Lehrer werden trotz Pädagogenmangels in die Arbeitslosigkeit geschickt
Das Land Baden-Württemberg appelliert an Teilzeitkräfte, länger zu arbeiten. Dabei laufen mancherorts Verträge befristet angestellter Pädagogen aus.

Seit 2013 ist er Pensionär, da hatte Julius Würz schon 37 Berufsjahre als Lehrer hinter sich. Dann kam ein Brief vom damaligen Kultusminister Andreas Stoch, weil Lehrkräfte fehlten. Ruheständler wurden gebeten, sich zu melden. "Meine Frau hat damals gesagt, das ist genau das Richtige für dich." Jetzt ist er 72 und hat jahrelang weiter unterrichtet, bis zu 13 Stunden, ein halbes Deputat.
Der finanzielle Anreiz war nicht groß
Nun ist es genug mit Englisch und Ethik, das Homeschooling während Corona hat ihm die Lust verdorben. "Sonst hätte ich vielleicht weitergemacht", sagt der Bad Wimpfener. "Ich hatte eine schöne Zeit an der Otto-Klenert-Realschule in Bad Friedrichshall." Auch wenn der finanzielle Anreiz nicht groß gewesen sei. "Ich musste doppelt Steuern zahlen, bekam rund 800 Euro dazu. Nicht viel für einen halben Lehrauftrag."
Lehrer wie Julius Würz, die über das Pensionsalter hinaus vor der Klasse stehen, sucht das Land derzeit händeringend. In einem Brandbrief hatten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper jüngst an Pädagogen appelliert, zu überlegen, "ob Sie Ihren Ruhestand noch etwas hinausschieben oder uns als Pensionär unterstützen können".
Denn die Situation an den Schulen ist auf Kante genäht, besonders in den naturwissenschaftlichen Fächern. "Chemie ist nicht so einfach, Gott sei Dank haben wir zwei Kollegen, aber krank werden darf niemand", sagt Melanie Haußmann, Leiterin der Heinrich-von-Kleist-Realschule in Böckingen und geschäftsführende Schulleiterin der Heilbronner Schulen, außer der Gymnasien.
Schulleiterin musste acht neue Stundenpläne machen
Wegen vieler Schwangerschaften und weil die Frauen in der Corona-Zeit dann nicht mehr arbeiten durften, habe sie acht neue Stundenpläne gemacht. Viele Kollegen hätten schon jetzt aufgestockt wegen der Ausfälle. "Es gibt viel Solidarität." Den Appell aus Stuttgart sieht sie skeptisch. "Wer Stunden reduziert, nimmt weniger Gehalt in Kauf, das machen die wenigsten einfach so." Oft sei die Versorgung Pflegebedürftiger oder der Kinder der Grund. "Für manche ist es nicht so einfach, länger zu arbeiten."
Dass die Verträge angestellter Lehrer und etwa auch der Referendare zu den Sommerferien auslaufen, ärgert sie. "Das sind Stellen, auf die wir angewiesen sind. Die Menschen sollen adäquat entlohnt werden." Auch mit Blick darauf wünscht sie sich mehr Wertschätzung für diesen "anstrengenden, schönen Beruf". "Wenn Lehrer ein anderes Standing hätten, würden sich mehr junge Menschen für diesen Weg entscheiden."
Eine, deren Arbeitsvertrag endet und die in den nächsten Wochen Arbeitslosengeld beziehen muss, ist Anna M. (Name geändert). Gern würde sie an ihrer Schule bleiben, "aber ich habe Angst, das klappt nicht". Wenn sie Alleinverdiener wäre, wäre ihr das Risiko zu groß. "Meine Kosten laufen ja auch über den Sommer weiter." Einen neuen Vertrag an der Wunschschule zu bekommen sei "kein Selbstläufer".
Harald Schröder, GEW-Kreisvorsitzender Heilbronn, weiß von einer Lehrerin in ähnlicher Situation, die an einer Waldorfschule einen unbefristeten Vertrag bekommen habe. "Die haben wir verloren."
Stichtagsmodell ist im Gespräch
Beim Land ist ein Stichtagsmodell im Gespräch. Wer vor einem bestimmten Datum eingestellt wird, würde auch über den Sommer bezahlt. Kosten: 14,8 Millionen Euro jährlich. Noch ist das nicht im Haushalt eingestellt.
Spezialfall bei der Lehrerversorgung sind die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Ein Viertel der 18 Kollegen von Schulleiterin Susanne Kugel von der Neckartalschule sind gar keine Lehrer, arbeiten aber als solche. Logopäden, Physiotherapeuten sind darunter. "Segen und Fluch zugleich", findet Susanne Kugel. "Jedes Jahr kaufe ich die Katze im Sack, weil ich nicht weiß, wer wie zurecht kommt." Sie sagt: "Ich brauche echte Lehrkräfte, das sind wir den Kindern schuldig."
Beim Staatlichen Schulamt Heilbronn, zuständig für rund 150 Schulen, heißt es, die Personalsituation sei schwierig. Schulamtsleiter Markus Wenz appelliert an Pensionäre, direkt beim Schulamt anzurufen, auch Menschen mit pädagogischer Vorerfahrung seien gefragt, die etwa eine Ausbildung im Bereich Sprachförderung gemacht hätten. "Wir freuen uns über jede Bewerbung." Auch bei Vorbereitungsklassen und Ganztagsbetreuung gebe es Bedarf. Mit der Arbeitsagentur kooperiert das Schulamt, um Partner von Lehrern Stellen zu vermitteln.
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