"Wäre nicht mehr am Leben": Bürger kämpfen für Erhalt der Brackenheimer Notfallpraxis
Der Notfallpraxis in Brackenheim droht das Aus, der Protest ist groß: Über 1000 Menschen demonstrieren für die Rettung des Standorts. Sie wollen die Schließung im November verhindern.
Der Notfallpraxis in Brackenheim droht das Aus: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat die Schließung zum November beschlossen. Dagegen regt sich Protest: Am Samstagnachmittag kamen nach Schätzung der Veranstalter weit über 1000 Menschen auf die Festwiese hinter dem Brackenheimer Bürgerzentrum zusammen, um ihrem Unmut Luft zu machen.
Schließung der Notfallpraxis in Brackenheim: Angst um ärztliche Versorgung
Bei der Demonstration gegen die Schließung der Notfallpraxis in Brackenheim ist auch Irene Becker aus Botenheim. Die 76-Jährige war eine Zeit lang jeden Tag beim Arzt und konnte nicht fahren. „Nach Heilbronn wäre ich gar nicht gekommen. Ich war froh, dass ich die Klinik vor Ort hatte.“ Es können auch vermeintliche Kleinigkeiten sein, berichtet Theo Wöhr aus Güglingen-Eibensbach, der mit einem Schild auf sich aufmerksam macht. „Ich war mit meinem Sohn insgesamt fünfmal in der Notfallpraxis.“ Mit kleineren Verletzungen wolle er nicht 25 Kilometer in die Notaufnahme nach Heilbronn fahren, um dann stundenlang warten zu müssen. „Es ist ja klar, dass die schwerer Verletzten zuerst drankommen.“
Aber um abzuklären, ob es „nur“ eine Blessur oder doch etwas Ernstes sein könnte, war er froh, dass es „in Brackenheim erfahrene Ärzte gibt, die so etwas schnell einschätzen können“. Schließe die Notfallpraxis in Brackenheim, habe man keine Anlaufstelle mehr für kleinere Verletzungen.
Brackenheimer Notfallpraxis soll schließen: Folgen laut Politiker "fatal"
Thomas Deuschle, Oberbürgermeister von Waghäusel im Landkreis Karlsruhe, war ebenfalls bei der Kundgebung gegen die Schließung der Notfallpraxis in Brackenheim. Er kann die Schilderung bestätigen. „Bei uns ist die Notfallpraxis quasi über Nacht zugemacht worden“, sagt er. Die „fatalen Folgen“ seien gewesen, dass 1126 Mal zusätzlich der Notruf gewählt wurde und die zentrale Notaufnahme 3148 Patienten mehr zu versorgen hatte.
Mit einem Einzugsgebiet von 132 000 Menschen deckt die Brackenheimer Notfallpraxis sogar noch ein größeres Gebiet ab, stellte der hiesige Bürgermeister Thomas Csaszar fest. Er sei „begeistert von der großen Zahl der Unterstützer“, die sich zum Erhalt des hausärztlichen Notdienstes versammelt haben. Bei 8000 Patienten im Jahr sei der Erhalt der Einrichtung „zwingend. Eine funktionierende Organisationseinheit darf nicht wegen strukturellen Fehlern in der Politik aufgegeben werden.“
Organisator der Kundgebung in Brackenheim wirft Landespolitik "Demenz" vor
Der Organisator der Veranstaltung gegen die Schließung der Brackenheimer Notfallpraxis, Joachim Esenwein, warf der Landespolitik, vor allem Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) „Demenz“ vor, weil er sich an frühere Zusagen nicht mehr erinnern könne, und der stellvertretenden Vorsitzenden der KV Doris Reinhardt, dass sie sich in Stillschweigen hülle. „Kommunikation geht anders!“ Dass es zu wenig Personal gebe, ließ der Brackenheimer Stadtrat und Mitglied des Fördervereins Gesundheitsversorgung nicht gelten: „3000 Mediziner aus Drittländern warteten auf ihre Approbation. Das sind die Ärzte und Ärztinnen, die uns in zehn Jahren fehlen werden.“
In Wahlkampfzeiten nutzten auch Landtags- wie Bundestagsabgeordnete sowie -kandidaten das Forum für Gespräche auf und neben der Bühne. Man solle den „Druck auf die amtierende Politik erhöhen“, skandierte der gesundheitspolitische Sprecher der Landes-SPD Florian Wahl.
„Wäre nicht am Leben“: Patientin betont Stellenwert der Brackenheimer Notfallpraxis
Wie weit der Weg in die Notaufnahme nach Heilbronn tatsächlich werden kann, haben Vito und Karola Bertani am eigenen Leib erfahren. „Ich wäre im Auto gestorben“, erzählt die Pfaffenhoferin. In Brackenheim gebe es „tolle Ärzte“, sie sei schnell untersucht worden.
Im herbeigerufenen Rettungswagen habe sie zweimal einen Herzstillstand gehabt. „Wären wir selbst nach Heilbronn gefahren, wäre ich heute nicht mehr am Leben.“Hauptproblem vieler scheint neben der Entfernung die lange Wartezeit im Gesundbrunnen zu sein, so berichtet es auch Heide Wertsch aus Nordhausen. „Da sitzt man ewig und am Ende wird man wieder heim geschickt. Und das wird sicher nicht besser, wenn das ganze Zabergäu auch noch kommt.“
Manche finden auch deftigere Worte, aber der Protest verläuft friedlich. Bei Kaffee oder auch Glühwein stehen die Menschen eine Weile zusammen. Nun hofft man noch auf die Petition beim Stuttgarter Landtag.
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