Gewalt beim Fußball – Schiedsrichter: Klima auf Sportplätzen wird "tendenziell rauer
Innerhalb weniger Tage gab es bei Hallenfußballturnieren in Weinsberg und Kirchardt Zwischenfälle mit Verletzten. Schiedsrichter in der Region beklagen ein immer rauer werdendes Klima auf und neben dem Platz. Sind die Ursachen für die Gewalt an der Sportart festzumachen?

Vier verletzte Spieler nach einer Schlägerei in Kirchardt, wenige Tage davor Tumulte in Weinsberg – in jüngster Zeit kam es am Rande von Fußballspielen vermehrt zur Eskalation. Nimmt die Gewaltbereitschaft auf und neben dem Platz zu? Woher kommt diese Aggression? Und wie bewerten die Schiedsrichter diese Entwicklung, die dabei oft im Auge des Sturms stehen?
Ob Gewaltausbrüche in jüngster Zeit beim Fußball in der Region tatsächlich zugenommen haben, lässt sich aus Sicht der Schiedsrichtergruppe (SRG) Heilbronn nicht mit Bestimmtheit sagen, so Lorenz Gleißner, der bei der SRG für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. "Was wir aber definitiv feststellen ist, dass die Hemmschwelle gegenüber Schiedsrichtern immer weiter sinkt." Verbale Entgleisungen speziell aus den Reihen der Zuschauer seien inzwischen die Regel. Das Klima werde auf den Sportplätzen "tendenziell rauer".
Gewalt auf dem Fußballplatz: Schiedsrichter vermissen Respekt und Anstand
Für manche scheine es zu einem Fußballspiel dazuzugehören, den Schiedsrichter anzugehen oder verbal zu bearbeiten. Die Äußerungen ließen "oft jedes Maß an Anstand und Respekt" vermissen, sagt Gleißner. Bisweilen vermieden Schiedsrichter eine Sanktionierung dieses Verhaltens, weil sie befürchten müssten, dass eine Situation endgültig eskaliert.
Derlei Entwicklungen führen laut Gleißner auch dazu, dass viele Unparteiische Spiele mit Beteiligung bestimmter Mannschaften gar nicht erst leiten wollen, da sie befürchten, die Partie könnte aus dem Ruder laufen. Zu ihrem Schutz würden jüngere und unerfahrenere Schiris für solche Risikospiele nicht eingeteilt.
Pauschalisiert einer bestimmten Gruppe zuschreiben lasse sich Gewalt auf dem Fußballplatz indes nicht, erklärt Gewaltforscher Professor Dr. Dirk Baier von der ZHAW in Zürich. Dass es zu Ausschreitungen wie in Kirchardt oder Weinsberg kommt, sei auch nicht der Sportart anzukreiden. "Für diese Gewaltausübung sind immer persönliche Merkmale wie Impulsivität, eine Gewaltakzeptanz oder Männlichkeitsbilder relevant, die mit situativen Gegebenheiten zusammenwirken", erklärt der Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention.
Experte sieht auch in anderen Sportarten Gewaltpotenzial
Baier sieht die Popularität des Fußballs als entscheidend an: "Aufgrund der hohen absoluten Zahlen an Menschen und Vereinen überrascht es nicht, dass im Vergleich zu anderen Sportarten im Fußball mehr passiert." Der sei "für junge Männer mit teilweise niedriger Selbstkontrolle attraktiv, weil es um Wettbewerb, Sieg, Spaß und auch ein wenig Abenteuer geht." Doch der Experte sieht auch in anderen Sportarten Gewaltpotenzial, beispielsweise beim Eishockey oder Handball - wenn diese einen "vergleichbar hohen gesellschaftlichen Stellenwert wie der Fußball" hätten.
Eine einfache Lösung für die Gewalt auf dem Fußballplatz hat der Gewaltforscher nicht. Vielmehr gehe es um mehrere Aspekte - Eltern, die ihren Kindern vermitteln, dass "Gewalt in keinem Kontext eine Legitimation hat", Gewaltprävention in Vereinen, um eventuelle Versäumnisse im Elternhaus aufzuarbeiten. Und um Sanktionen wie Punktabzug, Spielausschuss oder sogar Vereinsausschluss.
Verband: Gewalt bei Vereinsturnieren selten
Neben den Vereinsturnieren können auch private Turniere unter die Rechtssprechung des Württembergischen Fußballverbands (WFV) fallen. Nach Angaben von David Biedemann, Teamleiter Sportgerichtsbarkeit beim WFV, sieht der Strafkatalog des Verbands je nach Schwere des Vergehens etwa Sperren oder Geldstrafen vor. Die Sportgerichtsbarkeit sanktioniere Rote Karten, gemeldete Vergehen oder Spielabbrüche. Wird eine bestimmte Schwelle überschritten, ermittelt das Sportgericht des Bezirks. Gewaltausbrüche seien bei Vereinsturnieren aber selten. "Die laufen in der Regel ordentlich", so Biedemann. Im regulären Spielbetrieb landen nach Angaben des Verbands pro Saison in Baden-Württemberg etwa 8000 Fälle vor dem Sportgericht.
Auszeitregelung zur Deeskalation eingeführt
Mit der laufenden Saison wurde im Spielbetrieb die so genannte Stopp-Regelung verbandsweit eingeführt. Sie ermöglicht es Schiedsrichtern, hitzige Situationen durch ein bis zu fünfminütiges Time-Out zu deeskalieren. Sie ersetzt aber nicht einen Spielabbruch, falls es zu einer Eskalation kommt. Pilotversuche in zwei WFV-Bezirken zeigten nach Angaben der Schiedsrichtergruppe überwiegend positive Ergebnisse.
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