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Fahrrad boomt ungebremst durch die Krise

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Auch in diesem Jahr dürfte die sprunghaft gestiegene Nachfrage nicht immer befriedigt werden können, Engpässe sind absehbar. Besonders das E-Bike erlebt einen Höhenflug. Und das hat Gründe.

Mountainbikes sind heraus aus der Nische. Mit Akku-Unterstützung sind sie heute für viele Radler eine Option. Foto: mmphoto/stock.adobe.com
Mountainbikes sind heraus aus der Nische. Mit Akku-Unterstützung sind sie heute für viele Radler eine Option. Foto: mmphoto/stock.adobe.com  Foto: mmphoto/stock.adobe.com

Das Fahrrad bleibt auf der Überholspur. Vor einem Branchentreffen an diesem Mittwoch deutet sich bereits an, dass gefragte Modelle in diesem Jahr schnell ausverkauft sein werden. Die Produktion kommt der sprunghaft steigenden Nachfrage teils nicht hinterher, das wurde bei einer Umfrage unserer Zeitung deutlich. Dazu kommt, dass die Fachhändler auch in diesem Lockdown geschlossen sind. Verkauft wird trotzdem.

Mehr als 20 Prozent im Plus

Der Fahrrad-Boom ist kein Phänomen, das erst mit der Corona-Krise zutage trat. Doch es wurde durch sie verstärkt, ist David Eisenberger, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) überzeugt. "Wir gehen von einem Absatzplus von mehr als 20 Prozent im vergangenen Jahr aus", sagt Eisenberger. Zahlen für das Gesamtjahr liegen allerdings noch nicht vor.

"Der Markt ist explodiert"

Ein solch sprunghaftes Wachstum hinterlässt auch bei der Ersatzteilversorgung Spuren. "In Teilbereichen hätten wir im vergangenen Jahr die doppelte Menge verkaufen können", erzählt Michael Wild, Sprecher von Paul Lange & Co. in Stuttgart, der deutschen Shimano-Generalvertretung. Industrieweit übersteige die Nachfrage das Angebot. "Der Markt ist explodiert."


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In der Anfangsphase der Pandemie sei dazugekommen, dass viele Fabriken in Asien erst einmal schließen mussten. Heute arbeiteten sie bei 150 Prozent der Vor-Corona-Kapazität. Denn der Trend sei nicht auf Deutschland begrenzt, sondern weltweit und besonders in Europa zu spüren.

Trend zum E-Bike

Dennoch erlebt Deutschland eine besondere Situation. "Lange Zeit wurden hier jährlich konstant vier Millionen Fahrräder verkauft", erzählt Eisenberger. Dann habe sich vor zehn Jahren nach und nach der Trend zum E-Bike bemerkbar gemacht.

So steigt der Umsatz stärker als der Absatz, denn die besonders gefragten Pedelecs kosten mehr als Räder ohne E-Antrieb. Im Jahr 2019 lag das Plus laut ZIV bei 33,9 Prozent, 2020 dürfte es noch höher liegen. Insgesamt sei ein Trend zu höherpreisigen Rädern festzustellen, sagt Eisenberger. "Einstiegsmodelle sind nicht mehr so gefragt."

Auch das in Deutschland ausgeprägte Qualitätsbewusstsein stieg bei Radfahrern zuletzt deutlich an. Mehr Geld pro Fahrrad wird ausgegeben, unabhängig vom Antrieb. Und damit gehört die jährliche Wartung des Rads inzwischen für viele ebenso selbstverständlich dazu wie beim Auto.


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Die Technik muss gerade bei den E-Bikes instandgehalten werden. Die Motoren zerren bei vollem Krafteinsatz ordentlich an der Kette, die schweren Räder müssen von höheren Geschwindigkeiten schnell heruntergebremst werden. Das erhöht den Verschleiß und sorgt somit für zusätzliche Umsätze im Fahrradsektor. Dazu kommen Akkus, die irgendwann ersetzt werden müssen.

Das Fahrrad-Leasing als Wachstumstreiber

Dabei spielt eine weitere Komponente eine Rolle: Das Fahrrad-Leasing. Nachdem der Gesetzgeber den steuerlichen Anreiz gab, legte der Leasingmarkt jährlich 50 bis 100 Prozent zu, wie Wasilis von Rauch vom Bundesverband Zukunft Fahrrad (BVZF) erklärt, dem 80 Prozent der Leasinggeber angehören. "Wir haben bislang allerdings nur solide Schätzungen", sagt von Rauch, diese seien aber eher konservativ.

Er geht davon aus, dass 2020 bereits mindestens 400.000 Räder in Deutschland neu geleast wurden. Das entspreche nahezu einer Verdoppelung gegenüber 2019. Bei vielen Leasinggebern gehört eine Versicherung dazu, die Wartung und Ersatz von Verschleißteilen umfasst.

Neue Kundengruppen werden aufs Rad geholt

War vor zwei Jahren noch etwa jedes siebte E-Bike geleast, liegt der Anteil dem BVZF zufolge nun schon bei etwa 20 Prozent. "Große Arbeitgeber wie die Bahn holen damit neue Kundengruppen aufs Fahrrad, das spricht sich herum", sagt von Rauch. Deshalb schätzt er auch, dass sich die Entwicklung weiter so fortsetzt.

Davon geht auch ZIV-Sprecher Eisenberger aus: "Der Corona-Effekt wird irgendwann verpuffen, aber grundsätzlich ist es ein nachhaltiger Trend." In diesem Jahr erwartet der Verband abermals ein sattes Wachstum um 20 Prozent, danach könnte die Branche bis 2030 etwas langsamer auf ein Absatzplus von 50 Prozent zusteuern.

Führend beim Design

Mit dem Absatz wächst auch die Industrie in Deutschland. Zahlreiche deutsche Hersteller wie Cube, Stevens, Cycle Union oder Canyon profitieren insbesondere vom E-Bike-Boom. Unter den Zulieferern gibt es auch zahlreiche kleine Weltmarktführer, sagt David Eisenberger vom Zweirad-Industrie-Verband (ZIV). "Die deutsche E-Bike-Industrie ist mit führend in der Welt, vor allem was Design und Vermarktung angeht." Günstige Räder kommen häufig aus Asien. Ein knappes Viertel der Import-Räder wurde 2019 in Kambodscha gefertigt.

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