Prozess gegen Drogenbande in Heilbronn: So lebten die mutmaßlichen Dealer
Am zweiten Prozesstag äußern sich die Angeklagten im Landgericht zu ihren Biographien, ihrem Suchtverhalten und zur Zukunft.

Mit rund 97 Kilogramm Cannabis und knapp zwei Kilogramm Kokain sollen sie mehrere Hunderttausend Euro Umsatz gemacht haben. Und als im vergangenen Juni eine Konkurrenz-Bande aus dem Drogenmilieu sie überfallen und um sechs Kilogramm Marihuana im Wert sowie zwei Kilogramm Haschisch erleichtert hatte, sollen sie Vergeltung samt Entführung und Folter gegen einen der Räuber geplant haben. Dieser Überfall der Konkurrenz-Bande wird derzeit in einem gesonderten Verfahren am Heilbronner Landgericht verhandelt.
Neben dem mutmaßlichen Handel mit den Betäubungsmitteln waren die sechs Angeklagten im Alter zwischen 19 und 22 Jahren dem Konsum von Betäubungsmitteln selbst nicht abgeneigt, wie sie am Donnerstag am Heilbronner Landgericht erklären. Am zweiten Prozesstag stehen die Lebensläufe der jungen Erwachsenen im Zentrum.
Landgericht Heilbronn: Verdächtiger schildert Erfahrungen im Syrien-Krieg
Besonders bei einem 20-Jährigen ist es denkbar, dass traumatische Kriegserfahrungen in Syrien dazu beigetragen haben, dass er auf die schiefe Bahn geraten ist. Vor Gericht schildert der Syrer, wie eine Bombe im Vorgarten seines Elternhauses eingeschlagen ist und er sich im Keller versteckt hat. „Das war ganz, ganz schlimm“, berichtet er. Damals ist er sieben Jahre alt gewesen.
Die Familie ist nach Kairo geflohen und hat ihre Flucht mit einem Boot Richtung Europa fortgesetzt. Der Angeklagte: „Sieben Tage hatten wir keine Nahrung und nur 50 Milliliter Wasser am Tag.“ Über Umwege gelangt er nach Bad Friedrichshall und beginnt als Jugendlicher, Cannabis zu konsumieren. Panik-Attacken und Herzrhytmus-Störungen belasten ihn bis heute.
Drogen-Prozess: Bis zu zehn Gramm Marihuana-Konsum pro Tag
Auffällig bei allen Angeklagten: Vor ihrer Verhaftung im vergangenen Sommer haben sie nach eigenen Angaben regelmäßig Drogen konsumiert. Cannabis ist besonders gefragt gewesen, vereinzelt stand auch Kokain, das Opiat Tilidin sowie Amphetamin hoch in der Gunst. Bei Cannabis hat der Tageskonsum bei manchen Angeklagten zeitweise bis zu zehn Gramm in den Joints umfasst, bei Kokain bis zu vier Gramm.
Bei ihrer Inhaftierung haben sich vier der sechs Angeklagten in einem Ausbildungsverhältnis befunden: Zum Kfz-Mechatroniker, zum Metall- und Konstruktionstechniker sowie zum Maschinen- und Anlagenführer. Während ihrer U-Haft setzen sie ihre Ausbildung fort, lernen für anstehende Prüfungen.
Prozess am Landgericht: Mutmaßliche Drogendealer haben konkrete Zukunftspläne
Alle Angeklagten schildern ihre Biographien reflektiert und nachvollziehbar in fließendem Deutsch. Dabei wird deutlich: In der U-Haft machen sie sich intensiv Gedanken über ihre Zukunft. Alle benennen konkrete Pläne, wie es für sie weitergehen soll. Einige der Verdächtigen haben im Falle eines erfolgreichen Abschlusses den Erwerb des Meisterbriefs sowie die Selbstständigkeit vor. Um das zu realisieren plant der Tscheche der Gruppe einen Umzug und einen Wechsel des Freundeskreises. Fast alle nehmen derzeit auch Suchtberatungsangebote wahr. Alle sechs erhalten Unterstützung und regelmäßige Besuche ihrer Familien.
Die Staatsanwaltschaft stellt unter anderem wegen gemeinschaftlichen bewaffneten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln und versuchter Geiselnahme mögliche Strafen zwischen drei und sechseinhalb Jahren in den Raum. Dies individuell unterschieden und abhängig von den Erkenntnissen der kommenden Termine. Der nächste Prozesstag steht am 30. April an.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare