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„Schwierige“ Kinder?

Personalsorgen bei Kita in Bad Rappenau: Leitung und Stellvertretung kündigen

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Die Leiterin der Kindertagesstätte Zimmerhof in Bad Rappenau-Zimmerhof sowie ihre Stellvertreterin haben überraschend gekündigt. „Schwierige“ Kinder sollen das Personal in der Einrichtung zuletzt belastet haben.


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Die Stadtverwaltung Bad Rappenau muss für die Kindertagesstätte Zimmerhof gleich beide Leitungsstellen neu besetzen. Die Leiterin der Einrichtung im Bad Rappenauer Stadtteil sowie ihre Stellvertreterin haben vor wenigen Wochen überraschend gekündigt. Im städtischen Mitteilungsblatt sind jetzt ganzseitig die beiden Stellenausschreibungen veröffentlicht worden.

Leitung und Stellvertretung der Kita Zimmerhof in Bad Rappenau kündigen

„Die Situation ist auch für uns keine einfache Sache“, sagt Hauptamtsleiter Wolfgang Franke. Die Leiterinnen der Einrichtung seien aber noch bis Ende September im Amt. Daher habe man genügend Zeit, eine Nachfolge zu suchen, so Franke.

Doch was steckt hinter den Kündigungen? Franke sagt, dass auch er eine Doppelkündigung in dieser Form noch nicht erlebt habe. Bei der Einrichtung in Zimmerhof handelt es sich um den größten Kindergarten im gesamten Stadtgebiet. Mehr als 100 Kinder besuchen ihn. Viele von ihnen kommen aus der Kernstadt, da dort schon immer die Kapazitäten knapp waren.

Kinder sollen in Einzelfällen gewalttätig gegenüber Erzieherinnen gewesen sein

Nach Informationen unserer Zeitung berichtete das Personal zuletzt zunehmend von herausforderndem Verhalten einzelner Kinder. Zum einen ging es um Beleidigungen und zerstörerisches Verhalten, zum anderen auch um Gewaltvorwürfe – Kinder sollen in Einzelfällen gegenüber Erzieherinnen gewalttätig gewesen sein. Hauptamtsleiter Franke bestätigt das. Insgesamt sei es leider die Entwicklung, dass Kinder als schwieriger wahrgenommen würden; das sei kein Zimmerhöfer Problem, sondern in der Veränderung unserer Gesellschaft begründet. Einerseits gebe es Helikoptereltern, die ihre Sprösslinge am liebsten noch im Kindergarten begleiten würden. Andererseits gebe es Eltern, die sich nicht darum kümmerten, wie sich ihre Kinder in Einrichtungen verhielten.

Kita-Leiterin Birgit Lechler sagt, Gewalt von Kindern gegenüber Erzieherinnen sei nicht nur in Zimmerhof ein Thema, sondern trete derzeit vielerorts auf. Insgesamt habe ihre Entscheidung, nach drei Jahrzehnten vor Ort zu kündigen, viele Gründe – vor allem private. In Bezug auf ihre Stellvertreterin sei das genauso. „Das ist nicht abgesprochen gewesen“, sagt sie, es sei letztlich zufällig. Darüber hinaus wolle sie sich in der Öffentlichkeit nicht dazu äußern.

Stadtverwaltung will Schwachstellen identifizieren

In den kommenden Wochen und Monaten soll es nun laut Hauptamtsleiter Franke auch darum gehen, mögliche Schwachstellen in der Kindertagesstätte zu finden, die den Alltag des Personals möglicherweise erschwert haben oder auch aktuell noch erschweren. Die Tagesstätte ist eine Einrichtung mit offenem Konzept; die Kinder dürfen sich frei bewegen – vielleicht sei das aber auch Teil des Problems, meint Franke. Die Ausrichtung soll nun grundsätzlich besprochen werden. Auch eine Neun-Stunden-Regelung soll erörtert werden. Bisher gibt es eine Acht- und Zehn-Stunden-Regelung.

Franke betont, dass es schwierig sei, Personal zu finden. Wenn ein Kindergarten mit Ganztagesbetreuung bis 17 Uhr offen habe, sei das für Erzieherinnen und Erzieher eventuell weniger attraktiv wie ein Kindergarten, der jeden Tag um 14 Uhr schließt. Eine Besonderheit in Zimmerhof ist auch, dass sich der Kindergarten über verschiedene Gebäude erstreckt – was den Alltag eventuell nicht einfacher mache.

Zum Thema „schwierige“ Kinder führt er aus: „Es muss einfach gewisse Regeln geben. Einrichtungen wie Kindergarten und Schule können den Eltern nicht die Erziehung von A bis Z abnehmen.“

Forschende sprechen von „strukturellem Phänomen“ im Kitasystem

Studien und Fachberichte zeigen, dass Gewalt in Kindertagesstätten längst nicht mehr nur ein Problem zwischen Kindern ist. Auch pädagogische Fachkräfte geraten zunehmend ins Visier. Eine bundesweite Untersuchung zu „verletzendem Verhalten in der Kindertagesbetreuung“ kommt zu dem Ergebnis, dass Beschäftigte selbst von psychischer und physischer Gewalt betroffen sind – etwa durch Schlagen, Treten oder verbale Aggressionen im Alltag. Die Forschenden sprechen dabei ausdrücklich von keinem Einzelfall, sondern von einem strukturellen Phänomen im Kitasystem.

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Parallel berichten Praxis und Medien von einer spürbaren Verschärfung der Situation. Aggressives Verhalten wie Kratzen, Beißen oder Schlagen trete häufiger auf, und Fachkräfte gingen „mit blauen Flecken nach Hause“, wie es in Berichten aus dem Alltag in Kindertagesstätten und Kindergärten heißt. Gleichzeitig bestätigen aktuelle Entwicklungen, dass Gewalt zunehmend auch gegen Betreuungspersonal gerichtet ist und damit eine zusätzliche Belastung darstellt. Ursachen sehen Fachleute unter anderem in Personalmangel, steigenden Anforderungen und einer wachsenden Überforderung im System.

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