Evelyne Gebhardts Herz schlägt weiter für Europa

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Die langjährige Hohenloher Europaabgeordnete Evelyne Gebhardt hört Ende Januar auf. Wir haben mit ihr über die Jahre gesprochen, die hinter ihr liegen und was in Zukunft noch kommt.

November 2018: Als Evelyne Gebhardt um ihren Wiedereinzug fürchten muss, stellt sich die Südwest-SPD auf einem Parteitag in Sindelfingen hinter sie. Foto: Marijan Murat
November 2018: Als Evelyne Gebhardt um ihren Wiedereinzug fürchten muss, stellt sich die Südwest-SPD auf einem Parteitag in Sindelfingen hinter sie. Foto: Marijan Murat  Foto: Marijan Murat

Noch hätte nicht Schluss sein müssen. "Ich könnte mir auch vorstellen, das noch zwanzig Jahre lang zu machen", sagt Evelyne Gebhardt und lacht. Aber das wird sie nicht. Die SPD-Politikerin aus Mulfingen wird das Europaparlament, dem sie seit 1994 angehört, Ende Januar verlassen.

Drei Büros und eine Wohnung räumt Gebhardt derzeit aus, in Brüssel, Straßburg und Künzelsau. "Da kommt unheimlich viel gleichzeitig zusammen mit meiner Tätigkeit als Abgeordnete, die ich bis zum Ende ausführe." Am ersten Februar ist sie letztmalig Abgeordnete, am Tag darauf reist sie zurück in ihre Heimat nach Schwäbisch Hall. "Erst mal ausschlafen und dann meine Freizeit genießen", steht dann für die 68-Jährige auf dem Plan.

 


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Hohenloher Europaabgeordnete Evelyne Gebhardt will Amt niederlegen


Irgendwann müssen in der Politik Jüngere übernehmen

Die Entscheidung, zur Mitte der Wahlperiode aufhören zu wollen, reift vor der letzten Europawahl in Gebhardt heran. "Das war mit niemandem abgesprochen, nur mit mir selbst." Der Öffentlichkeit verkündet sie ihren Entschluss im vergangenen November. "Wer politische Verantwortung übernimmt, muss sie auch geordnet an Jüngere weitergeben", sagt sie heute. "Ich denke, dass nach 28 Jahren als Europaabgeordnete dieser Zeitpunkt nun gekommen ist. Irgendwann muss es zu Ende sein."

Die Idee des grenzenlosen Europas hat in Evelyne Gebhardts Leben immer eine Rolle gespielt. Sie wird 1954 im französischen Montreuil bei Paris geboren und lernt Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule. Während sie Sprachwissenschaften studiert, verschlägt es sie nach Tübingen und Stuttgart, woraufhin sie 1975 nach Hohenlohe zieht. Im selben Jahr tritt sie in die SPD ein, weil sie von der Politik Willy Brandts überzeugt ist. 1994 wird sie zum ersten Mal Abgeordnete des Europäischen Parlaments.


Sperrige Themen, die für Verbraucher wichtig sind

Zwei Jahre lang verhandelt Evelyne Gebhardt über die Dienstleistungsrichtlinie. Im November 2006 wird sie vom Parlament beschlossen. Fotos: dpa
Zwei Jahre lang verhandelt Evelyne Gebhardt über die Dienstleistungsrichtlinie. Im November 2006 wird sie vom Parlament beschlossen. Fotos: dpa  Foto: Marijan Murat

Bürgerrechte stehen fortan im Mittelpunkt von Gebhardts Politik. Jahrelang vertritt sie die Sozialdemokraten als Koordinatorin im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz. Sie kümmert sich um Themen, die sperrig klingen, aber das Leben von Millionen Europäern betreffen.

Anfangs setzt sich Gebhardt gegen Patente von Gensequenzen in der Medizin ein. Später ist sie zwei Jahre lang maßgeblich an den Verhandlungen über die Dienstleistungsrichtlinie beteiligt, mit der Firmen ihre Dienste in anderen EU-Ländern anbieten können.

Politik muss bei Problemen weit vorausschauen, findet Evelyne Gebhardt

In den vergangenen Jahren setzt sich Gebhardt unter anderem für bessere Bedingungen beim Kauf von digitalen Produkten, Haftungsregeln bei Künstlicher Intelligenz und das Digitale-Märkte-Gesetz ein, das US-Konzernen wie Facebook und Google strengere Regeln vorschreibt.

Die rote Mappe mit dringenden Anliegen hat Evelyne Gebhardt stets dabei. Hier schauen ihr Schüler bei der Arbeit über die Schulter. Foto: Archiv/Tscherwitschke
Die rote Mappe mit dringenden Anliegen hat Evelyne Gebhardt stets dabei. Hier schauen ihr Schüler bei der Arbeit über die Schulter. Foto: Archiv/Tscherwitschke  Foto: Tscherwitschke

Wie erklärt sie Freunden und Verwandten, worum es bei ihrer Arbeit geht? "Man versucht es natürlich mit Beispielen verständlich zu machen", erklärt Gebhardt. Wenn ein autonom fahrendes Auto einen Unfall baut, müsse geklärt sein, ob der Auto-Hersteller oder der Software-Hersteller den Schaden bezahlen muss. "Das ist Verantwortung der Politik, bei diesen Themen weit vorauszuschauen", sagt Gebhardt, die sich als positiv neugierig bezeichnet. "Wo es Probleme gibt, müssen wir Antworten geben. Das hat mich immer geleitet bei meiner Arbeit."

Fast wäre Gebhardt 2019 ohne Mandat ausgegangen

An Problemen fehlt es nicht, als das Europaparlament im Jahr 2019 neu gewählt wird: Die Briten verabschieden sich aus der EU, Ungarn oder Polen stellen die Grundwerte der Gemeinschaft infrage. Evelyne Gebhardt tritt wieder an und wird von der baden-württembergischen SPD auf den Spitzenplatz gewählt.

Doch die Bundes-SPD will die Partei jünger machen und verbannt Gebhardt auf einen aussichtslosen Listenplatz. Stattdessen wandert die in Europapolitik unerfahrene 33 Jahre alte Luisa Boos an die Spitze. Kampflos will Gebhardt das nicht hinnehmen. Auch Weggefährten sind erbost, Sätze wie "das Europaparlament ist nichts für Lehrlinge" fallen. Am Ende zieht Boos zurück und Gebhardt wieder ins Straßburger Parlament ein.

 


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Hohenloher SPD-Abgeordnete über die Zukunft der EU


Ehrenamtlich bleibt Gebhardt aktiv

Zu alt für die Politik findet sich Gebhardt auch heute nicht. "Aber ich denke, man muss für sich selbst entscheiden, welches Leben man führen möchte." Für Europaabgeordnete stehe ständiges Verreisen auf der Tagesordnung, erzählt Gebhardt. "Das Familienleben und Freundschaften leiden darunter. Ich habe mir gedacht: Mit 68 Jahren bin ich in einem Alter, in dem ich noch etwas Neues anfangen kann." Sie plane, wie ihre Mutter, "mindestens 93" Jahre alt zu werden, ergänzt sie noch.

Als Präsidentin der Europa-Union im Land, im Beirat der evangelischen Akademie in Bad Boll und in weiteren Ehrenämtern bleibt sie aktiv. "Es ist nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Mein Herz wird weiter für Europa schlagen."

Die Freiheit Europas muss gegenüber Polen und Ungarn erkämpft werden

Evelyne Gebhardt (SPD) im Gespräch mit Stimme-Redakteur Christoph Donauer. Foto: Screenshot/HSt
Evelyne Gebhardt (SPD) im Gespräch mit Stimme-Redakteur Christoph Donauer. Foto: Screenshot/HSt  Foto: Screenshot/HSt

Über die Zukunft der EU macht sich Gebhardt keine Sorgen. Bei Gesprächen mit Schülern oder Jugendlichen treffe sie viele Menschen, die Europa mitgestalten wollen. "Es gibt Nachwuchs und zwar sehr guten." Wichtig sei aber, Ländern wie Polen und Ungarn Grenzen aufzuzeigen. "Wir müssen für die Freiheit Europas kämpfen. Das ist unsere Herausforderung für die Zukunft."

Die Antwort müsse sein, die EU transparenter und sozialer zu machen. Wichtig findet die 68-Jährige, dass die Bevölkerung darüber in Bürgerräten mitbestimmen darf. "Es gibt keine Alternative zur Europäischen Union", sagt Gebhardt. Ihr Traum bleiben die "Vereinigten Staaten von Europa".

Auch nach 28 Jahren hat Gebhardt nicht alles erreicht

Trotz 28 Jahren als Abgeordnete hat Evelyne Gebhardt nicht alles erreicht, was sie erreichen wollte. "Noch lange nicht."

Das zeigt sich manchmal im ganz kleinen Maßstab: Jahrelang kämpfte sie dafür, dass alle Elektrogeräte den gleichen USB-Stecker nutzen. Weil sich Apple weigerte, hat es bisher nicht geklappt. "Es braucht manchmal Zeit, aber am Ende gewinnen wir immer für die Bürgerinnen und Bürger", versichert Gebhardt.

Zur Person:

Evelyne Gebhardt wird 1954 nahe Paris geboren und ist heute 68 Jahre alt. Sie wächst in Frankreich auf, macht ihr Abitur und studiert Sprachwissenschaften mit Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Paris, Tübingen und Stuttgart.

1975 tritt sie in die SPD ein und zieht nach Mulfingen um. Ab 1977 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin. Sie gründet 1982 die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Hohenlohe und setzt sich auch auf europäischer Ebene für die Förderung von Frauen ein - da habe sich viel getan, erzählt sie heute. "Allerdings gibt es nach wie vor sehr sehr viel zu tun." 

1994 zieht Gebhardt erstmals ins Europaparlament ein und wird fünf Mal wiedergewählt. Von 2004 bis 2017 ist sie Koordinatorin der Sozialdemokraten im Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz. Bis 2019 ist sie zudem Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments. Evelyne Gebhardt ist verheiratet und wohnt heute in Schwäbisch Hall.

 
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