Die Corona-Warn-App zeigt jetzt, was sie kann
Die lange erwartete Tracing-App steht ab Dienstag zum Download bei Apple und Google bereit. Experten warnen vor falschen Erwartungen, hoffen aber auf breite Akzeptanz. Was kann die App? Und was kann sie nicht?

Nach den harten Einschnitten, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie vorgenommen wurden, soll nun mit vielen Mitteln eine zweite schnelle Ausbreitung des Virus verhindert werden.
Dabei helfen soll die offizielle Corona-Warn-App des Bundes, die ab Dienstag zum Download für Android- und Apple-Smartphones bereitgestellt werden soll.
Nachbesserungen werden kaum gewürdigt
Die Installation der App ist freiwillig. Eine entscheidende Frage ist deshalb, ob genügend Menschen der Technik vertrauen und sie nutzen wollen. Überraschenderweise haben die anfängliche Diskussion über Datenschutz und die anschließenden Nachbesserungen nicht dazu geführt, das Vertrauen spürbar zu erhöhen. "Wir sehen eine gewisse Skepsis", sagt Cornelia Betsch.
Die Heisenberg-Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt ist Initiatorin des Projekts Covid-19 Snapshot Monitoring, kurz Cosmo. In dessen Rahmen wird untersucht, wie die Bevölkerung die Pandemie wahrnimmt und zum Beispiel auf Regelungen und Einschränkungen reagiert.
Wichtig ist vor allem die Freiwilligkeit
Bei ihren Befragungen hätten anfangs rund 60 Prozent der Teilnehmer angegeben, die App herunterladen zu wollen, erzählt Betsch. Dieser Wert sei dann auf unter 50 Prozent gesunken und liege nun wieder bei 53 Prozent.
Der Wechsel von zentraler zu dezentraler Speicherung der Daten habe hier keine besondere Veränderung gezeigt. Ganz wichtig sei den Menschen in jedem Fall aber die Freiwilligkeit. Die Pflicht, einen Mundschutz zu tragen, werde eher akzeptiert als eine verpflichtende App - auch wenn ihr Nutzen davon abhängt, wie viele mitmachen.
Jeder Nutzer zählt
Verschiedene Studien hatten darauf hingewiesen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung die App installieren sollte, damit sie einen entscheidenden Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten kann. Sinnvoll sei der Einsatz der App in jedem Fall, betont Dr. Ute Teichert, Direktorin der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes.
"Jeder, der die App nutzt, ist ein Gewinn", erklärt Teichert bei einer Online-Pressekonferenz des Science Media Centers am Montag. So könne man mehr über die Verbreitung des Virus erfahren. Allerdings dürften die Erwartungen nicht zu hoch sein. Die App sei nur ein weiterer Weg, auf dem Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig gemacht werden.
Bluetooth-Technik ist ungenau, funktioniert aber ohne Standortdaten
Wie verlässlich das geschieht, das wird sich nun zeigen. Erfahrungen aus anderen Ländern wie Südkorea könnten nicht ohne weiteres übertragen werden, denn nun werde die Bluetooth-Funktechnik genutzt, die eigentlich nicht für eine Entfernungsbestimmung konzipiert wurde, erklärt Marcel Salathé, Professor für digitale Epidemiologie an der ETH Lausanne in der Schweiz, der an der Entwicklung einer vergleichbaren Schweizer Tracing-App beteiligt ist. Er ist zuversichtlich, dass die App einen Austausch über Ländergrenzen hinweg ermöglicht. "Die Diskussion ist im Gange", sagt Salathé.
Viele offene Punkte
Es gibt noch zahlreiche Punkte, die geklärt werden müssen. Beispielsweise war bis Montag noch nicht bekannt, inwiefern die App auch als Informationszentrale für alles rund um die Corona-Regelungen dienen soll. Unklar ist auch, ab wann die Labore flächendeckend in der Lage sind, einem Infizierten die Meldung in der App zu ermöglichen. Und gespannt darf man sein, wie genau die Hinweise formuliert sind, die eine potenzielle Kontaktperson aufs Handy bekommt.
Hier einige Fragen und Antworten rund um die Corona-Warn-App:
Für welche Handys wird die App bereitgestellt?
Beim Apple iPhone muss ein aktuelles Betriebssystem laufen. Ältere Geräte wie das iPhone 6 bleiben somit außen vor. Bei Android-Handys ist Android 6 und die Unterstützung von Bluetooth LE Mindestvoraussetzung. Zudem werden die Schnittstellen des Google Play Service genutzt. Handybesitzer mit anderen Betriebssystemen oder Konfigurationen bleiben außen vor.
Wie ist der Ablauf bei einer Infektion?
Treffen sich zwei Menschen mit der App auf dem Handy, erkennen die Geräte das und tauschen eine Zahlenfolge aus. Diese Zahlenfolge wird zwei Wochen lang auf dem Handy gespeichert. Erfolgt in dieser Zeit bei einer der zwei Personen ein Corona-Test, bekommt diese Person einen QR-Code. Fällt der Test anschließend positiv aus, kann die Person dies mithilfe des QR-Codes in der App eintragen. Weil noch nicht alle Labore den Code generieren können, funktioniert die Meldung in einer Übergangsphase auch über Call-Center der Telekom und einen TAN-Code. Sobald die Infektion gemeldet wurde, wird die zweite Person informiert, dass sie Kontakt zu einem Infizierten hatte.
Erfährt man, wann und wo ein Kontakt stattgefunden hat?
Klar ist: Weder Behörden noch Betroffene erfahren, wer der potenzielle Überträger der Krankheit war. Auch der genaue Zeitpunkt des Kontakts wird nicht mitgeteilt, allerdings der Tag. Standortdaten werden nicht erhoben.
Kommentar "Gefährliche Gleichgültigkeit"
Die Warn-App hat einen Vertrauensvorschuss verdient. Sonst wäre alles umsonst gewesen.
Die Faktoren Zeit und Akzeptanz spielten bei der Entwicklung der Corona-Warn-App entscheidende Rollen. Möglichst schnell sollten möglichst viele Menschen die App nutzen. Weil aber die Kritik an ungenügendem Datenschutz und Befürchtungen über einen verpflichtenden Einsatz anfangs das gesamte Projekt infrage stellten, verzichtete man auf einen Schnellschuss und machte es im zweiten Anlauf richtig: Es werden keine Daten zentral gespeichert. Es lassen sich keine Infektionsketten von Person zu Person zurückverfolgen. Der Programmcode wurde veröffentlicht und enthält somit keine versteckten Funktionen. Mehr Transparenz geht nicht. Das beeindruckte sogar den Chaos Computer Club, was selten passiert.
Doch die Hälfte der Bevölkerung ficht das nicht an. Sie will die App nicht. Es ist offenbar zu verführerisch, Behörden und IT-Firmen pauschal das Misstrauen auszusprechen. Dann hat man im Fall der Fälle keinen Ärger, dann muss man sich nicht mit der Technik auseinandersetzen. Irgendwas wird ja schon dran sein an der Kritik, lautet die fragwürdige Denke. So geht auch die Saat einiger Verschwörungstheoretiker langsam auf.
Dabei ist die App nur ein kleiner Beitrag in dem Versuch, die Verbreitung des Virus zu unterbinden. Nach allem, was Menschen im Zuge des Shutdowns ertragen mussten – die längerfristigen Folgen sind noch gar nicht abzusehen – will ein Großteil sich aber überhaupt nicht mehr mit Einschränkungen oder Vorsichtsmaßnahmen beschäftigten. Klare Sache: Die App allein wird eine Infektionswelle nicht verhindern. Aber die Gleichgültigkeit, die ihre Installation verhindert, könnte unsere Gesellschaft wirklich teuer zu stehen kommen.



Stimme.de
Kommentare
Peter Henschel am 16.06.2020 15:41 Uhr
Was ist bitteschön hier noch rational?
difoni Niedernhall am 17.06.2020 07:32 Uhr
gell Herr Henschel...
Traurig, wenn wir diesen Weg eingeschlagen hätten, den Sie im März/April propagiert haben.
Dann hätten wir jetzt die 5-fachen Erkrankungszahlen...
difoni Niedernhall am 16.06.2020 08:20 Uhr
Sie nutzen schon seit Jahren ein Smartphone mit einer Software eines amerikanischen Anbieters? Sie Nutzten Whatsapp, Facebook, diverse Apps von Onlinenändlern, Restaurantketten, etc.?
Und Sie machen sich jetzt bei dieser App in die Hose wegen des Datenschutzes? Oben genannte Tools haben mehr Kenntnisse über Sie als Ihr Partner/Partnerin!
Die Corona-Warn-App ist in Open-Source programmiet, der Chaos-Computer-Club (nicht gerade Regierungs- und Staatsfreundlich) und Amnesty International bescheinigen eine hohe Datensicherheit, Standortdaten werden nicht übertragen!
Sind Ihnen Ihre Liebsten und Freunde nicht wert, (anonym) informiert zu werden, wenn Sie an Corona erkranken? Dass diese dann freiwillig entscheiden können wie sie sich verhalten?
Das wäre nicht rational sondern reine Ideologie!
Monika Hinkle am 16.06.2020 17:22 Uhr
Ich unterstreiche jedes Wort von Ihnen