Nachts zu viel Licht im Raum Heilbronn: Das sind die fatalen Folgen
Im Raum Heilbronn ist ein Großteil der Beleuchtung nicht bedarfsgerecht eingestellt – an vielen Stellen wird ohne ersichtlichen Grund gestrahlt. Das kann fatale Folgen haben.
Die Dämmerung setzt ein. Es ist kurz vor 22 Uhr, und die Mitarbeiter der Untergruppenbacher Firma Magna sind längst nach Hause gegangen. Der Firmenparkplatz ist verwaist – trotzdem wird er vom kaltweißen Licht der Laternen geflutet. „Das ist viel zu stark“, sagt Andrea Hohlweck.
Die Geschäftsführerin des BUND-Regionalverbands Heilbronn-Hohenlohe will bei einer nächtlichen Rundfahrt zeigen, dass in der Stadt und im Landkreis Heilbronn ein Großteil der Beleuchtung nicht bedarfsgerecht eingestellt ist – und an vielen Stellen ohne ersichtlichen Grund strahlt. Auf die Nachfrage, ob es Pläne gibt, das Beleuchtungskonzept auf dem Untergruppenbacher Firmenparkplatz umzurüsten, reagiert die Firma Magna nicht.
Beleuchtung im Stadt- und Landkreis Heilbronn: Insekten sterben durch Dauerbeleuchtung
Nachts wird es nicht mehr richtig dunkel: Straßenbeleuchtung und angestrahlte Fassaden prägen das Stadtbild. Die Lichtglocken erhellen den Himmel kilometerweit. Übermäßige Beleuchtung hat jedoch Folgen für die Umwelt: Kaltweißes Licht mit einem hohen Blauanteil wirkt besonders anziehend auf Insekten. Sie umkreisen die Leuchten oft stundenlang bis zum Erschöpfungstod. Rund 60 Prozent aller Tierarten sind betroffen – sie sind nachtaktiv und brauchen die Dunkelheit für die Jagd. 90 Prozent der nachtaktiven Tiere sind außerdem wichtige Bestäuber, etwa Schmetterlinge.
Das Artensterben führt zwangsläufig zu Ernteausfällen. „Wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir ein Ernährungsproblem“, sagt Hohlweck. Auch den Rhythmus von Eulen oder Fledermäusen bringt das Dauerlicht aus dem Takt. Und bei Menschen kann es zu Schlafstörungen führen. Dauerhafte Bestrahlung verbraucht außerdem viel Energie: Der BUND geht davon aus, dass mit einer umweltfreundlicheren Beleuchtung allein in Europa 20 Milliarden Euro im Jahr eingespart werden könnten.
Es brennt zu viel Licht im Kreis Heilbronn: Lichtverschmutzung gilt als umweltschädlich
Die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI) definiert Lichtverschmutzung als umweltschädlich und gibt bundesweite Empfehlungen zum Umgang mit Lichtimmissionen. Seit 2020 regelt das angepasste Naturschutzgesetz die Beleuchtung im Außenbereich: Öffentliche Gebäude dürfen vom 1. April bis zum 30. September ganztägig und vom 1. Oktober bis zum 31. März von 22 Uhr bis 6 Uhr nicht angestrahlt werden.
Seit Februar 2023 gilt das auch für private Häuser und Betriebsgebäude. Seit 2021 müssen neue Straßenbeleuchtungen insektenschonend sein, und der Altbestand muss bis 2030 umgerüstet werden. „Wir haben ein Regelwerk an der Hand. Wir müssen es nur umsetzen“, sagt Andrea Hohlweck. Viel zu oft sei das nicht der Fall.
Zu viel Licht brennt vor allem für Werbezwecke oder das Ambiente. Beispielhaft zu sehen in einem Ilsfelder Wohngebiet: Privathäuser werden angestrahlt, auch mal nur einzelne Büsche oder Palmen im Vorgarten. In einem Gewerbegebiet reihen sich illuminierte Firmenlogos aneinander. An Betriebsgebäuden blenden Scheinwerfer, obwohl dort zu später Stunde nicht mehr gearbeitet wird. Und in einem Küchenstudio brennt um 23 Uhr noch Licht.
Ist die Beleuchtung ordnungsgemäß? Naturschutzbehörden kommen mit Kontrollen nicht hinterher
Dem Heilbronner Landratsamt werden immer wieder Verstöße gegen das Naturschutzgesetz gemeldet. Die Behörde gehe den Hinweisen nach oder leite sie an die zuständigen Kommunen weiter, teilt eine Sprecherin mit. Flächendeckende Kontrollen gibt es nicht.

Vom Magna-Betriebsgelände aus ist die mit warmem, bernsteinfarbenem Licht angestrahlte Burg Stettenfels zu sehen. Für kulturhistorische Gebäude können Ausnahmen vom Naturschutzgesetz beantragt werden, im Landkreis haben vier Kommunen solche Anträge für einzelne Gebäude eingereicht. In Heilbronn bilden nur die Kilianskirche sowie das Rathaus eine Ausnahme.
Der Stadt Heilbronn sei die Einhaltung des Naturschutzgesetzes im Stadtgebiet äußerst wichtig, heißt es aus dem Rathaus. „Nahezu alle Gebäudebeleuchtungen und Fassadenanstrahlungen im Stadtgebiet sind ausgeschaltet.“ Lediglich die Rathausbeleuchtung bleibe an, weil sie den Heilbronner Marktplatz aus Verkehrssicherungsgründen gleich mit erhellt. Bei der Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED werde darauf geachtet, „eine insektenfreundliche Lichtfarbe zu wählen“. Zusätzlich sollen vermehrt Bewegungsmelder eingesetzt werden.
Gemeinde Ilsfeld "muss und will nachrüsten" in der Beleuchtung
In Ilsfeld sieht man an der Ecke König-Wilhelm-Straße/Vorstadtstraße auffällig viele Lichtstelen, die das Licht streuen. Die Stelen verfügen über Halogen-Metalldampf-Leuchtmittel, erklärt Bürgermeister Bernd Bordon, die Gemeinde müsse und werde aber sukzessive nachjustieren, „entsprechend der gesetzlichen Regelung sowie unserer finanziellen Leistungsfähigkeit, bis 2030 alle Leuchten auf insektenfreundliche LED umgestellt zu haben“. Das sei schon bei 90 Prozent der Straßenbeleuchtung der Fall: Beispielsweise dimmen die LED-Leuchten in Ilsfeld von 23 Uhr bis 5 Uhr auf ein Lichtniveau von 50 Prozent, und für die einzelnen Straßen wurden individuelle Berechnungen zu Verkehrssicherheit und dem Naturschutzgesetz erfüllt.

Vom Naturschutzgesetz ausgenommen ist Beleuchtung, die für die öffentliche oder betriebliche Sicherheit nötig ist, oder wenn sie rechtlich vorgeschrieben ist. Die Kommunen seien jedoch nicht zur Beleuchtung verpflichtet, sagt Andrea Hohlweck: „Sie müssen lediglich die Wegesicherung und Orientierung sicherstellen.“ Viele wollten aber kein Risiko eingehen, für Unfälle haften zu müssen. Doch das eigentliche Ziel sei gar nicht, sämtliche Lichter auszuschalten: „Die Beleuchtung sollte reduziert und nur dann und dort eingesetzt werden, wo sie gebraucht wird.“
Was macht eine richtige Beleuchtung aus?
Eine insektenschonende Außenbeleuchtung hat möglichst wenig Lumen, sollte niedrig angebracht und nach unten gerichtet sein. Empfohlen wird gelbes Licht mit Farbtemperaturen zwischen 1700 und 2200 Kelvin, heißt es im Infoblatt der gemeinnützigen Organisation „Paten der Nacht“. Empfohlen werden geschirmte Lampengehäuse oder LED-Reflektorlampen sowie effiziente Leuchtmittel. Eine moderne Lichttechnik mit Steuerungsgeräten zum Dimmen setzt die Energie gezielt ein.
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