Autoimmunerkrankung: Wenn das Immunsystem Amok läuft
Abendvorlesung "Medizin hautnah" in Heilbronn mit Professor Jörg Henes aus Tübingen über Ursachen, Diagnose und Therapie von Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Diabetes und Multiple Sklerose.

Es ist die Armee des Körpers: Das Immunsystem verteidigt uns gegen feindliche Eindringlinge und Saboteure, es vernichtet Viren und Bakterien ebenso wie entartete (Tumor-)Zellen und räumt den Zellschrott beiseite. "Das sind so die wichtigsten Dinge", erläutert Professor Jörg Henes bei der Abendvorlesung "Medizin hautnah" am Dienstag. Der Saal Unter der Pyramide in der Kreissparkasse Heilbronn ist zum ersten Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie wieder voll besetzt, das Publikum trägt zum großen Teil freiwillig Maske. Denn das Immunsystem ist nicht unbesiegbar. Und es kann im Zusammenspiel der vielen beteiligten Komponenten auch aus dem Gleichgewicht geraten - dann bekämpft die Armee quasi das eigene Land. "Wenn das Immunsystem Amok läuft", lautet der vielsagende Titel der Vorlesung: "Autoimmunerkrankungen haben viele Gesichter."
Tatsächlich weiß die Medizin sehr vieles noch nicht im Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen, den Facharzt dafür gibt es nicht. Henes selbst ist Rheumatologe und ärztlicher Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Klinische Immunologie, Rheumatologie und Autoimmunerkrankungen (Indira) in Tübingen. Im Gespräch mit Moderatorin Iris Baars-Werner wird er später die "Unterversorgung" in diesem Bereich beklagen. Wer in die interdisziplinäre Sprechstunde von Indira kommen will, müsse lange Wartezeiten in Kauf nehmen.
Am Anfang steht immer eine Entzündungsreaktion
Eine Autoimmunerkrankung manifestiert sich immer in einer Entzündung. Am bekanntesten ist wohl die Rheumatoide Arthritis, bei der Gelenke versteifen und zerstört werden. Auch die Spondyloarthritis greift Gelenke an - beides betrifft rund zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland, mithin rund 1,6 Millionen Menschen. "Das sind wirklich viele", sagt Henes. Jedes Organ kann angegriffen werden. Die Erkrankung kann einen leichten Verlauf nehmen wie bei milden Formen der Psoriasis (Schuppenflechte) oder der Augenentzündung Uveitis, aber auch Organentzündungen wie Morbus Crohn hervorrufen sowie zu schwersten und akut lebensbedrohlichen systemischen Erkrankungen wie dem Hämophyagozystosesyndrom oder einer akuten Lungenblutung führen.
Genetische Faktoren, Ernährung und die Bedeutung des Geschlechts
Was man vermutet: Autoimmunerkrankungen hängen offenbar mit einem vermehrten Zellumsatz zusammen. "Es wird mehr Zellschrott freigesetzt und das Abräumen funktioniert nicht richtig", erklärt Henes. Was lange rumliege, erwecke die Aufmerksamkeit der T- und B-Zellen: Das Immunsystem wird scharf gemacht. Darüber hinaus gibt es ein Konglomerat an möglichen Ursachen, Ernährung spielt wohl eine Rolle - empfohlen wird der Verzicht auf rotes Fleisch - und eine Beteiligung der Gene wird bei den allermeisten Erkrankungen vermutet. Letztlich aber, so der Rheumatologe, haben Betroffene einfach Pech gehabt. Fast 80 Prozent sind Frauen: "Eventuell liegt im höheren Frauenanteil ein evolutionäres Erbe." Der Hormonwechsel bei Schwangerschaften scheine Einfluss zu nehmen auf den Verlauf von Autoimmunerkrankungen.
Angenommen wird, dass durch eine wie auch immer geartete Stimulation im Körper vermehrt Entzündungsvermittler, sogenannte Zytokine, ausgeschüttet werden, erläuterte Henes am Beispiel der Rheumatoiden Arthritis. Zwischen Anti- und Proinflammatorischen Zytokinen bestehe normalerweise ein Gleichgewicht, das dann gestört ist. Die Entzündung tritt zuerst an der Gelenkhaut auf, die sukzessive zerstört wird und das Gelenk irreversibel schädigt.
Auch Rheuma kann tödlich sein
Dass man an Rheuma nicht sterben könne, diese Annahme sei "definitiv falsch". Aber die Situation für Betroffene habe sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich gebessert: "Es gibt keinen anderen Fachbereich, der so viele neue Medikamente auf den Markt gebracht hat wie die Rheumatologie." Heilen lasse sich die Rheumatoide Arthritis zwar genauso wenig wie alle anderen Autoimmunerkrankungen, "aber für die allermeisten Patienten gibt es eine gute Therapie."
Biologica revolutionieren die Rheumatologie
Eines der wichtigsten Mittel, um die Entzündungsreaktion im Körper zu dämpfen, ist aber immer noch Kortison: "Wir sind gottfroh, dass es das gibt." Wegen der Langzeitnebenwirkungen werde das Mittel jedoch nur im akuten Krankheitsschub eingesetzt. Gute Erfolge werden seit einigen Jahren mit sogenannten Biologica erzielt. Der Begriff bezeichnet eine Gruppe unterschiedlicher gentechnisch hergestellter Antikörper, die Zytokine abfangen, Rezeptoren blockieren oder auch bestimmte Zelltypen zerstören können. Diese Therapie sei mittlerweile "sehr etabliert", Biologica hätten die Möglichkeiten in der Rheumatologie revolutioniert. Doch der Vorgang sei "hochkomplex, da muss man mit viel Demut herangehen", bekennt Henes. "Wenn man am falschen Schräubchen dreht, kann man auch Schaden anrichten."
Neue Möglichkeiten verspricht sich der Professor vom "Reset des Immunsystems": Es wird erst zerstört und dann mittels Stammzellentransplantation wieder aufgebaut - der im Prinzip sehr wirksame Eingriff sei jedoch "maximal aggressiv", berge "ein hohes Sterberisiko" und komme deshalb nur bei schwersten Fällen in Betracht.
Die erste Diagnose stellt oft der Hausarzt. Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet, dem empfiehlt der Rheumatologe aber, sich je nach betroffenem Organ einen Facharzt mit zusätzlicher Qualifikation und entsprechender Fortbildung zu suchen. Danach zu fragen, so Henes, "ist legitim".






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