„Wer untergeht, ist weg“: DLRG Neckarsulm zu Badeunfällen am Breitenauer See
411 Badetote gab es 2024 in Deutschlands Gewässern. Ein neuer Höchststand. Die Rettungsschwimmer der DLRG treffen bei ihren Wachen immer wieder auf Leichtsinn und Selbstüberschätzung.
„Leute, kommt mal alle zusammen für die Einsatzbesprechung“: Es ist Samstag, 12.30 Uhr. Noch herrscht bestes Badewetter am Breitenauer See in Obersulm. 30 Vereinsmitglieder der DLRG Ortsgruppe Neckarsulm sind ab 13 Uhr bis zum Abend für die Sicherheit der Badegäste zuständig. Einsatzleiter Tobias M. verteilt vorab die Aufgaben und erklärt die Prozesse für den Ernstfall: Wie muss der Funkverkehr ablaufen? Wer alarmiert bei Bedarf Rettungskräfte nach? Wie wird der hintere Teil des Sees überwacht, der von der DLRG-Station aus nicht zu sehen ist?
Arbeit bei der DLRG im Raum Heilbronn: Ehrenamtliche kommen oft aus Blaulicht-Berufen
Tobias M. spricht ruhig und souverän, geht systematisch Punkt für Punkt durch, macht klare Ansagen. Im Berufsleben arbeitet er in herausgehobener Position in einem sicherheitsrelevanten Bereich, deshalb will er nicht, dass sein vollständiger Name oder Fotos von ihm veröffentlicht werden. Rund ein Drittel der Truppe kommt aus Blaulicht-Berufen oder ist zusätzlich ausgebildet als Rettungssanitäter: eine Ärztin ist dabei, ein Reservist der Bundeswehr, Polizisten, Feuerwehrleute.

„Das Engagement kommt über die Gemeinschaft“, sagt Tobias M. Man sei gern zusammen, habe Spaß in der Gruppe, deshalb fänden sich auch immer genügend Freiwillige, die den Dienst am Breitenauer See übernehmen oder ehrenamtlich Schichten im Ernst-Freyer-Freibad in Neckarsulm abdecken.
DLRG Neckarsulm: Retter müssen auf Einsicht der Schwimmer hoffen
Um 13 Uhr wird es ernst. Bootsführer Patrick Rendle startet das Boot und fährt mit zwei Kollegen zum hinteren Bereich des Sees, der vom DLRG-Haus aus nicht unmittelbar zu sehen ist. Sebastian Hammer und Martin K., er will aus denselben Gründen nicht, dass sein vollständiger Name veröffentlicht wird, laufen derweil los zur Liegewiese, ausgestattet mit Funkgerät, Erste-Hilfe-Set und Fernglas. Sie sind eine Stunde lang dafür zuständig, den Strand im Auge zu behalten, an dem sich viele Familien mit Kindern aufhalten, außerdem sind sie ansprechbar bei Fragen oder kleineren Verletzungen wie einer Wunde am Fuß oder einem Stich.

Jetzt kommt ein Mann auf sie zu und spricht sie an: „Darf ich noch ins Wasser?“ Denn der Himmel verdunkelt sich immer mehr und in der Ferne rumpelt es. Martin K. sagt: „Letztlich ist das Ihre Entscheidung, aber wir würden raten zu warten, bis das Gewitter vorbeigezogen ist.“ Drei Minuten später sehen sie, wie der Mann doch ins Wasser geht. Die beiden schütteln nur den Kopf. „Hausrecht haben wir hier nicht.“ Die DLRG-Leute können lediglich an die Vernunft der Badegäste appellieren und auf Einsicht hoffen.
Zahl der Badetoten in Deutschland auf neuem Höchststand – auch am Breitenauer See gab es Unfälle
Doch mit der ist es oft nicht weit her, erzählt Tobias M. etwas später. Einmal hätten sie vom Wachhaus aus einen Mann beobachtet, der mitten im See vom Tretboot aus ins Wasser gesprungen und sofort in Not geraten sei. „Er konnte nicht schwimmen und dachte, er könnte es so üben.“ Das Glück für den Mann war die Aufmerksamkeit und Schnelligkeit der DLRG-Leute. Sie waren im Nu bei ihm und zogen ihn aus dem Wasser. Nicht alle Situationen enden so glimpflich. Vom Breitenauer See sind vier Badetote in den Jahren zwischen 2005 und 2023 dokumentiert.

Insgesamt zählte die DLRG im vergangenen Jahr 411 Badetote in Deutschlands Gewässern, ein neuer Höchststand. „Viele Leute unterschätzen die Gefahr im Wasser und überschätzen ihr eigenes Können“, sagt Tobias M. Der See ist nicht groß, aber für ungeübte Schwimmer werde manchmal schon eine kurze Strecke zur tödlichen Gefahr. Das Wasser am Breitenauer See ist zwar sauber und klar, aber wer hier untergeht, der verschwindet. Denn anders als im Schwimmbad sieht man in einem See nicht auf den Grund. Außerdem fehlt die Orientierung. Selbst wenn man beobachtet, wie eine Person untergeht, ist es schwer, den genauen Ort im Auge zu behalten und ihn bei der Rettungsaktion zu lokalisieren.
DLRG-Retter: Immer fixiert bleiben auf Unfallort
Aus diesem Grund gehen die DLRG’ler auch stets im Team auf Streife: Im Notfall muss einer die ganze Zeit den genauen Unfallort im Auge behalten, während der zweite Retter erst den Notruf absetzt und dann ins Wasser geht. Als das Wetter wenig später schlechter wird und nur noch einzelne Badegäste am Wasser zu sehen sind, sagt Tobias M. eine Übung an. „Wir gehen das jetzt mal genau durch.“
Teenager Luca schwimmt raus und simuliert dann in der Mitte des Sees einen Notfall. Das Boot mit Bootsführerin und zwei Rettungsschwimmern macht sich auf den Weg, zusätzlich paddelt Dirk Alpers auf einem der gelben Bretter los zum simulierten Ertrinkungsnotfall. „Ich möchte, dass zum Eigenschutz immer ein weiterer Rettungsschwimmer mit dem Brett hinzukommt“, hatte Tobias M. am Morgen gesagt. Denn nach erfolgter Rettungsaktion mit Schwimmen im Vollsprint oder Gegenwehr des Ertrinkenden seien die Retter manchmal selbst entkräftet.

DLRG Neckarsulm bei Simulationstraining am Breitenauer See
Luca wird aus dem Wasser gezogen, ins Boot verfrachtet und von dort aus auf einer gelben Rettungstrage an Land gebracht, wo schon ein Sanitäter aus der Truppe wartet. Tobias M. überwacht die Übung und macht dann Anmerkungen. „Ihr müsst euch vorher schon überlegen, wie ihr das Boot so manövriert, dass ihr schnell vom Steg wegkommt“, sagt er zur Bootsführerin. Außerdem müssten zum Transport des Opfers vom Boot an Land noch Helfer dazukommen. „Da brauchen wir vier Leute, sonst rutscht der euch von der Trage.“
Um 19 Uhr endet der Dienst der Truppe, jetzt wird gemeinsam gegrillt. Am Sonntag geht es weiter mit einem zweiten Diensttag am Breitenauer See für die DLRG Neckarsulm. Auch wenn das Wetter wechselhaft und die Liegewiese deshalb nur spärlich besucht ist, ist wieder höchste Konzentration gefragt. „Wir wollen nicht, dass in unserer Schicht was passiert“, gibt Tobias M. nochmal an alle aus. Deshalb: „Wer eingeteilt ist, der fokussiert sich voll auf seine Aufgabe.“
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