegendem Niveau guttun." Im Gegensatz zum VBE hält es Allmang für sinnvoll, dass die Realschulen den Hauptschulabschluss anbieten. Allerdings seien oft organisatorische Kniffe nötig, um den Spagat hinzubekommen und allen Niveaus gerecht zu werden.


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Den Vorschlag des Verbandes, die Orientierungsstufe um ein Jahr zu verkürzen, hält er für sinnvoll. In Klasse fünf kommen Kinder aus verschiedenen Grundschulen an die Realschule, wo sie sich erst zurecht finden müssten. Ein großer Teil des Schuljahres sei dem Wiederholen gewidmet. Ab Klasse sechs komme dagegen viel Neues hinzu. Allmang: "Es macht pädagogisch keinen Sinn, wenn sich die überforderten Kinder ein ganzes Schuljahr quälen müssen."

Verbandsvertreter kritisiert, dass schwächere Realschüler zwei Jahre lang frustriert seien

Das sieht Joachim Blaesse, stellvertretender VBE-Kreisvorsitzender in Heilbronn, genauso. "Es ist ein Unding, ein Kind zwei Jahre zu frustrieren." Gut wäre es, hätten Kinder und Familien viele Wahlmöglichkeiten. Ein Hauptschulabschluss sei ja nicht das Ende der Fahnenstange, blickt er auf ein durchlässige System. Er kennt eine Realschule in der Region, die schwache Fünft- und Sechstklässler auffängt. Gebe es in einer Arbeit eine Fünf oder Sechs, erhalte das Kind noch mündlich eine Rückmeldung, wo es gut sei. "Man muss das Kind sehen, nicht das Fach."

Diese Einschätzung teilt Peter Beyer, der den Jagsttal-Schulverbund mit Werkreal- und Realschule in Möckmühl leitet. Ein Großteil der Familien hält sich zwar an die Grundschulempfehlung, ein kleiner Teil an der Realschule aber nicht. "Die dadurch vorhandene Heterogenität bleibt bis zu den höheren Klassenstufen bestehen und ist eine enorme Herausforderung". Er betont: "Die Zielsetzung bleibt. Es gilt, jedem Kind gerecht zu werden und jedes Kind individuell zu fördern." Das sei aktuell an der Realschule "ein unglaublicher Spagat" für die Lehrer.

Über alle ein G-Niveau? Eltern haben ohnehin schon den Überblick im Schulsystem verloren

Ginge es nach Harald Schröder von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), würde man an Realschulen schon in den unteren Klassen auf G-Niveau prüfen, so wie das bis vor ein paar Jahren möglich war. Dass es für Familien verwirrender würde, Werkreal-, Real- oder Gemeinschaftsschule zu unterscheiden, glaubt der GEW-Kreissprecher nicht. "Die Eltern haben den Überblick bereits verloren." Seiner Meinung nach ist es im aktuellen System für Realschulen wichtig, schwache Schüler "so gut es geht" individuell zu fördern. "Es fehlen aber Lehrer."


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Die Otto-Klenert-Verbundschule in Bad Friedrichshall bietet Real- und Werkrealschule an. Der Zug der Werkrealschule sei stabil zweizügig. "Wir erreichen viele Eltern", sagt Rektorin Nicole Schluchter. Die Trennung tue den Kindern gut. Das stärke beide Schularten. "Wir profitieren vom Verbund." Zumal Kinder schnell zwischen den Schularten wechseln könnten, wenn es die Leistungen erlauben.

Gemeinschaftsschulen (GMS) unterrichten auf unterschiedlichem Niveau. Differenzierung und Individualisierung gehöre zu den Kernfähigkeiten von Lehrern, sagt der Hohenloher Matthias Wagner-Uhl, der den Verein für GMS führt. Es sei herausfordernd. "Wenn man sich ihr aber stellt und im Team arbeitet, ist sie zu stemmen."

 

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