Eine Grundsatzdebatte über das Heilbronner Käthchen
Das Heilbronner Käthchen ist Kitsch, Marketing- und Kunstobjekt - und zwar alles gleichzeitig. Wie sollte die Stadt ihre Symbolfigur nutzen? Darüber haben Experten im Stimme-Medienhaus diskutiert.
Als ein Lieferwagenfahrer vor rund zwei Wochen die bronzene Käthchen-Skulptur am Heilbronner Fleischhaus aus Versehen vom Sockel stieß, war das auch der Anstoß für eine ganz grundsätzliche Debatte: Wie steht, wie soll Heilbronn zu seiner Symbolfigur stehen?
Niemand weiß, warum Kleist sein 1810 uraufgeführtes Ritterschauspiel mit Heilbronn verband. Uneins ist die sogenannte Käthchenstadt bis heute, wie sie mit dem Geschenk des Dichters, so es denn eines ist, umgehen soll. Das wurde auch bei einem Stimme-Dialog zum Thema im Verlagshaus deutlich.
Heute ist das Käthchen Werbeträger für die Stadt
"Für uns hat das Käthchen mehrere Rollen", unterstreicht Sara Furtwängler von der Heilbronn Marketing GmbH (HMG). Da gibt es das Amt, das Käthchen, das alle zwei Jahre gewählt wird und mit dem die HMG die Stadt touristisch vermarktet, etwa bei offiziellen Anlässen.
„Das Käthchen ist für uns ein sympathischer Werbeträger, ein Marketinginstrument.“
von Sara Furtwängler

"Das Käthchen ist für uns ein sympathischer Werbeträger, ein Marketinginstrument", so Sara Furtwängler. Dass das Käthchen nun auch Namensgeber des Weihnachtsmarktes ist und einige optisch umstrittene Käthchenfiguren im Markt standen, sei "bewusst so kitschig" gewählt worden, um das Käthchen von der literarischen Vorlage abzugrenzen. Furtwängler: "Uns war klar, dass das polarisiert."
Wie sieht die aktuelle Stadt-Repräsentantin das Thema?
Das Käthchen selbst, Jasmin Heyd, versteht ihre Rolle so: "Wir wollen ein modernes, selbstbewusstes, schlagfertiges Bild verkörpern." Ein Statement zu aktuellen politischen Ereignissen lehnt sie ab. "Ich verstehe mich als Repräsentantin, ich möchte mich von politischen Aussagen eher distanzieren."
„Wir wollen ein modernes, selbstbewusstes, schlagfertiges Bild verkörpern.“
von Jasmin Heyd
Doch wie modern kann das Käthchen sein, wenn man es auf Kleists Figur bezieht? Stimme-Redakteurin und Dialogmoderatorin Claudia Ihlefeld fasst die literarische Vorlage zusammen: "Das Käthchen von Heilbronn, uneheliches Kind und Resultat eines Seitensprungs seiner Mutter, stürzt sich aus Liebe aus dem Fenster und bricht sich die Knochen.
Als das junge Mädchen gerade wieder laufen kann, folgt sie dem angebeteten Graf Wetter vom Strahl, der nichts von ihr wissen will, hündisch ergeben auf Schritt und Tritt. Das Mädel mit seiner einfachen Herkunft ist nicht standesgemäß. Erst als sie förmlich durchs Feuer geht, wird sie zur Heiligen stilisiert. Ende gut, alles gut: Nachdem der Kaiser Käthchen als Tochter anerkennt, steht der Ehe mit dem Grafen nichts mehr im Weg."
„Ästhetisch ist das Weihnachtsmarkt-Käthchen ein No-Go. Für mich ist das Kitsch.“
von Axel Vornam
Theaterintendant Axel Vornam sagt es frei heraus: "Ästhetisch ist das Weihnachtsmarkt-Käthchen ein No-Go. Für mich ist das Kitsch." Er inszeniere die literarische Vorlage am Theater wahrscheinlich nicht. Vornam stellt sich die Frage: "Wofür steht das Käthchen heute?" Dieser Frage müsse man sich auch in der Stadt stellen.
Literaturhaus-Leiter Anton Knittel bietet eine weitere Deutung an: "Man kann es auch so sehen: Das Käthchen folgt unbedingt seinen Gefühlen." Doch auch er sieht im Käthchen eine "zweischneidige Figur".
Die Käthchen-Skulptur wurde als anstößig empfunden
Der Leiter der Städtischen Museen, Marc Gundel, erinnert daran, dass das Thema schon immer "mit Erwartungen und Emotionen besetzt war". Als die Käthchen-Figur des Bildhauers Dieter Läpple 1965 aufgestellt wurde, empfand man ihr Äußeres als anstößig. Das sei heute kaum erklärbar, erklärt Gundel, und habe etwas mit der Enge der "Raumschaft" zu tun, "die auch eine geistige Enge war". Kunst im öffentlichen Raum sei schwierig, es gebe keinen wertfreien Umgang damit.
Intendant Vornam wird grundsätzlich: "Was will ich mit dem Käthchen erzählen, welche Botschaft verbinde ich damit?" Wenn man die Figur ins 21. Jahrhundert nehmen will, "muss man sie neu interpretieren". Fragt sich bloß wie? Gundel gibt zu bedenken, dass durch den Bombenangriff 1944 in der Stadt alles erhöht werde, was alt ist: "Das hat was mit mit Identitätssuche zu tun. Das Käthchen ist ein schwieriger Stoff."
Die Natur der Heilbronner sei es, sich impulsiv auseinanderzusetzen, ist sich HMG-Vertreterin Sara Furtwängler sicher. Das sei "etwas Positives". Sie fragt sich, was die Figur überhaupt hergebe: In die Rolle als Botschafterin und Marketinginstrument "passt die starke Frauenrechtlerin nicht rein". Wobei der kritische Diskurs eher intern stattfinde. Von außen bekomme die HMG es positiv zurückgespiegelt, wenn das Käthchen bei Auftritten dabei war. Für Knittel führt kein Weg an der ständigen inhaltlichen Auseinandersetzung vorbei. Erst wenn der Stoff weiterentwickelt werde, bekomme er Inhalt. "Sonst bleibt es eine Marketinghülle."
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