Nach Trauma-Erfahrungen: So leben Kinder im Bad Friedrichshaller Kindersolbad
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Im Kindersolbad in Bad Friedrichshall finden Jungs und Mädels aus Problem-Verhältnissen eine Heimat. Dort leben sie wie Geschwister. Aber nicht alle können bleiben.
Jaqueline Kraft-Henschel (links) und Angelina Föll finden es besonders erfüllend, wenn die jungen Bewohner des Kindersolbads unbeschwert lachen. Manchmal erhalten die Jugend- und Heimerzieherin sowie die Sozialwirtin auch herzliche Briefe von den Kindern.
Foto: Hagmann, Daniel
Freitagabende mag Mayuri ganz besonders. Dann darf sie zusammen mit den anderen drei Mädchen und den beiden Jungs in ihrer Wohngruppe länger wach bleiben. Dann können sie länger spielen, lesen oder sich an der Konsole vergnügen. „Ans Nintendo darf man aber nur, wenn man Switch-Tag hat“, erklärt das Mädchen.
Die Zehnjährige lebt in der Möwengruppe des Kindersolbads in Bad Friedrichshall. Dort finden Jungen und Mädchen jene Zuwendung und Geborgenheit, die sie in ihren Familien nicht erfahren haben. „Die Biografien der Kinder bei uns sind komplett individuell“, erklärt Angelina Föll. Die Sozialwirtin ist im Kindersolbad unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.
Bad Friedrichshaller Kindersolbad: Bewohner lernen geregelte Lebensstruktur
„Wir schauen immer: ’Welches Paket bringen die Kinder mit?’“, berichtet Angelina Föll. „Manche befinden sich bereits im fortgeschrittenen Grundschulalter und können dennoch kaum lesen oder sprechen. Bei uns leben auch Kinder, die zu Hause eingesperrt worden sind und die schlimme Gewalt im Elternhaus erfahren haben.“
Entscheidend ist, die jungen Leute in ein geregeltes Leben zu integrieren. „Bei uns lernen die Kinder eine Tagesstruktur“, erklärt Föll. In den Wohngruppen decken sie gemeinsam den Tisch, räumen die Spülmaschine ein und aus, gelegentlich wird gemeinsam gekocht. In der Regel kommen die warmen Mahlzeiten aber aus der Kindersolbad-Küche. Ihr Taschengeld teilen sich die Jugendlichen selbstständig ein.
Sozialwirtin des Kindersolbads: Kinder sind immer weniger in Vereinen aktiv
„Der Bedarf ist bei allen unseren Angeboten groß“, berichtet der Geschäftsführer des Kindersolbads, Benjamin Kaufmann. „Das war auch schon vor der Corona-Zeit ähnlich, jedoch hat die Pandemie wie ein Brennglas gewirkt, das bereits vorhandene Probleme verstärkt hat.“ Die Isolation, das Homeschooling und die große Last auf den Schultern der Eltern gestalten die Betreuungsaufgaben für die Pädagogen im Bad Friedrichshaller Kindersolbad immer komplexer. Sind Eltern mit der Organisation ihres Alltags überfordert, kann dies das Wohl der Kinder gefährden. Diese Themen beschäftigen auch die Mitarbeiter der Bad Friedrichshaller Schulsozialarbeit immer mehr.
Angelina Föll: „Wir merken, dass Kinder weniger in Vereinen aktiv sind als früher. Dadurch nehmen das gesellschaftliche Netzwerk und die sozialen Kompetenzen ab.“ Wenn es seitens sozialer Einrichtungen wie Jugendämtern Anfragen gibt, ein Kind aufzunehmen, überlegen Benjamin Kaufmann und sein Team, ob der neue Bewohner auch zu den anderen passt. Kaufmann: „Die Kinder leben hier miteinander wie Geschwister. Es kommt auch zu Auszügen, wenn manche neuen Bewohner nicht in die bestehende Gruppe integrierbar sind oder durch ihr Verhalten die anderen belasten.“ Übrigens: Seit Kurzem ist Wolfgang Maier wieder stellvertretender Geschäftsführer des Kindersolbads. Er hat früher als Schlagzeuger der Rockband Liquido internationale Erfolge gefeiert.
Im Bad Friedrichshaller Kindersolbad gibt es klare Regeln und Abläufe
Manche Kinder erhalten regelmäßig Besuch von ihrer Familie. Es gibt aber auch junge Menschen im Kindersolbad, bei denen die Angehörigen nicht wissen dürfen, dass ihre Nachkommen nun dort leben. Etwa, wenn die Kinder Gewalt erfahren haben. Und dass die Kinder nach ihren Erlebnissen in Bad Friedrichshall in Sicherheit sind, ist für Kaufmann und sein Team das Wichtigste.
Wie auch in den anderen Wohngemeinschaften gibt es in der Möwengruppe von Mayuri klare Regeln: Die Haushaltspläne, wer wann mit dem Aufräumen von Flur und Küche an der Reihe ist, hängen an der Wand. Im Wohnzimmer treffen sich die Kinder für gemeinschaftliche Aktivitäten. Und nach dem Abendessen lesen die Betreuer Geschichten vor.
Kindersolbad in Bad Wimpfen: Chill-out statt Zimmerzeit
Lebhaft und mit glänzenden Augen erzählt die zehnjährige Mayuri: „Ich gehe in Bad Wimpfen in die Schule. Nach dem Unterricht gibt es hier Mittagessen. Dann machen wir zusammen Hausaufgaben.“ Die Betreuer wie die Jugend- und Heimerzieherin Jaqueline Kraft-Henschel unterstützen vor allem in der Mathematik. Mayuri hat damit jedoch keine Probleme.
Nach den Hausaufgaben können sich die Kinder in ihren Zimmern ausruhen – Chill-out ist angesagt. Mayuri: „Früher hieß das Zimmerzeit. Aber das haben wir umbenannt. Das klingt zu sehr nach Gefängnis.“
Im Bad Friedrichshaller Kindersolbad entwickeln sich Freundschaften fürs Leben
Für die Zehnjährige neigt sich die Zeit im Kindersolbad dem Ende zu: Nach eineinhalb Jahren hat sich die familiäre Situation stabilisiert, sie darf zurück zum Vater. „Es war eine schöne Zeit hier“, sagt das Mädchen. „Zwar freue ich mich auf meinen Vater, aber ich bin auch traurig, zu gehen. Im Kindersolbad habe ich gute Freunde gefunden.“
Geschäftsführer Benjamin Kaufmann ergänzt: „Während des Zusammenlebens bei uns entwickeln sich immer wieder Freundschaften fürs Leben und die Kinder von früher halten über Jahre miteinander Kontakt.“ Und manchmal schauen auch ehemalige Bewohner vorbei und statten ihren ehemaligen Mitbewohnern und Betreuern einen Besuch ab.
Organisation
In den Wohngruppen im Kindersolbad werden die jungen Menschen rund um die Uhr betreut. In den Tagesgruppen sind die Aufgenommenen zwischen vier und 21 Jahren temporär vor Ort, leben aber in ihren Familien. Die Plätze sind in der Regel zu 95 Prozent belegt. Immer wieder verlassen Bewohner das Kindersolbad. Etwa, weil sie zu alt geworden sind oder sich die familiären Verhältnisse stabilisiert haben. Im Kindersolbad arbeiten 170 Menschen.
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