Eren Güvercin studierte Rechtswissenschaften und arbeitet als freier Journalist. Der 45-Jährige ist Gründer der Alhambra-Gesellschaft, die als neuere liberale Gruppe im muslimischen Spektrum wahrgenommen wird. Türkische Nationalisten sehen in ihm einen Volksverräter. Das von ihm veröffentlichte Buch „DITIB und der ferngesteuerte Islam in Deutschland“ wurde vom Verlag wegen Plagiatsvorwürfen nicht mehr ausgeliefert. Güvercin ist verheiratet und lebt in Berlin.
Islamexperte: Teilnahme an Heilbronner Moschee-Veranstaltung wirft Fragen auf
Der Gründer der Milli-Görüs-Bewegung, zu der die Fatih-Moschee in Heilbronn gehört, bekannte sich offen zum Antisemitismus. Der studierte Rechtswissenschaftler Eren Güvercin erklärt, was hinter den Einladungen zum Fastenbrechen steckt.
Nach dem Ramadan sorgt eine Veranstaltung der Fatih-Moschee Heilbronn für Diskussionen – auch wegen möglicher Verbindungen zur Milli-Görüs-Bewegung. Journalist und Islamexperte Eren Güvercin ordnet im Stimme-Interview die Hintergründe und Kritik ein.
Die Fatih-Moschee in Heilbronn wirbt auf ihrer Instagram-Seite für eine Veranstaltung mit dem Konterfei von Necmettin Erbakan. Was findet dort statt?
Eren Güvercin: In Moscheegemeinden der IGMG finden jedes Jahr rund um den Todestag von Erbakan sogenannte „Önden gidenler“-Veranstaltungen statt. Der Begriff „önden gidenler“ stammt aus dem Türkischen und bedeutet wörtlich „diejenigen, die vorausgegangen sind“. Diese Veranstaltungen sind Gedenkfeiern für religiöse Vorbilder. Im Kern geht es jedoch um den Todestag von Necmettin Erbakan. Die anderen Personen werden nur dazu genommen, um den Anschein zu erwecken, es gehe nicht primär um Erbakan. Erbakan war die schillerndste Figur des Islamismus in der Türkei und der Gründer der Milli-Görüs-Bewegung. Er war ein glühender Antisemit und hat daraus gar kein Geheimnis gemacht. Kurz vor seinem Tod sagte er in einem Interview für „Die Welt“: „Seit 5700 Jahren regieren Juden die Welt. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt.“
Kritik an IGMG Heilbronn: Erbakan-Gedenken sorgt für politische Fragen
Wie geht die IGMG-Gemeinde damit um?
Güvercin: Die IGMG-Gemeinde Heilbronn macht sich nicht einmal die Mühe, zu kaschieren, dass es bei dieser Gedenkveranstaltung vor allem um den Islamisten und Judenhasser Erbakan geht. Wenn Vertreter des Rathauses am Ramadanempfang dieser Gemeinde, die einen Islamisten und Antisemiten verehrt, teilnehmen und damit politisch aufwerten, wirft das Fragen auf.
Findet das Bekenntnis zu Erbakan in anderen Moscheen eher im Geheimen statt?
Güvercin: Im Geheimen nicht. Man muss sich nur damit auseinandersetzen und genau hinschauen, was diese Gemeinden jenseits von interreligiösen Begegnungsveranstaltungen sonst so machen. Die Fatih-Moschee teilt ja offen in den Sozialen Medien ihre Sympathien für Erbakan. Ihnen kann man nicht zum Vorwurf machen, dass sie nicht transparent sind oder das verheimlichen. Kommunalpolitiker nehmen das kaum wahr oder können das nicht einordnen. Ich gehe davon aus, dass eine gute Absicht dahintersteckte. Nach dem Motto: Muslime sind Teil der Stadtgesellschaft und wir würdigen das. Das ist aber sehr naiv.
Moschee in Heilbronn: Diskussion über Islamismus und politische Aufwertung
Worin liegt die Problematik eines solchen Besuchs?
Güvercin: Man wertet sie politisch auf. Das ist problematisch. Kommunalpolitiker würden vermutlich auch nicht auf ein Treffen einer rechtsextremen Vereinigung gehen. Auch wenn es gut gemeint ist und Muslime ein ganz selbstverständlicher Teil von Deutschland sind, ist es auch eine politische Aufwertung einer problematischen Organisation, die Erbakan als Leitfigur sieht.

Türkische Rechtsradikale, klare antisemitische Haltungen. Wie verbreitet sind diese Positionen?
Güvercin: Das ist ein weit verbreitetes Phänomen. Graue Wölfe, Moscheeverbände mit Beziehungen zu islamistischen Organisationen und antisemitischen Einstellungen werden immer wieder aufgewertet. Nicht jeder, der in die Fatih-Moschee geht, ist ein glühender Antisemit. Aber es gibt keine kritische Auseinandersetzung mit den ideologischen Ursprüngen der Strukturen und Organisationen. Vertreter von Kirchen, der Zivilgesellschaft und von der Politik werden eingeladen. Aber wer fragt die Moschee-Mitglieder, wo sie eigentlich stehen? Wer thematisiert die problematischen ideologischen Verbindungen?
Experte erklärt, warum Politiker Moschee-Besuche kritischer hinterfragen sollen
Wie sollten Politiker dort auftreten? Es ansprechen?
Güvercin: Trotz des positiven Rahmens sollten sich Politiker die Mühe machen – das erwarte ich von ihnen – sich darüber zu informieren, wo sie hingehen und wofür der Moscheeverband steht. Einfach nur sich blicken lassen und Fotos machen ist naiv. Wenn man weiß, dass es problematische ideologische Verbindungen und Einstellungen gibt, sollte man – wenn man schon hingeht – es auch kritisch, klar und offen ansprechen. Das ist leider meistens nicht die Realität. Es herrscht eine große Ignoranz. Entweder man beschäftigt sich nicht mit den Strukturen, oder man tut so, als ob nichts wäre.
Was bezwecken die Moscheen, wenn sie Vertreter aus Politik und Gesellschaft einladen?
Güvercin: Damit erzeugen sie ein bestimmtes Bild von sich. Der Austausch mit der Politik und mit Kirchen ist wichtig für die politische Aufwertung der eigenen Organisation. Dabei beherrschen sie die doppelte Kommunikation sehr gut. Sie kommunizieren in die deutsche Öffentlichkeit ganz andere Botschaften, als in die eigenen Strukturen hinein. Während man bei internen Gedenkveranstaltungen einen Islamisten und Antisemiten wie Erbakan glorifiziert, werden bei Veranstaltungen mit Politik und Zivilgesellschaft interreligiöser Dialog, Vielfalt und Toleranz gefeiert. Wie passt das zusammen?
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