Bildungsforscher über digitalen Unterricht: "Den richtigen Weg gibt es nicht"
Tablets an Schulen für alle wie in Heilbronn oder doch lieber das Buch: Bildungsforscher Andreas Lachner spricht im Interview über Chancen und Risiken.

Alle Heilbronner Schüler sollen in den nächsten Jahren Tablets erhalten. Auch das Kultusministerium Baden-Württemberg hat nun eine eigene Digitalisierungsstrategie für die öffentlichen Schulen veröffentlicht. Unterdessen tritt Schweden bei der Digitalisierung wieder auf die Bremse, die Schulen sollen stärker zurück zu Buch und Heft. Über Vorteile und Grenzen des digitalen Unterrichts spricht Andreas Lachner, er ist an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Lehren und Lernen mit digitalen Medien sowie Co-Director des dortigen Center for Digital Education.
Heilbronn verteilt Tablets an Schulen, Schweden wieder Bücher: Welcher Weg ist richtig?
Andreas Lachner: Den richtigen Weg gibt es nicht. Durch die Corona-Pandemie hat man gesehen, was bei uns nicht funktioniert hat. Viele Schulen waren damals aber nicht auf den digitalen Unterricht vorbereitet, es war eine Notdigitalisierung. Hinzu kam aber noch etwas anderes, die Jugendlichen durften vieles nicht, nicht einmal mehr die Freunde treffen. Durch die Forschung wissen wir, dass die Art des eingesetzten Mediums an sich im Unterricht allerdings keinen großen Unterschied auf die Leistung eines Schülers macht.
Warum?
Lachner: Ich kann sehr schlechten Unterricht mit einem Tablet und mit klassischem Material machen. Der Unterschied zu Tafel, Kreide und Buch ist: Man unterstellt immer sofort, dass der Unterricht mit diesen Mitteln sehr gut sein muss. Ganz egal, wie gut beispielsweise ein Schulbuch tatsächlich ist. Jedes Medium hat sein Potenzial und seine Nachteile.
Ab welchem Alter sollten die neuen Medien zum Unterricht gehören?
Lachner: Für Grundschulen bin ich kein Experte. Ich denke aber schon, dass man die Grundlagen der gesellschaftlichen Teilhabe, Lesen und Schreiben, mit Papier und Stift erlernen sollte.
Wann ist es für Lehrer sinnvoll, auf Lern- und Unterrichtsapps zuzugreifen?
Lachner: Wenn es didaktisch sinnvoll begründet ist. Nicht immer kann man nach Rom fahren: Dann ist es gut, wenn man die Klasse mit virtuellen Brillen ausstattet und mit den Kindern von der Schule aus einen digitalen Rundgang durch den Petersdom machen kann. Meiner Meinung ist es wichtig, die Kinder durch den Einsatz der digitalen Medien auf die digitale Welt vorzubereiten. Hier müssen ihnen die Lehrer helfen, wir haben bereits eine heterogene Schülerschaft in den Klassenzimmern. Hauptpunkt ist, dass alle später souverän mit den Medien umgehen können. Beispielsweise zeigt sich, dass viele Jugendlichen die Office-Anwendungen nicht nutzen können.
Das hört sich eher nach Spielen als nach Unterricht an.
Lachner: Nehmen wir Chat-GPT, eine Anwendung aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz. Man muss schon wissen, wie die Technologie konkret funktioniert. Auch Fragen zum Datenschutz sind wichtig, gerade weil viele Nutzer im Privaten ihre persönlichen Informationen preisgeben.
Der digitale Unterricht steht und fällt mit den Lehrern. Müssen die Pädagogen im Unterricht alles können?
Lachner: Es gibt noch immer den Mythos des allwissenden Lehrers. Sie müssen aber nicht alles wissen, damit aber professionell umgehen können. Auch Scheitern gehört dazu.
Welchen Stellenwert hat der digitale Unterricht derzeit?
Lachner: Während Corona gab es einen Hype. Mein Eindruck ist, dass es gerade etwas nachlässt.
Machen Sie die Entwicklung an bestimmten Fächern fest?
Lachner: Im MINT-Bereich gibt es bereits sehr solide Erfahrungen in der Nutzung digitaler Medien. Andere Fächer wie Kunst und Musik ziehen jedoch mit innovativen Ansätzen nach. Manche Lehrer, die zu den sogenannten Digital Natives gehören, ziehen in der Schule Buch und Tafel vor.
Digitale Medien in jedem Fach, und das fünf Tage die Woche: Gibt es bei der Tablet-Nutzung in Schulen ein Zuviel?
Lachner: In einem Forschungsprojekt haben wir den unterschiedlichen Schülern in einer Klasse adaptiven Unterricht geboten. Wir wollten schauen, welche Entwicklung die Kinder machen. Auch digitale Medien wurden dabei genutzt. Am Ende hatten die Jugendlichen keine Lust mehr. Die Lehrerin meinte, sie hätte zu viele Tools eingesetzt. Ich denke daher, dass ein integriertes Konzept für Schulen wichtig ist. Die Lehrer müssen wissen, welche Apps sie verwenden wollen.
Ist es sinnvoll, an Schulen einheitliche Tablets einzusetzen?
Lachner: Das macht es einfacher. Wenn jeder Schüler sein eigenes Endgerät mitbringt, kann das Lehrer an ihre Grenzen bringen - dann funktionieren die Apps mal auf dem einen Betriebssystem, auf dem anderen aber nicht.
Was fehlt gerade hierzulande bei der Digitalisierung des Unterrichts?
Lachner: Wir müssen die richtigen Tools bereitstellen. Meiner Meinung nach tut sich da zu wenig, auch bei den Schulbuch-Verlagen. Es muss hier mehr geschehen, wenn wir die Schulen bei der Digitalisierung nicht ganz vernachlässigen wollen. Start-ups haben es schwer, weil sie selbst nicht wissen, wie viel sie verdienen können. Da stehen wir in Deutschland noch ganz am Anfang. Jenseits der Apps braucht es konkrete Schulungen und Fortbildungen, um die Tools einsetzen zu können.
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