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Schluss mit freier Arztwahl: Kommt die Hausarzt-Pflicht für Patienten? 

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Patienten sollen künftig erst zum Hausarzt, damit dieser eine Überweisung zum Facharzt ausstellt. Das sagen Ärzte aus der Region Heilbronn zu den Plänen der schwarz-roten Koalition.


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Matthias R. aus einer Gemeinde im Landkreis Heilbronn ist vom Rad gestürzt und kann seinen Arm nicht mehr heben. In der Notaufnahme der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik wird klar: Das Schultergelenk ist ausgekugelt, daher rühren die Schmerzen und die Kraftlosigkeit im Arm. Der diensthabende Arzt bringt das Gelenk wieder in seine ursprüngliche Lage.

Doch weitere Diagnostik oder Therapien dürfen die Mediziner an der orthopädischen Fachklinik beim Kassenpatienten Matthias R. nicht veranlassen. Er muss zum Hausarzt, der ihm eine Überweisung für eine MRT-Untersuchung ausstellt und ihn weiter schickt zum Orthopäden. Einen Termin in einer orthopädischen Praxis in der Region vor Juni zu bekommen, ist jedoch aussichtslos. 

In Baden-Württemberg fehlen 1.000 Hausärzte: Bessere Patientensteuerung soll helfen

Wie Matthias R. geht es täglich Tausenden Patienten auf der Suche nach Facharzt-Terminen: Wer mit Rückenschmerzen zum Orthopäden will, mit einem Ekzem zum Hautarzt oder einer entzündlichen Erkrankung zum Rheumatologen, muss oft wochen- bis monatelang warten, wenn er überhaupt einen Termin ergattert. Arztzeit ist in unserer alternden Gesellschaft chronisch knapp. Die schwarz-rote Koalition will das mit einer besseren Patientensteuerung ändern. Der Hausarzt soll als „Primärarzt“ erste Anlaufstelle für Patienten sein und nur bei Bedarf zum Facharzt weiterleiten. Ausnahme: Augenärzte und Gynäkologen.

Denn klar ist auch: Bei Fachärzten kommen viele Patienten an, die mit ihren Beschwerden eigentlich beim Hausarzt richtig aufgehoben wären. Sie blockieren wertvolle Ressourcen. Auf 30 bis 40 Prozent schätzt der Neckarsulmer Orthopäde Boris Brand den Anteil der Patienten, die zunächst vom Hausarzt therapiert werden könnten. „Aber wie soll der das bewältigen?“, fragt er. Denn Hausärzte gibt es ebenfalls viel zu wenige, etwa 1.000 Sitze in Baden-Württemberg sind unbesetzt, Tendenz steigend. Brand sagt: „Egal, wo man die Patienten hinschickt, es gibt zu wenig Kapazitäten.“


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Schluss mit freier Arztwahl: Hausarzt fungiert jetzt schon häufig als Lotse

Boris Heinz ist Hausarzt in Leingarten. Er würde eine bessere Patientensteuerung „eigentlich für total sinnvoll“ halten, denn die Lücke zwischen medizinischen Angeboten und den steigenden Bedarfen wird immer größer. Heinz sagt, schon jetzt übernehme er als Hausarzt eine Lotsenfunktion für Patienten, die dringend einen Facharzttermin benötigten, diesen aber nicht selbst vereinbaren können.

„In Bereichen wie Kardiologie, Gastroenterologie oder Orthopädie klappt das in der Region auch ganz gut.“ Bei Psychotherapie oder Rheumatologie komme selbst er kaum weiter: „Das Angebot ist einfach so viel kleiner als der Bedarf.“ So meint auch Boris Heinz: „Eine Lotsenfunktion für Patienten kann hilfreich sein, sie löst aber nicht das Grundproblem.“

Chefarzt Michael Clarius: „Verfahren ist kompliziert“

Michael Clarius ist Chefarzt an der Bad Rappenauer Vulpius-Klinik. In die reguläre Sprechstunde zu ihm und seinen Kollegen kommen Kassenpatienten nur, wenn sie eine Überweisung vom Orthopäden haben. „Grundsätzlich ist es für mich als Arzt im Krankenhaus immer wünschenswert, wenn ein Filter vorgeschoben ist, der den Patienten entsprechend seiner Beschwerden leitet“, sagt Clarius. Das führe in der Regel auch zielgerichtet zur passenden Therapie.

Das Verfahren sei in vielen Fällen aber schon kompliziert, meint er. „Dabei ist es doch eigentlich einfach: Der Patient möchte so schnell wie möglich eine adäquate Therapie. Dabei sind unnütze Untersuchungen und unnütze Wartezeiten, um dann festzustellen, dass er da nicht richtig aufgehoben ist, kontraproduktiv. Und sie kosten auch den Arzt Zeit, die er für andere Patienten besser einsetzen könnte.“

Neckarsulmer Orthopäde Brand: „Arztberuf wieder attraktiver machen“

Kann ein Primärarztsystem das Verfahren vereinfachen? Boris Brand, der auch Vize-Landesvorsitzender des Berufsverbands der Orthopäden und Unfallchirurgen (BVOU) ist, zweifelt daran. „Die Hausärzte haben doch für zusätzliche Aufgaben gar keine Kapazitäten.“ Wenn der „Primärarzt“ jedoch nur dazu da sein soll, eine Überweisung zum Facharzt auszustellen, ohne den Patienten selbst behandeln zu können, würde damit eine weitere bürokratische Hürde eingezogen und zusätzliche Kosten würden ausgelöst.

Auch der Ärzteverband Medi ist skeptisch. „Die Hausarztpraxis darf nicht zum Gatekeeper staatlicher Steuerung werden“, heißt es von dort. Für bessere Steuerung brauche es vor allem „Digitalisierung, eine smarte Ersteinschätzung und ein Ende der Budgetierung medizinisch notwendiger Leistungen“, so die Forderung.

Boris Brand sagt: „Man müsste den Beruf für Ärzte vor allem wieder attraktiver machen.“ Zudem gelte es, auch unbequeme Diskussionen zu führen: „Man hat mit der freien Arztwahl in Deutschland und der Möglichkeit, sich eine Zweit- und Drittmeinung zu holen, hohe Erwartungen beim Patienten geschaffen.“ Aber das System sei inzwischen am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt. Auch das anzuerkennen gehöre zu einer ehrlichen Betrachtung.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) unterstützt die Pläne für eine Patientensteuerung über den Hausarzt. Deutschland sei „Spitzenreiter bei den Arzt-Patienten-Kontakten“, gleichzeitig hätten viele Versicherte Probleme, überhaupt einen Arzttermin zu bekommen, so die GKV. Die Bundesärztekammer forderte, Patienten, die selbst auf Behandlungen über der vorgesehene Maß hinaus bestehen, müssten an den Kosten beteiligt werden. 

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