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Wehmütig bis abgeklärt: Die Stimmung in Neckarwestheim ein Jahr nach Abschaltung des Kernkraftwerks

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Ein Jahr nach Abschaltung des letzten Kernkraftwerks fließt in Neckarwestheim weiterhin die GKN-Gewerbesteuer. Wenn im Atomdorf gejammert wird, dann auf hohem Niveau. Wie ist die Stimmung vor Ort?

Vor einem Jahr wurde das Kernkraftwerk Neckarwestheim, kurz GKN, als eins der letzten in Deutschland vom Netz genommen.
Vor einem Jahr wurde das Kernkraftwerk Neckarwestheim, kurz GKN, als eins der letzten in Deutschland vom Netz genommen.  Foto: Gerhard Mayer

Seit einem Jahr weht keine weiße Dampffahne mehr über dem GKN, wie alle in der Region das Gemeinschaftskraftwerk Neckar nennen. Was für Heilbronn der Wartberg, für Untergruppenbach die Stettenfels oder für Weinsberg die Weibertreu, ist das Atomkraftwerk für Neckarwestheim: ein Wahrzeichen (gewesen).

Es machte die kleine, aber dank der runden Reaktoren insbesondere Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre rasant auf heute 4200 Einwohnern gewachsene Gemeinde reich und förderte die Identifikation der Bürger mit ihrem Ort. So erzählte etwa Holger Morlok, Unternehmer und Neckarwestheimer Gemeinderat (FBV) anlässlich der Abschaltung am 15. April 2023 unserer Redaktion: "Wenn ich im Urlaub war und die Wolke gesehen habe, wusste ich, dass ich wieder daheim bin."


Neckarwestheimer Gemeinderat weint Kernkraftwerk GKN keine Träne nach

Heute sagt der 43-Jährige: "Ich trauere dem keine Träne nach. Weder emotional noch wirtschaftlich." Als Gewerbetreibender und Gemeinderat sehe er, der auch Vorsitzender des Bunds der Selbstständigen in Neckarwestheim ist, nicht pessimistisch in die Zukunft.

Eine ganz andere Haltung hat Uwe Mundt: "Das Land wird immer ärmer, und wir müssen immer höhere Preise zahlen", sagt der 80-jährige Neckarwestheimer. 27 Jahre lang war er für die Öffentlichkeitsarbeit des GKN zuständig. Die Regierungspolitik hält er für unverantwortlich: "Seit der Abschaltung der Kernenergie geht es mit der Wirtschaft bergab." Im Ort selbst würde man es es nicht merken, aber am Strompreis beziehungsweise an den Energiepreisen insgesamt. Kernenergie war für den ehemaligen GKN-Sprecher sauber, preiswert, verlässlich und effizient, die Abschaltung eine Dummheit.


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Neckarwestheim will Rücklagen vom GKN-Geld in die Zukunft tragen


Neckarwestheim hatte Zeit, sich auf den Atomausstieg vorzubereiten

Nichts verändert hat sich seit der Abschaltung in den Augen von Gottfried Kazenwadel. Der Gemeinderat (FWV) ist "nicht unglücklich darüber". Einige Beschäftigte mussten sich umorientieren, glaubt der 58-jährige Agrarwirt, und natürlich werde die Abschaltung Auswirkungen auf die Gemeindefinanzen haben. Man habe aber genug Zeit gehabt, sich vorzubereiten.

Die Stimmung im Ort? "Eher etwas wehmütig", glaubt Bürgermeister Jochen Winkler. Da gebe es mehrheitlich einen Abschiedsschmerz, "auch wenn es sicher Leute gibt, die froh sind, dass der Block abgeschaltet ist". Doch alle haben von dem GKN profitiert. Die Vereine etwa. Sie haben jetzt tolle Sportanlagen, der Ort sei gewachsen, "und die Leute wissen, dass die Zukunft schwieriger wird".

Kernkraftwerkabbau in Neckarwestheim ist aufwendig

Finanziell habe sich bisher noch nichts geändert, berichtet Winkler. Erst wenn die Brennelemente aus dem Reaktor entnommen und der BGZ (Gesellschaft für Zwischenlagerung) übergeben würden, änderten sich die Gewerbesteuereinnahmen. Der Bürgermeister rechnet damit, dass das noch zwei, drei Jahre dauert. Derzeit würden die Rohrleitungen gespült und von Radioaktivität befreit. "Es wird von innen nach außen gearbeitet", weiß Winkler. "Jeder Schritt, jede Schraube muss dokumentiert werden", beschreibt er den aufwendigen Abbau.

Da das Aus der Atomkraft schon bei seinem ersten Amtsantritt 2016 bekannt war, habe man bereits 2017 mit Konsolidierungsmaßnahmen begonnen und den Haushalt umgestellt. Ob für eine Maßnahme, ein Projekt, Geld da ist oder nicht? "Das hat man früher nicht überlegen müssen."

Neckarwestheim kaufte sich Schloss Liebenstein vom GKN-Geld

Daher leistete sich die Gemeinde, unter anderem, nicht nur die für den Ort eigentlich überdimensionierte Reblandhalle, sondern kaufte 1982, quasi aus der Portokasse, Schloss Liebenstein. "Bevor es dubiose ausländische Investoren tun", war, so Winkler, damals die Sorge. Über den zugehörigen Golfplatz wollte man die ehemalige Adelsresidenz eigentlich finanzieren, doch die Rechnung ging nicht auf. Nachdem die Gemeinde Liebenstein an einen Erbbaupächter abgegeben hat, "sind wir jetzt dabei, die Golfclub-Problematik zu lösen".

Doch man jammere auf hohem Niveau. Während diverse Sparmaßnahmen schon seit Jahren umgesetzt werden, der Haushalt angepasst und Subventionen gestrichen wurden, die Infrastruktur des Orts aber möglichst erhalten wird, sind es in erster Linie Presseanfragen aus aller Welt, die seit der GKN-Abschaltung vor einem Jahr nachgelassen haben. Dadurch, dass Deutschland nun international aus dem Fokus der Kernenergie rückt, sorgt Winkler aber die Gefahr, "dass man politisch in Vergessenheit gerät". Schließlich sei der atomare Abfall noch da, die Entsorgung würde auf die lange Bank geschoben. "Hätten wir ein Endlager gehabt, hätte Fukushima das nicht ins Kippen gebracht", ist Neckarwestheims Bürgermeister überzeugt.

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