Stotterstart für das E-Rezept: "Statt ein Rezept drucke ich eben einen Barcode aus"
Seit 1. Januar müssen Ärzte digitale Verordnungen ausstellen, aber das System ist langsam und störanfällig. Ärzte aus der Region berichten über die ersten Erfahrungen mit dem E-Rezept.

Der Einsatz des E-Rezepts ist seit 1. Januar verpflichtend für deutsche Kassenarztpraxen. Das heißt: Ärzte müssen Medikamenten-Verordnungen digital ausstellen können, das über Jahrzehnte gängige rosafarbene Papierformular soll nicht mehr eingesetzt werden. Der neue Prozess sieht vor, dass das E-Rezept von der Praxis auf einem zentralen Server gespeichert wird, die Apotheke wird beim Einstecken der Versichertenkarte in das Lesegerät autorisiert, es dort abzurufen. Alternativ können Ärzte den Patienten einen Papierausdruck des Barcodes für ein E-Rezept mitgeben - auch eine App gibt es, diese wird allerdings kaum genutzt.
Die Ausstellung eines E-Rezepts dauert deutlich länger als die eines Papierrezepts
Doch in der praktischen Anwendung funktioniert das System noch nicht richtig, beklagen Ärzte aus der Region, die schon längere Zeit damit arbeiten. "Ich bin eigentlich ein Freund der Digitalisierung, aber die Umsetzung ist noch recht schwierig", sagt der Neckarsulmer Hausarzt Dr. Tobias Neuwirth. Das Problem: Weil der Zugriff auf das digitale Kommunikationsnetzwerk im Gesundheitswesen, die sogenannte Telematikinfrastruktur, noch nicht richtig funktioniert, dauert die Ausstellung eines E-Rezepts deutlich länger als der herkömmliche Weg - zwischen 30 Sekunden und 2 Minuten, sagt Neuwirth.
Ein Papierrezept sei dagegen in fünf bis zehn Sekunden ausgestellt. "Wir haben häufig keine Verbindung oder das System rödelt ewig. Ich hoffe, dass sich das noch bessert." Zudem dauere es mit etwa 20 Minuten recht lange, bis das Rezept in der Apotheke abrufbar sei - manche Verordnungen seien auch schon verloren gegangen.
Für einige Akteure im Gesundheitswesen bleibt die Post bevorzugtes Kommunikationsmittel
Ähnliche Erfahrungen macht der Neckarsulmer Zahnarzt Dr. Peter Fuchs. Die Handhabung sei komplex und störanfällig, Patienten fänden sich vielfach nicht zurecht und beschwerten sich. Er rechnet damit, dass er auch in den kommenden Monaten noch einen Großteil der Rezepte via Barcode ausgeben muss. "Ich drucke jetzt eben kein Rezept mehr aus, sondern einen Barcode", sagt Fuchs. Das sei schon absurd.
Auch die Kommunikation über die Telematikinfrastruktur mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen, etwa Kliniken, von denen Röntgenbilder angefordert werden müssen, gestalte sich zäh. "Die schicken die Sachen dann lieber mit der Post." Fuchs bedauert, das System sei mit Verweis auf den Datenschutz viel zu komplex konzipiert. "Man hätte das gleich zentral regeln sollen." Nun werde viel gejammert, statt dass alle Akteure gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung suchten.
Kassenärztliche Bundesvereinigung mahnt, die Technik müsse zuverlässig funktionieren
Andere Töne kommen vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Dort heißt es, man habe in den vergangenen Monaten "einen steilen, problemfreien Hochlauf" mit zwölf Millionen ausgestellten E-Rezepten beobachtet. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) verkündete gar mit Blick auf das bisher kaum vernetzte deutsche Gesundheitswesen: "Mit dem E-Rezept starten wir die Aufholjagd in der Digitalisierung."
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung machte indes klar, dass dafür auch die technischen Bedingungen zuverlässig sein müssen. "Werktäglich stellen die Praxen in Deutschland über 1,5 Millionen Rezepte aus", sagte ein Sprecher. "Das muss verlässlich und gesichert funktionieren, die Praxen sind schließlich kein digitales Testlabor." Die Erfahrungen der ersten Tage würden zeigen, ob die Systeme stabil genug seien, um die Massenanwendung zu stemmen.
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