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Gewalt durch Kinder nimmt zu: Weinsberger Kinderpsychiater spricht über Ursachen

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Immer mehr Kinder werden als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten erfasst. Ein Chefarzt vom Weinsberger Klinikum am Weissenhof spricht über mögliche Ursachen und über die Lage in der Region.


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Die Zahl der Kinder, die als Tatverdächtige bei Gewaltdelikten erfasst werden, ist laut jüngster Kriminalstatistik weiter angestiegen. Dieser Trend bereitet nicht nur bundesweit Sorge – auch im Raum Heilbronn zeigt sich offenbar ein wachsendes Aggressionspotenzial. Zuletzt wurde bekannt, dass „schwierige“ Kinder das Personal in der Kita Zimmerhof in Bad Rappenau fordern. Vereinzelt soll es zu Gewalt gegen Erzieherinnen gekommen sein.

Warum werden Kinder gewalttätig? Dr. Claas van Aaken, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg, spricht über Ursachen und welche Fälle die Klinik verstärkt beschäftigen.

Gewalt durch Kinder: Weinsberger Psychiater sieht in Krisen „Nährboden“

Herr van Aaken, was bringt Kinder dazu, Gewalt anzuwenden?

Claas van Aaken: Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen wird durch die Krisen in der Welt und die Inhalte in den sozialen Medien unsicherer und unübersichtlicher. Wir haben es zudem mit vielen Kindern und Familien zu tun, bei denen es Brüche in Bindungen und Beziehungen gibt. All das ist ein Nährboden für emotionale Probleme und psychische Erkrankungen. Manche entwickeln Depressionen, Ess- oder Angststörungen. Andere kanalisieren ihre negativen Gefühle nach außen –  etwa durch Mobbing oder körperliche Aggression.

Dr. Claas van Aaken ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg.
Dr. Claas van Aaken ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum am Weissenhof in Weinsberg.  Foto: Seidel, Ralf

Gibt es Kinder, bei denen das Risiko erhöht ist, dass sie gewalttätig werden?

van Aaken: Zeigt ein Kind ein aggressives Verhalten, ergibt sich dies meist aus einer Mischung aus mehreren Ursachen. Das Risiko steigt, wenn gewisse Temperamentmerkmale vorliegen. Biografische Faktoren spielen neben falschen Vorbildern ebenfalls eine Rolle. Wird Gewalt vorgelebt und idealisiert, kann auch bei Kindern und Jugendlichen die Schwelle sinken.

Die Zahl der Kinder, die durch Gewaltkriminalität auffielen, stieg laut der polizeilichen Kriminalstatistik im Jahr 2025 um 3,3 Prozent auf rund 14.200 Tatverdächtige. Im Jahr 2024 lag der Anstieg gar bei 11,3 Prozent.

Wer als Kind gewalttätig ist, bleibt das auch später – diesem Pauschalurteil begegnet man häufig. Trifft das wirklich zu?

van Aaken: Je früher Hilfen greifen oder effektiv behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Bei Störungen des Sozialverhaltens oder mit aggressivem Verhalten ist allerdings nicht nur eine Therapie wichtig und richtig, sondern meist auch eine pädagogische Lenkung. Dazu zählen Jugendhilfen durch das Jugendamt, zum Beispiel in Form von Erziehungsberatung oder Wohngruppen.

„Deutliche Zunahme von psychischen Problemen“ bei Jugendlichen im Raum Heilbronn

Beobachten Sie eine Zunahme von Gewalt durch Kinder in Ihrer Arbeit in der Region?

van Aaken: Wir verzeichnen keinen eklatanten Anstieg von gewalttätigen Kindern und Jugendlichen in der Klinik. Ganz generell ist der Bedarf an Hilfsangeboten in den letzten Jahren aber gestiegen. Wir sehen eine deutliche Zunahme von psychischen Problemen, bei Mädchen vor allem Depressionen und Essstörungen. Auch die Notfallinanspruchnahmen bei Suizidgedanken oder -versuchen sind stark gestiegen.

Das Einzugsgebiet der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Weissenhof in Weinsberg reicht vom Stadt- und Landkreis Heilbronn und dem Hohenlohekreis über den Landkreis Schwäbisch Hall und den nördlichen Landkreis Ludwigsburg bis zum nördlichen Rems-Murr-Kreis. Die Auslastung bewege sich kontinuierlich auf Vollbelegungsniveau, wie es auf Stimme-Nachfrage heißt. In den letzten Jahren wurden zusätzliche Angebote aufgebaut, unter anderem eine neue Schwerpunktstation für Essgestörte in Weinsberg. 

Wie erleben Sie die Eltern in Ihrer Arbeit als Kinder- und Jugendpsychiater?

van Aaken: Viele Eltern sind unsicherer geworden in der Erziehung. Sie haben oft das Gefühl, auf Faktoren wie soziale Medien keinen Einfluss zu haben und ihren Kindern nicht gut helfen zu können. Für Eltern ist es meist schwierig, das zu akzeptieren. Deshalb geht es bei der Behandlung am Klinikum nicht nur darum, das Kind stark zu machen, sondern auch die Eltern. Sie sind regelhaft in die Therapie eingebunden.

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