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Gastronomen aus der Region Heilbronn klagen über Bürokratie und steigende Kosten 

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In der Gastronomie bündeln sich die Probleme der Wirtschaft im Land. Die Branche schwankt derzeit zwischen Freude über die Mehrwertsteuersenkung und Leid bei Mindestlohn, Preissteigerungen und Überregulierung.  


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Die Erleichterung über die von der zukünftigen Bundesregierung angekündigte Mehrwertsteuersenkung auf Speisen ist den Gastronomen noch anzumerken, doch die großen Zweifel an der Politik bleiben. Nicht nur, weil die von der Branche vehement geforderte Senkung noch nicht beschlossen ist, die Zweifel gehen tiefer. Sie betreffen das Geschäftsmodell Deutschland. Hotels und Gaststätten sind davon genauso betroffen wie alle mittelständischen Handwerks- und Industriebetriebe.

„Der Staat muss aufhören, in die Taschen der Leute zu langen“, fordert Jürgen Mosthaf. Als jüngstes Beispiel dafür, nennt er die Diskussion um den Mindestlohn: „47 Prozent der geplanten Mindestlohnerhöhung bekommt der Staat, der Rest die Beschäftigten“, macht der Besitzer des Restaurants Wildeck in Abstatt klar. Die Rechnung ist auf die geplante Erhöhung des Mindestlohns von aktuell 12,82 Euro auf 15 Euro gemünzt. 

Gastronomen aus Raum Heilbronn: Tariflohn liegt bereits über Mindestlohn

Von den 2,18 Euro Erhöhung pro Stunde blieben so lediglich 1,23 im Geldbeutel der Beschäftigten. „Das ist politisch nicht tragbar“, unterstreicht Mosthaf. „Damit gehen auch die anderen Löhne hoch, und der Tariflohn liegt heute schon über dem Mindestlohn“, rechnet sein Kollege Michael Ciesléwicz, Hoteldirektor der Saline in Bad Rappenau, vor.

„Diese Kosten müssten wir weitergeben, aber bei den Gästen ist das Ende der Fahnenstange erreicht“, ergänzt Martin Kübler. Es seien die enormen Kostensteigerungen in den vergangenen zwei Jahren, die die Branche besonders belasteten, rechnet der Dehoga-Kreisvorsitzende vor. Laut Statistischem Bundesamt sind die Arbeitskosten in Hotel und Gastronomie um 34,5 Prozent gestiegen, die Kostensteigerungen bei Energie und Lebensmitteln betrugen 29,4 und 26,2 Prozent.          

Hoher Personalschlüssel in der gehobenen Gastronomie 

„Wir haben in der gehobenen Gastronomie auch einen hohen Personalschlüssel gibt Jürgen Mosthaf zu bedenken und nennt die Zahl von einem Mitarbeiter auf sieben Gäste. „Der hohe Personalschlüssel wird auch vom Gast erwartet, und wir müssen den auch vorhalten“, erläutert Küffner. Auch deshalb seien die Personalkosten in der Servicegastronomie von 35 Prozent auf über 45 Prozent gestiegen.      

„Der Bürokratieabbau ist für uns und viele andere Branchen elementar“, spricht Michael Ciesléwicz das zweite große Thema an, das nicht nur für die Gastronomen eine große Last ist. „Wer investiert, um sich selbständig zu machen, wird heute misstrauisch beäugt und durch einen Bürokratiedschungel getrieben, das ist richtig schlecht“, ärgert sich Marcel Küffner, Geschäftsführer des Heilbronner Parkhotels. „Das ist der Wahnsinn. Wir sind inzwischen zum Bittsteller der Bürokratie geworden“, ergänzt Mosthaf.

Gastronom Mosthaf aus Abstatt: „Sind inzwischen zum Bittsteller der Bürokratie geworden“

Als jüngste Beispiele gelten die elektronische Krankmeldung, die E-Rechnung und die Arbeitszeitregulierung. „Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) muss vom Arbeitgeber abgefragt werden“, macht Svenja Bohnenstengel vom Talheimer Steuerbüro Sommerfeld deutlich. „Das geht aber nicht automatisch, wir brauchen dazu erst die genauen Daten“, erklärt Johanna Mohrlock. Dann erst könne der Arbeitgeber die anteilige Erstattung der Lohnfortzahlung durch die Krankenkassen beantragen. „Ohne Steuerberater geht da gar nichts“, betont die Geschäftsführerin im Rappenhof in Weinsberg.                       

Unter den Entwicklungen der vergangenen Jahre sei vor allem die Vielfalt in der Gastronomie in Gefahr, fürchtet der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). „Gerade bei den Dorfgaststätten haben wir eine negative Entwicklung“, muss Martin Kübler, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Heilbronn feststellen. Vor allem in kleineren Dörfern und Gemeinden gibt es inzwischen oft keine Gaststätten mehr. „Die Vielfalt ist zurückgegangen“, stellt Michael Ciesléwicz von der Saline fest. „Mich rufen schon Bürgermeister an und fragen, ob ich ihnen nicht einen Gaststättenbetreiber vermitteln kann“, sagt Kübler. Damit einher gehe eine Trend zur Systemgastronomie. Doch auch bei den Systemunternehmen ließen jüngste Pleiten aufhorchen. Mitte März stellte die Restaurantkette Sausalitos einen Antrag auf Insolvenz.        

Bürgergeld als Konkurrenz: Manche Bewerber verlangen Schwarzgeld 

Auch die Kluft zwischen Lohn und Bürgergeld sei viel zu klein. „Das ist die Nettoleistung, die der Staat zahlt“, ärgert sich Marcel Küffner. Das erschwere zusätzlich die Personalrekrutierung. Es gäbe Bewerber, die Schwarzgeld verlangen, sonst kommen sie nicht, andere würden sofort aufhören, wenn sie von einer geringfügigen Beschäftigung in eine Festanstellung wechseln müssten, sagen Handwerker und Gastronomen hinter vorgehaltener Hand.

Bleibt die Arbeitszeitregulierung, die vorsieht, dass maximal zehn Stunden pro Tag und 48 Stunden pro Woche gearbeitet werden darf. Die Ruhezeiten müssen elf, in Ausnahmefällen zehn Stunden betragen. Eine Konsequenz: Immer mehr Betriebe lassen sonntags zu. „Das ist ein Trend, damit hast Du auch einen Tag weniger auf dem Dienstplan“, bestätigt Marcel Küffner. Diese vielfachen Probleme würden von Bürokraten im fernen Brüssel und Berlin gemacht. An einen grundlegenden Wandel glauben die Betriebe daher nicht. „Wir haben enge Zeiten hinter uns und enge Zeiten vor uns“, schätzt Martin Kübler die Lage ein. „Dennoch leben wir, sind attraktiv, bilden aus und verkaufen Emotionen“, betont Jürgen Mosthaf.                      

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