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Schwierigkeiten in der Baubranche erschweren die Arbeit im Rathaus enorm

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Beispiel Weinsberg: Fachkräftemangel, Preissteigerungen, lange Lieferzeiten - wie sich die Verwerfungen in der Baubranche auf Kommunen auswirken.

Die Trinkwasserinstallation in der Weibertreuhalle in Weinsberg kann nicht wie geplant in den Sommerferien erneuert werden. Das hat Auswirkungen auf den Sportunterricht im Herbst.
Die Trinkwasserinstallation in der Weibertreuhalle in Weinsberg kann nicht wie geplant in den Sommerferien erneuert werden. Das hat Auswirkungen auf den Sportunterricht im Herbst.  Foto: Kunz, Christiana

Er sieht das Kopfschütteln im Geiste schon vor sich. Warum wurde das nicht in den Sommerferien erledigt?, werden sich Eltern im Herbst fragen - dann, wenn die Weibertreuhalle mehrere Monate für den Schulsport gesperrt sein wird, weil Installationsarbeiten zu erledigen sind. Nicolas Rautenberg weiß auch, dass sich mancher Einwohner ärgert, weil die Treppenanlage beim Traubenplatz seit einem Dreivierteljahr gesperrt ist. Erst jetzt wird sie gerichtet. Dabei kann der Weinsberger Stadtbaumeister für all das nichts. Schuld sind die Verwerfungen und Unwägbarkeiten in der Baubranche. Sie erschweren die Arbeit in den Rathäusern enorm. Weinsberg ist nur ein Beispiel.


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Eine lange Liste

Kopfzerbrechen Die Liste ist lang. Sehr lang. An der Wand in Nicolas Rautenbergs Büro sind alle Bauprojekte der Stadt Weinsberg der nächsten Zeit notiert - vom Feldweg, der zu richten ist, bis zum Feuerwehrhaus, das für 20 Millionen Euro in den Spitzäckern entsteht. Es ist nicht die bloße Länge der Liste, die dem Stadtbaumeister Kopfzerbrechen bereitet. Es sind die Probleme, die er auf sich zukommen sieht.

Lange Lieferzeiten sind ein Problem

Davon hat er schon jetzt genug. "Wir haben eine unglaubliche Handwerkerknappheit." Die wenigen Fachleute, die es gibt, haben angesichts der aktuellen weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Lage ihrerseits große Schwierigkeiten, weiß Rautenberg. "Sie tun sich sehr schwer, eine Kalkukation bis zu einer bestimmten Abgabefrist zu erstellen, weil sie nicht wissen, ob sie die Preise halten können." Üblicherweise vergehen einige Wochen bis Monate von dem Zeitpunkt, zu dem eine Stadt oder Gemeinde bestimmte Arbeiten für ein Bauvorhaben ausschreibt, bis dann der Maurer, Elektriker oder Heizungsinstallateur, der den Zuschlag erhalten hat, seine Arbeit erledigt. Nicolas Rautenberg zählt weiter auf: "Das nächste Thema sind lange Lieferzeiten - bei Lüftungsgeräten sind es zurzeit etwa zehn Monate."


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Der Mehraufwand ist erheblich

Die Folge: Immer öfter geht auf öffentliche Ausschreibungen - sie sind ab einem bestimmten Auftragsvolumen Pflicht - erst gar kein Angebot ein; geschweige denn mehrere, aus denen dann der günstigste Bieter auszuwählen wäre. Kommunen dürfen, wenn Angebote fehlen, zwar gezielt Firmen ansprechen in der Hoffnung, dass eine darauffolgende beschränkte Ausschreibung erfolgreich ist. "Aber selbst wenn das so sein sollte: Konsequenzen hat es dennoch", sagt Rautenberg. "Es ist für uns ein erheblicher Mehraufwand, und es verzögert die Abläufe."

Beispiel Weibertreuhalle: Weil dort vor einigen Monaten eine hohe Legionellenkonzentration festgestellt wurde - die akute Gefahr ist längst gebannt - muss die Trinkwasserinstallation erneuert werden. Wenn es nach der Stadtverwaltung gegangen wäre, wären die Arbeiten in den Sommerferien erledigt worden. Doch obwohl die Kostenschätzung laut Stadtbaumeister "im deutlich sechsstelligen Bereich lag, hat keine Sanitärfirma ein Angebot abgegeben", bedauert Rautenberg.

Kommenden Dienstag steht das Thema erneut auf der Tagesordnung des Gemeinderats, und der neue Zeitplan sieht vor, dass die Arbeiten im Herbst erledigt werden. Wo dann aber hin mit den bis zu 70 Klassen, die in der Weibertreuhalle Sportunterricht haben? Rautenberg weiß: Das wird ein logistisches Problem werden.

Bauwagen lässt auf sich warten

Ein weiteres Beispiel ist der Waldkindergarten. Die zweite Gruppe sollte eigentlich so schnell wie möglich in Betrieb gehen, spätestens Anfang 2023. Es wird jedoch mindestens Frühjahr werden - der erforderliche Bauwagen hat lange Lieferzeiten. "Wir brauchen aber dringend die Plätze", verdeutlicht Rautenberg das Dilemma.

Videokonferenzen sind beeinträchtigt

Unterversorgt Probleme macht die Netzwerkinstallation im Rathaus. Eigentlich sollten weitere Arbeitsplätze aufgerüstet werden, die infolge der Digitalisierung technisch unterversorgt sind. Doch auch hier: Lieferschwierigkeiten. Daher muss das IT-Team der Stadt Provisorien einrichten - mit der Folge, dass die Verbindungsgeschwindigkeit langsamer ist. Rautenberg: "Das beeinträchtigt Videokonferenzen." Die aber seien inzwischen Standard.

Fast ein Jahr lang war die Treppe am Traubenplatz gesperrt, weil sie zur Stolperfalle geworden war. Das lange Betretungsverbot sei nicht Folge einer falschen Zeitplanung im Rathaus, betont Rautenberg. "Wir haben niemanden gefunden, der die Treppe saniert." Zweimal wurden die Arbeiten ausgeschrieben. Nun endlich wird sie gerichtet - neun Monate Sperrung wegen drei Wochen Arbeitszeit. Der Stadtbaumeister hofft inständig vor allem eines: "Dass es nicht noch schlimmer wird."

Umplanung in Lehrensteinsfeld

Die Beispiele aus Weinsberg sind keine Einzelfälle. Andere Kommunen im Weinsberger Tal sowie im Schozach- und Bottwartal planen ganz ähnliche Sorgen. In Lehrensteinsfeld etwa beschäftigt sich der Gemeinderat in seiner Sitzung am Donnerstag, 21. Juli, mit einer Umplanung bei der anvisierten Erweiterung des Kindergartens Rosengarten. Aufgrund der Auslastung im Baugewerbe, aufgrund von Fachkräftemangel und infolge extremer Preissteigerungen befürchtet die Verwaltung, dass der Anbau nicht fertig wird, bis die Plätze im Frühsommer 2023 benötigt werden. Am Donnerstag soll der Gemeinderat seine Zustimmung zu einer Zwischenlösung geben, damit die Plätze dennoch rechtzeitig verfügbar sind.

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