Unterricht auf M-Niveau: Wie es an der Katholischen Schule im Verbund gemeinsam geht
Am Freien Bildungszentrum St. Kilian lernt der letzte Jahrgang von Haupt- und Realschule im Verbund. Gemeinschaftsschule bringt Änderung für Zeugniseintrag.
Kein so großes Problem wie staatliche Realschulen hat Daniel Kammerer mit Orientierungsstufe und Unterricht auf M-Niveau für Hauptschüler. Denn das Katholische Freie Bildungszentrum St. Kilian Heilbronn, in dem der 42-Jährige derzeit noch mit Haupt-, Real- und Gemeinschaftsschule drei Schularten unter einem Dach leitet, geht einen eigenen Weg. In den Verbundklassen der zum Ende des Schuljahres auslaufenden Real- und Hauptschule muss in den Eingangsklassen fünf und sechs nicht ausschließlich auf mittlerem Niveau unterrichtet werden. "Bei uns darf ein Hauptschüler Hauptschüler sein und ein Realschüler Realschüler."
Niemand will auf eine Hauptschule gehen
Zwar lernen Schüler beider Niveaus gemeinsam. Unter dem Zeugnis von fünf bis zehn Kindern einer Klasse steht aber "Hauptschulzeugnis", "Realschulzeugnis" unter dem der anderen. "Wir hätten zwei Realschulklassen aufmachen können", erzählt Kammerer von der Zeit, als die verbindliche Grundschulempfehlung wegfiel und niemand mehr auf eine Hauptschule gehen wollte. Allenfalls auf eine Werkrealschule - die St. Kilian mit damals nur einer Hauptschulklasse nicht anbieten konnte. Doch da man möchte, dass alle Grundschüler des Bildungszentrums, die bleiben wollen auch bleiben können, sei man damals auf die Verbundschule gegangen.
Die interne Differenzierung zwischen Real- und Hauptschülern erleichtere der Marchtaler Plan: "Das hat es total vereinfacht", so Kammerer. Denn für die Zeiten freier Stillarbeit und Lernzeiten für gebundene Freiarbeit, die das auf ganzheitliche und individuelle Förderung abzielende Konzept vorsieht, bekommen die Schüler Aufgaben auf ihrem jeweiligen Level.
Wochenpläne differenzieren zwischen dem einfacheren G- und dem mittleren M-Niveau. Die Kollegen unterrichten vor der Klasse generell auf mittlerer Stufe, leisten schwächeren Schülern aber Hilfestellung, erklärt Kammerer. In den Arbeiten schaffe man den Ausgleich mit verschiedenen Aufgaben, einer differenzierteren Punkteverteilung und gegebenenfalls auch über den Notenschlüssel.
Realschulaufsetzer führt zum Abitur
An dieser Art Unterricht hat sich durch die Einführung der Gemeinschaftsschule 2018 nicht viel geändert. Nur steht jetzt "Gemeinschaftsschule" unter den Zeugnissen. Dazu das Level, für das die Benotung erfolgt. Hier wird G oder M noch um das erweiterte Modell ergänzt, schließlich kann man an St. Kilian auch Abitur machen. Nicht nur am Gymnasium, sondern auch über den Realschulaufsetzer nach dem mittleren Bildungsabschluss an Real- beziehungsweise Gemeinschaftsschule.
Aber gibt es nicht dennoch Unfrieden zwischen Schülern so verschiedener Leistungsstufen? Möglichem Mobbing wirkt Kammerers Ansicht nach die Gemeinschaft entgegen: Die Klassen eines Jahrgangs aller Schulformen liegen auf demselben Flur, es wird gemeinsam zu Mittag gegessen, AGs besucht. Ausflüge finden zusammen statt. "Ich finde, das fällt gar nicht so auf", sagt auch eine 16-jährige Heilbronnerin, die gerade ihren Hauptschulabschluss gemacht hat, über das gemeinsame Lernen.
Grundschulempfehlung hat Berechtigung
Ein Problem, das Kammerer aber auch für St. Kilian sieht: "Wenn Eltern finden: Mein Kind muss ...'" etwa Abitur machen. Oder auf die Realschule gehen, obwohl die Grundschulempfehlung dagegen spricht. Hierfür findet der Schulleiter drastische Worte: "Das ist ein Verbrechen am Kind."
Denn die Grundschulempfehlung habe ihre Berechtigung. Da seine Schule Kinder aus dem ganzen Landkreis aufnimmt, kann er beurteilen: "Die Grundschullehrer machen einen fantastischen Job." Kammerer wünscht sich, dass sie den weiterführenden Schulen zumindest vorgelegt werden solle, damit die aufklären und Eltern von Viertklässlern die Angst nehmen könnten. Denn die Möglichkeiten, ab Klasse 9 an einer beruflichen Schule weiterzumachen, seien hierzulande ebenso "fantastisch" wie der Job der Grundschullehrer. Etwa für die 16-jährige Hauptschulabsolventin. Sie wird am hauswirtschaftlichen Zweig der Christiane-Herzog-Schule weitermachen.
Abschaffung von Hauptschulen ideologisch bedingt
Mit seiner Meinung stößt der Rektor ins gleich Horn wie Heinz-Peter Meidinger. Der pensionierte Gymnasialdirektor aus Bayern und Präsident des Deutschen Lehrerverbands moniert in "Die zehn Todsünden der Schulpolitik" eine zu schnelle Abfolge von Schulreformen ohne wissenschaftliche Grundlage zur Qualität. Ursache vom "beispiellosen Absturz Baden-Württembergs bei den Lernerfolgen im Rahmen von nationalen Schulleistungsvergleichen ab dem Jahr 2016" ist laut Meidinger unter anderem die "keineswegs sachlich, sondern rein ideologisch motivierte Abschaffung von Haupt- und Realschulen" und "die Aufkündigung der verbindlichen Grundschulempfehlung".
Ebenso wie der Lehrerverband-Präsident, der "die Vernachlässigung der beruflichen Bildung" als eine bildungspolitische Todsünde ausmacht, sieht Kammerer die Verantwortung dafür, dass das Abitur fatalerweise höher geschätzt wird als eine erstklassige duale Ausbildung und deutsche Abiturienten für zu alt befunden wurden, bei der Politik. Er und seine Kollegen müssen die Folgen ausbaden: Die verschiedenen Niveaus in einer Klasse unter einen Hut zu bekommen, sei "ein deutlicher Arbeitsaufwand für die Lehrkräfte." Auch am Freien Katholischen Bildungszentrum St. Kilian.
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