Fast 300 neue Begriffe auf der Liste mit Corona-Wortschöpfungen 

Deutschland  Rund 1350 Wörter stehen - Stand heute - auf der vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache geführten Corona-Wortschatzliste. Das sind 280 mehr als im Dezember 2020. Armin Laschets „Brücken-Lockdown“ ist der neueste Kandidat für diese Liste.  

Email

Das Urteil der um Spott selten verlegenen Twitter-Gemeinde und der politischen Konkurrenz stand schnell fest. Nachdem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am Ostermontag einen „Brücken-Lockdown“ als Mittel seiner Wahl ins Spiel gebracht hatte, hieß es beispielsweise, der CDU-Politiker habe lediglich „ein bekanntes Produkt mit einem neuen Markennamen versehen“. Und Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen nannte es „besorgniserregend, dass Laschets Nachdenken über Ostern offensichtlich nur dazu geführt hat, einen neuen Namen für einen Lockdown zu erfinden, statt endlich schnell und konsequent durchzugreifen".

„Ein schönes Beispiel für eine Neuschöpfung durch Politiker“

Aber wie bewerten Wortschatzforscher die Begriffsschöpfung des CDU-Parteichefs? Annette Klosa-Kückelhaus ist am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache für das Projekt „Neuer Wortschatz“ verantwortlich. Seit Beginn der Corona-Pandemie untersuchen die Wissenschaftler, wie sich unser Wortschatz mit der Virus-Krise verändert, sie sammeln permanent neue Begriffe. Das Wort „Brücken-Lockdown“ habe sie sich auch gleich notiert, berichtete Klosa-Kückelhaus am Dienstag. „Ein schönes Beispiel für eine Neuschöpfung durch Politiker!“, urteilte sie. Das Wort sei ein „guter Kandidat für die Liste“. Der mit dem Begriff bezeichnete Vorschlag Laschets werde sicher noch eine gewisse Zeit lang diskutiert werden, erklärte sie, es sei aber auch davon auszugehen, dass das Wort nach der Corona-Zeit „sicher wieder aus dem Wortschatz verschwinden wird“. 

Sprachwissenschaftlerin Annette Klosa-Kückelhaus. Foto: dpa

Stand Anfang April sind 1351 Wörter in der vom Mannheimer Leibniz-Institut geführten Corona-Wortschatzliste enthalten. Das sind 280 mehr als im Dezember 2020. Klosa-Kückelhaus erläutert: „Allerdings sind dies nicht allein Wörter, die im ersten Quartal 2021 aufgekommen sind, sondern solche, die wir in diesem Zeitraum bearbeitet haben. Parallel zu den bearbeiteten Wörtern haben wir weiter Kandidaten für die Liste gesammelt, das sind insgesamt nochmal etwa 950. Hierunter sind etwa 250 zwischen Januar und März 2021 aufgenommen worden.“ 

Vom Team Vorsicht über Notbremse bis zur Osterruhe

Ob ein Wort tatsächlich in die Liste aufgenommen wird, hängt entscheidend davon ab, welchen Niederschlag es in der öffentlichen und politischen Debatte findet, auch die mediale Begleitung spielt eine große Rolle. Schwerpunkte lassen sich immer wieder entlang des aktuellen Tagesgeschehens ausmachen. Auch die Politiker tragen dazu bei, z.B. wenn Söder vom „Team Vorsicht“ spricht. Oder jetzt Laschet mit dem Begriff „Brücken-Lockdown“.

Einige Wörter, die im ersten Quartals neu auf die Liste gekommen sind, stammen laut Klosa-Kückelhaus aus der Berichterstattung rund um das Thema Impfen wie Impfpriorisierung, Impfmafia, Impfstoffnationalismus, Impfvorrang, Impftourismus, andere bezeichnen Virusmutationen, zum Beispiel Britenvirus, B.1.1.7-Mutante. Schließlich gehe es auch um Lockerungs-/Öffnungsstrategien oder Strategien, wie das Virus ganz beseitigt werden kann – von No-Covid-Strategie bis zur Green-Zone-Strategie. Auch die „Notbremse“, Möglichkeiten des Terminshoppings wie Click & Meet oder die Osterruhe hätten schon ganze Debatten geprägt.

Internet trägt zur dynamischen Entwicklung des Wortschatzes bei

Auf die Frage, ob es historisch betrachtet eine vergleichbare Phase gab, in der ein Wortschatz so stark erweitert wurde, sagte die Sprachwissenschaftlerin unserer Redaktion: „Mit absoluter Gewissheit kann man dies derzeit noch nicht beantworten, weil wir ja noch mitten in der Entwicklung - der Pandemie und des Wortschatzes - sind.“  Ein Vergleich mit der Zeit rund um die deutsche Wiedervereinigung als ähnlich einschneidendem historischen Geschehen sei jedenfalls praktisch unmöglich, so Klosa-Kückelhaus, da es 1989/90 „das Internet mit breiter Onlinemedienberichterstattung und natürlich auch die sozialen Medien überhaupt noch nicht gab, die beide stark dazu beitragen, dass wir nun eine sehr dynamische Entwicklung des Wortschatzes beobachten können“. 

Grundsätzlich würden wichtige historische Ereignisse immer zum Ausbau des Wortschatzes beitragen, ebenso wie technologische Entwicklungen, zum Beispiel in Bezug auf Elektromobilität, alternative Energien, Ernährungs- oder Modetrends. Klosa-Kückelhaus: „Wir in unserem Projekt erleben die Zeit seit Anfang 2020 aber als besonders dynamisch, praktisch täglich begegnen uns eine Vielzahl neuer Bildungen, seltener auch Entlehnungen oder Übernahmen aus der Fachsprache oder neue Bedeutungen zu älteren Wörtern, und das ist vorher nicht in diesem Ausmaß so gewesen.“ 

Junge Menschen haben weniger Probleme mit neuen Begrifflichkeiten

Mit Blick auf junge Menschen, deren Sprachschatz sich erst entwickelt, sagte sie: „Ich glaube, das dies keinen bemerkenswert positiven oder negativen Einfluss auf den Spracherwerb hat. Gerade junge Menschen haben eher weniger Schwierigkeiten, neue Dinge oder Gegebenheiten mit neuen Begriffen zu bezeichnen, denn ihnen fehlt der Vergleich zu früher.“ Es würden sich immer eher die Älteren an Neologismen, also sprachlichen Neuprägungen, reiben; „insbesondere solchen, die aus anderen Sprachen entlehnt sind, weil diese für sie ungewohnt sind, und zwar so ungewohnt wie das Neue, was sie bezeichnen“.

Teil ihrer vertrauten Lebenswirklichkeit

Die Sprachwissenschaftlerin betonte: „Für Menschen, denen die Nutzung sozialer Medien selbstverständlich sei, stellten Bezeichnungen aus diesem Kontext wie instagrammen, Influencer, liken etc. gar kein Problem dar, weil das, was sie bezeichnen, Teil ihrer vertrauten Lebenswirklichkeit ist.“ So werde es auch mit Corona-Wörtern sein: „Wer mit Maske zur Schule gehen muss, benutzt selbstverständlich irgendeine der vielen Bezeichnungen für Mund-Nase-Bedeckungen, wer beim Fangenspielen auf dem Schulhof Abstand wahren muss, der spricht von Coronafangen, wer sich zuhause aufs Abitur vorbereitet, für den ist Homeschooling zwar unschön, aber das Wort stellt kein Problem dar.“

Jürgen Falter: Typischer Begriff aus dem Arsenal der politischen Semantik

Bleibt noch die Frage, ob sich Armin Laschet mit der Wortschöpfung Brücken-Lockdown einen Gefallen getan hat. Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Jürgen Falter ist „Brücken-Lockdown“ ein „typischer Begriff aus dem Arsenal der politischen Semantik“, ähnlich wie der Begriff der Respektrente oder der Osterruhe. „Er klingt nach: eine Brücke in die Zukunft schlagen, hat etwas Vorläufiges, Optimistisches, da ja am Ende jeder Brücke - mit Ausnahme der Pont d' Avignon und der von Remagen - man gewöhnlich wieder auf festem Boden steht.“

Der Begriff sei nicht schlecht gewählt, die Funktion sei eindeutig laut. Falter: „Laschet will als energischer Krisenmanager dastehen, nicht als Weichei. Dabei will ich ihm nicht Einsicht in die Notwendigkeit absprechen. Aber dieser neuerliche Schachzug trifft sich natürlich gut mit seiner unverkennbaren Ambition, erst Kanzlerkandidat und dann Kanzler zu werden.“ Das Fazit des Politikwissenschaftlers, der an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eine Senior-Forschungsprofessur innehat: „Ich glaube jedoch, dass er sich mit diesem neuerlichen Winkelzug eher schadet und sein Image als Wackler ohne klare Linie, als mal weicher, mal harter, aber auf jeden Fall inkonsequenter Corona-Bekämpfer, das er bei vielen Bürgern und Medien hat, damit weiter bekräftigt.“

Annette Klosa-Kückelhaus leitet am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim das Projekt Neuer Wortschatz und den Programmbereich Lexikographie und Sprachdokumentation. Sie hat in Bamberg im Fach Deutsche Sprachwissenschaft promoviert. Begriffe wie „Abstandsgebot“ oder „Balkonklatscher“ fanden schon früh Aufnahme in die Corona-Wörterliste. Der neue Wortschatz rund um die Corona-Pandemie.

 


Hans-Jürgen Deglow

Hans-Jürgen Deglow

Chefkorrespondent in Berlin

Hans-Jürgen Deglow ist seit Januar 2017 bei der Heilbronner Stimme.

Kommentar hinzufügen