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Gesundheit

Wundermittel beim Abnehmen? Neue Medikamente schützen nicht vor Jo-Jo-Effekt

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Viele Übergewichtige setzen ihre Hoffnung in neuartige Diabetes-Medikament, die auch das Gewicht reduzieren. Doch es gibt viele Unsicherheiten.

Fast sieben Prozent der Krebsneuerkrankungen in Deutschland sind auf Übergewicht zurückzuführen.
Fast sieben Prozent der Krebsneuerkrankungen in Deutschland sind auf Übergewicht zurückzuführen.  Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Verschiedene neue Präparate, die eigentlich Diabetes-Patienten helfen sollen, werden seit einigen Monaten als vermeintliche Wundermittel zur Gewichtsreduktion gehypt. Zunächst stand die "Abnehmspritze" mit dem Wirkstoff Semaglutid im Fokus, nun das  Präparat Tirzepatid.

Doch Studien zeigen für beide Medikamente: Die Medikation wieder abzusetzen, dürfte schwierig werden. Experten haben die Lage im Auftrag des Science Media Center eingeschätzt. Hier ein Überblick: 

 

Vermeintliche Wundermittel zur Gewichtsreduktion: Was ist Tirzepatid?

Tirzepatid ist ein Medikament gegen Diabetes (landläufig Zucker), das laut dem Pharmaindex "Gelbe Liste" besonders erfolgversprechend ist. Bei Diabetes mellitus Typ 2 gelang es demnach in mehreren Studien, den Blutzuckerwert HbA1c sowie das Körpergewicht "signifikant und stärker als mit vielen anderen Antidiabetika zu reduzieren". Die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat sich kürzlich für die Zulassung als Präparat zur Gewichtsabnahme ausgesprochen. Damit wird es künftig wohl eine starke Konkurrenz für die Semaglutid-haltigen Präparate geben, die bereits unter den Handelsnahmen Ozempic und Wegovy auf dem Markt sind. Der Handelsnahme von Tirzepatid ist Mounjaro.

Tirzepatid  führt laut Studien schon bei einmal wöchentlicher Gabe zu einer deutlichen Reduktion des Gewichts. Experten gehen davon aus, dass der Effekt noch größer sein könnte als der von Semaglutid. Die Erwartungen an Tirzepatid sind also groß. Die Adipositas-Epidemie (extremes Übergewicht) könnte so wirkungsvoll bekämpft werden, hofft man vor allem in den USA.

 

Vermeintliche Wundermittel zum Abnehmen: Wie lange muss man das Medikament einnehmen?

Derzeit sieht es danach aus, als würden alle diese neuartigen Abnehm-Präparate nur wirken, so lange man sie einnimmt, denn sie führen zu einer Reduktion von Appetit und Hunger. Wenn man sie absetzt, erhöht sich die Nahrungsaufnahme wieder und man nimmt zu. Untersuchungen deuten darauf hin, dass Patienten, die neun Monate lang Tirzepatid erhalten haben, etwa zwei Jahre nach dem Absetzen wieder ihr Ausgangsgewicht erreichen werden "Dies bedeutet, dass eine längerfristige Einnahme von Tirzepatid wahrscheinlich wichtig wäre, um nachhaltigere Effekte zu erzielen", sagt Anja Hilbert, Verhaltensmedizinerin an der Uniklinik in Leipzig.

Es sei aber unklar, ob es danach besser gelingen kann, das Gewicht zu halten. Andere Forscher gehen noch weiter: „Ich persönlich habe Zweifel, ob eine noch längere Gabe dieser neuen Medikamente sich wirklich langfristig nach Absetzen auf das Gewicht auswirkt. Vielmehr habe ich eher die Befürchtung, dass durch einen längeren Einsatz die Wirkung der Medikamente nachlässt", sagt Stephan Martin, Diabetologe am Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf.

 

Abnehmen mit dem "Low-Insulin-Ansatz"?

Es sollte kritisch hinterfragt werden, "was die wirklichen Gründe für die Adipositas-Epidemie sind", sagt Stephan Martin. "Es gibt viele Wissenschaftler auf der Welt, die das Verteufeln von Fetten und das Propagieren von Kohlenhydraten als wirkliche Ursache ansehen." Der "angeblich so gesunde Lebensstil mit vielen Kohlenhydraten und fünf Mal am Tag Obst" führe die Menschen in die Adipositas, denn diese Lebensmittel regten die Produktion von Insulin an und das Hormon blockiere die Fettverbrennung. "Künstliche Süßstoffe, die in Kombination mit Kohlenhydraten die Insulinspiegel nach oben treiben, tun ihr weiteres dazu, dass die Menschen dick werden."  Er sagt: "Wir empfehlen unseren Patienten alles zu meiden, was Insulin anregt – quasi der Low-Insulin-Ansatz." Die Erfolge seien mit den Gewichtsabnahmen von Semaglutid vergleichbar und  "wesentlich nachhaltiger".

 

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