Stimme+
Region
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Fahrradläden: Volle Werkstatt, leerer Verkaufsraum

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Viele Fahrradhändler sind mit Reparaturen beschäftigt. Das Click & Collect-Modell findet noch keinen allzu großen Anklang. Dafür gibt es positive Aussichten fürs Frühjahr.

von Sebastian Kohler
Derzeit verboten: Statt persönlicher Beratung müssen sich Kunden von Fahrradhändlern telefonisch oder online informieren.
Foto: rh2010/stock.adobe.com
Derzeit verboten: Statt persönlicher Beratung müssen sich Kunden von Fahrradhändlern telefonisch oder online informieren. Foto: rh2010/stock.adobe.com  Foto: rh2010/stock.adobe.com

Eisregen, Schneegestöber und Winterstürme hüllen die Bundesrepublik aktuell in eine weiße Decke. Doch während die klirrende Kälte für ausfallende Zugverbindungen und spiegelglatte Straßen sorgt, sind Fahrräder gefragt wie nie zuvor. Trotz coronabedingter Ladenschließungen und Existenzsorgen in zahlreichen Branchen brummt der Zweiradmarkt. Besonders in den Werkstätten.

Der Fahrradmarkt bietet großes Wachstumspotenzial

"Klar ist der Laden zurzeit leer", sagt Berthold Probst, Eigentümer des Lauffener Fahrradladens Zweirad Probst. Dennoch würde der Unternehmer liebend gerne zusätzliches Personal einstellen. "Wir werden mit Terminanfragen für unsere Werkstatt geradezu bestürmt", erklärt Probst. Allein qualifizierte Fachkräfte seien Mangelware.

Doch nicht nur der personelle Engpass drosselt aktuell den Umsatz des Fahrradhändlers. "Unser großes Problem ist, dass wir keinen Nachschub bekommen", so Probst. "Ob Ketten, Ritzel, Bremsscheiben - die ganz normalen Verschleißteile, die wir brauchen, um die Werkstatt einigermaßen in Schuss zu halten, sind ganz schwer zu bekommen."

Nicht anders stellt sich die Lage im Verkauf dar. Von einer "total angespannten Liefersituation" spricht der Unternehmer. Sind es in der Werkstatt bis zu zehn Tage Vorlaufzeit für eine herkömmliche Reparatur, gehen für ein neues Fahrrad schon mal Monate ins Land. "Auch wenn die Liefersituation schon lange schwierig ist. Drei, vier, fünf Monate müssen manche Leute heutzutage auf ihr neues Rad warten", beklagt er den Engpass, "mittlerweile verweisen wir unsere Kunden sogar an andere Fahrradhändler."


Mehr zum Thema

Das Rad verdient sich derzeit einen neuen Stellenwert unter den Fortbewegungsmitteln. Foto: dpa
Stimme+
Kommentar
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Verkehrswende: Vieles wurde angestoßen, wenig ist passiert


Materialengpässe bremsen den Aufschwung

Dabei sei der klassische Verkauf überhaupt nicht möglich. Aufgrund der Corona-Verordnungen ist den Kunden das Betreten des Fachgeschäfts nicht erlaubt. "Click & Collect", also im Netz bestellen und an der Ladenpforte abholen, funktioniere bei Probst gut. In Verbindung mit telefonischer Beratung sei das der Modus operandi. "So generieren wir derzeit unseren Umsatz", sagt Probst, "auch wenn es nicht ganz so viel ist wie üblicherweise in der Jahreszeit."

Der Trend zum E-Bike habe die Umsätze in den letzten Jahren rasant steigen lassen. "Allgemein geht die Tendenz dahin, dass das Rad zum Luxusgut wird. Wer mehr Freizeit damit verbringt, investiert natürlich entsprechende Summen." Da Probefahrten derzeit nicht erlaubt sind, werden die Räder pro forma gekauft. Wenn alles passt, bekommt der Kunde die Rechnung zugeschickt. Wenn nicht, muss ein neuer Termin für die Rückgabe beantragt werden. "Die Trefferquote ist dabei aber ziemlich hoch", klärt Probst auf.

Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Click & Collect bei Fahrradkunden unbeliebt

Anders handhabt eine Heilbronner Fachhändler-Filiale den Verkauf. "Probefahrten sind ja aktuell gar nicht möglich", sagt der Filialleiter, "zumal bei diesen Witterungsbedingungen kaum Fahrräder auf der Straße sind." Und da er sich nicht vorstellen kann, "dass jemand pro forma zeitgleich drei, vier Fahrräder auf Rechnung kaufen möchte, nur um angemessen vergleichen zu können", sei das auch noch nicht der Fall gewesen. Dafür gibt es ein zweiwöchiges Rückgaberecht, die 14-Tage-Zufriedenheitsgarantie.

Die Filiale, das Teil einer Fahrradhändler-Kette ist, bestreitet seit jeher einen Teil des Verkaufs online. Rund 1000 Arbeitnehmer beschäftigt der Fahrrad-Konzern bundesweit in 36 Filialen. Der Online-Handel ist Teil der Unternehmensstrategie. Bei reinen Online-Händlern ist aber Vorsicht geboten, wie der Filialleiter im vergangenen Jahr erfahren musste. "Vor allem im letzten Sommer haben viele Kunden einen Reparatur-Termin angefragt, weil ihnen fehlerhafte Fahrräder geliefert wurden. Die Versand-Händler haben sich dann einfach ein paar Wochen tot gestellt." Solange genügend Kapazität vorhanden sei, "lehnen wir solche Fälle nicht ab." Trotzdem weist er darauf hin, dass "im Ernstfall die eigenen Kunden Vorrang" haben.

Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Lange Wartzeiten bei Rädern und Reparaturen

Während im Verkauf Kurzarbeit angemeldet wurde, hat die Werkstatt "nicht weniger Arbeit als sonst". Erschwert wird diese durch Lieferengpässe. Der Filialleiter erklärt: "Die Ausfälle laufen querbeet durch das gesamte Zubehör." Zwar könne er im Nachschubmangel kein Muster erkennen, weder betreffend den Hersteller, noch eine Produktgruppe. Doch dafür ziehe sich die Wartezeit teils monatelang.

Wer sein Fahrrad bei einem Online-Versandhändler bestellt hat, muss bei Zweirad-Carle in Öhringen erst recht lange warten. Meist jahrelang, denn "für Räder, die ich nicht verkauft habe, kann ich keine Verantwortung übernehmen", erklärt Firmenchef Peter Carle. Erst nach Ablauf der meist zweijährigen Garantie fasse er "fremde" Zweiräder an.


Mehr zum Thema

Mountainbikes sind heraus aus der Nische. Mit Akku-Unterstützung sind sie heute für viele Radler eine Option. Foto: mmphoto/stock.adobe.com
Stimme+
Mobilität
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Fahrrad boomt ungebremst durch die Krise


E-Bikes sorgen für große Umsatzgewinne

Der Trend zum E-Bike hat auch dem Geschäft in Öhringen Aufwind verliehen. "So bringt man Leute auf den Sattel, die alters- oder krankheitsbedingt nicht so aktiv sein können", lobt Carle die Elektrisierung des Fahrrads, "das hilft vielen Menschen dabei, sich mehr zu bewegen."

Spätestens seit dem zweiten Lockdown ist aus dem Aufwind aber ein laues Lüftchen geworden. "Im Verkauf läuft es sehr schleppend. Wir verkaufen ganz geringe Stückzahlen. Auf ein Fahrrad muss man eben draufhocken und probieren." Die Zuversicht ist allerdings groß, dass es bald wieder aufwärts geht. "Sobald das Wetter besser und der Lockdown gelockert ist, müssen wir mit einem Ansturm rechnen", glaubt Carle.

 

 

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben