Die Telefonzelle vor dem Aus: Das Ende einer aussterbenden Art

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Zu hohe Kosten, kaum noch Umsatz - die Telekom beginnt noch in diesem Monat damit, ihre öffentlichen Telefonzellen abzuschalten. 12.000 von ihnen gibt es bundesweit noch. Auch die Geräte in der Region sollen bis Anfang 2025 endgültig abgebaut sein.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Öffentliche Telefonzellen wie hier an der Heilbronner Allee werden kaum noch genutzt. Die Telekom stellt das Angebot daher ein.
Ein Bild mit Seltenheitswert: Öffentliche Telefonzellen wie hier an der Heilbronner Allee werden kaum noch genutzt. Die Telekom stellt das Angebot daher ein.  Foto: Mario Berger

„Der Anruf kam aus einer öffentlichen Telefonzelle.“ Sätze wie diesen, gerne verwendet in TV-Krimis, wenn die Polizei einen Anruf nachverfolgt, um etwa einem Erpresser auf die Schliche zu kommen, wird man jüngeren Menschen wohl bald erklären müssen. Denn die Telekom hat nun angekündigt, sämtliche ihrer noch verbliebenen öffentlichen Fernsprecher in Deutschland abzuschalten und abzubauen.  

Ab Mitte November soll zunächst bundesweit die Münzzahlung, bis Ende Januar dann auch die Bezahlfunktion über Telefonkarten deaktiviert und damit der gesamte Service eingestellt werden, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Anschließend starte der Abbau, der voraussichtlich Anfang 2025 abgeschlossen sein werde.


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Übrig bleiben nur noch Mobilfunkantennen

„Mehr als 90 Prozent der ehemals über 160.000 öffentlichen Telefone wurden in den vergangenen Jahren bereits abgebaut, weil sie niemand mehr genutzt hat“, sagt Markus Jodl von der Telekom-Pressestelle. Nun geht es auch den noch übrigen gut 12.000 Geräten an den Kragen. Was dann noch übrig bleibt, werde als sogenannte „Small Cells“ weitergenutzt. So bezeichnet das Unternehmen kleine Antennen, die den örtlichen Mobilfunk verbessern sollen, ohne dabei eine öffentliche Telefonfunktion zu bieten.

In Heilbronn wurde 1936 auf dem Kiliansplatz die erste öffentliche Telefonzelle aufgestellt – und versprach einen Aufbruch in eine neue, hoch moderne Kommunikationswelt. Wie viele öffentliche Apparate es in der Stadt heute noch gibt, ist dagegen nicht mehr genau nachvollziehbar. Das Statistikportal „Deutschland123.de“ zählt aktuell 66 öffentliche Telefonzellen für Heilbronn und seine Stadtteile auf.

Die zuständige Abteilung bei der Stadtverwaltung hat laut Pressesprecherin Claudia Küpper diesbezüglich keinen Kontakt mehr zur Telekom und beim Unternehmen selbst hält man sich bedeckt: „Zum Thema öffentliche Telefonie halten wir keine regionalen Daten mehr für die externe Kommunikation vor“, sagt Jodl. Wegen des sinkenden Bedarfs würden bereits seit Jahren einvernehmlich mit den Kommunen Telefonzellen zurückgebaut. Einen groben Termin, wann der Komplettabbau in der Region erfolgen soll, will die Telekom nicht nennen unter Verweis auf den „hohen Koordinierungsaufwand“. Man wolle betroffene Kommunen aber jeweils rund vier Wochen vor dem Beginn informieren.


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Mehr als ein Viertel aller Geräte wird überhaupt nicht mehr benutzt

Weniger im Dunkeln liegen dagegen die Gründe für das endgültige Aus der Telefonzelle: Hausanschluss und Handy ließen ihre Nutzung zuletzt immer weiter gegen Null tendieren. An rund 3800 Standorten in Deutschland sei im vergangenen Jahr kein einziges Gespräch geführt worden, berichtet Telekom-Sprecher Jodl. Im Schnitt bringe ein öffentliches Telefon nur noch wenige Euro Umsatz im Monat. „Das steht in keinem Verhältnis zu den Unterhaltskosten, die den Umsatz um ein Vielfaches übersteigen“, so Markus Jodl. Er weist auf Aspekte wie Betriebskosten, Standmiete und Reinigung sowie Kosten für die Beseitigung von Schäden, etwa durch Vandalismus hin.

Die Instandhaltung erschwere sich auch durch die Lage bei den Zulieferern. „Ersatzteile werden kaum noch produziert und sind teilweise gar nicht mehr erhältlich.“ Überdies verbrauche ein öffentliches Telefon je nach Ausstattung zwischen 500 und 1250 Kilowattstunden im Jahr. Das Abschalten der ungenutzten Technik spare so zwischen sechs und 15 Millionen Kilowattstunden jährlich ein. „Das entspricht dem Stromverbrauch von mehreren Tausend Wohnungen“, rechnet Jodl vor.

Die ausrangierten Telefonzellen werden entsorgt, recycelt oder zum Kauf angeboten, wenn sie noch in einem guten Zustand sind. Wer aber insbesondere mit der Anschaffung eines der klassischen gelben Häuschen liebäugelt, schaut entweder in die Röhre – das letzte wurde 2019 abgebaut und ältere Exemplare sind längst ausverkauft – oder muss tief in die Tasche greifen: Im Internet werden dafür inzwischen Gebote ab 2000 Euro aufwärts aufgerufen.

Zweites Leben für die Zelle

So ganz von der Bildfläche wird die Telefonzelle wohl auch in naher Zukunft nicht verschwinden. Vielerorts ist sie weiterhin ein fester Bestandteil des öffentlichen Lebens – wenn auch nicht mehr in ihrer eigentlichen Funktion als Fernsprecher. Denn in zahlreichen Kommunen wurde das praktische Häuschen kurzerhand umgebaut und dient seither als öffentlicher Bücherschrank, in den Bücher eingestellt beziehungsweise daraus entnommen werden können. In der Region stehen etwa an der Bushaltestelle im Untergruppenbacher Teilort Donnbronn oder in der Ittlinger Ortsmitte ehemalige Telefonzellen voller Lesestoff.

 

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