Lebenslang

Mordurteil nach Raser-Unfall in Ludwigsburg: "Die Überheblichkeit müssen Sie büßen"

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Bei einem illegalen Autorennen in Ludwigsburg sterben im März 2025 zwei Frauen. Nun wurden die Fahrer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. 

Von red/dpa

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Etwas über ein Jahr nach einem Autorennen mit zwei Toten in Ludwigsburg ist der Unfallverursacher wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Mann hatte sich im März 2025 mit seinem Bruder in Ludwigsburg ein Rennen geliefert – sein Wagen hatte das Auto zweier junger Frauen gerammt. Der Bruder, der einen zweiten Wagen gefahren haben soll, muss wegen versuchten Mordes für 13 Jahre in Haft.

Applaus brandete auf, als der Richter am Dienstag in Stuttgart das entscheidende Wort sagt: "Lebenslang". Das ist das Wort, auf das die Angehörigen seit Monaten gewartet haben im Mordprozess, mit dem der Tod ihrer beiden Töchter und Schwestern zumindest ein wenig gesühnt werden soll. 

Mordurteil in Stuttgart gefallen: Zwei Frauen starben bei Raser-Unfall in Ludwigsburg

Monatelang hatten sich die Kammer des Stuttgarter Landgerichts, Angehörige, Anwälte und zahlreiche Besucher im Prozess gegen die zwei angeklagten Fahrer und ihren Cousin Videos angeschaut, es wurden Gutachten in Auftrag gegeben, Zeugen gehört und Einlassungen verlesen. Im Zentrum stand dabei stets die Frage, ob der Fahrer als Mörder verurteilt oder ob der Fall juristisch anders bewertet wird.


Tödlicher Raser-Unfall in Ludwigsburg: Abgebremst und immer wieder Gas gegeben

Angeklagt waren zwei Brüder im Alter von 33 und 35 Jahren sowie ihr 26-jähriger Cousin. Nach Überzeugung des Gerichts verabredeten sich die drei Türken am Abend des 20. März 2025 zu einem illegalen Rennen in der Ludwigsburger Innenstadt. Sie rasten durch eine Bahnhofsunterführung, bremsten, stimmten sich ab und beschleunigten erneut – teils in einer Tempo-50-Zone. Dabei filmten sie und feuerten sich an. Schließlich rammte der jüngere Bruder mit mehr als 130 Kilometern pro Stunde das Auto von zwei Frauen im Alter von 22 und 23 Jahren, die gerade eine Tankstelle verlassen wollten und bei dem Unfall ums Leben kamen. 

War das fahrlässig? Nein, entschied das Landgericht Stuttgart. Die beiden Frauen wurden aus seiner Sicht bei einem verbotenen Autorennen in Ludwigsburg vor fast genau einem Jahr ermordet. 

Illegales Autorennen in Ludwigsburg hatte "Zufallsopfer gebilligt"

Mit dem Urteil folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft. Der mutmaßliche Unfallverursacher habe kurz vor dem Aufprall Vollgas gegeben, obwohl er die lebensgefährliche Situation erkannt habe, hatte diese argumentiert.

Die Worte des Richters waren scharf: Von falsch verstandener Großmannssucht mit tödlichem Ausgang ist die Rede, die Tat sei hoch verwerflich, ein solches Rennen "auf sittlich niedrigster Stufe". Die Brüder hätten sich über das Lebensrecht anderer Menschen hinweggesetzt und bei ihrem Rennen "ein Zufallsopfer gebilligt". "Es ging darum, das Rennen für sich zu entscheiden", sagte der Richter. Geschwindigkeitsrausch und Geltungsdrang hätten die Brüder dazu getrieben, die Gaspedale voll durchzutreten. 

Richter urteilt scharf: "Die Überheblichkeit, die Sie an den Tag gelegt haben, müssen Sie büßen"

Daher sei die Kammer überzeugt: "Die Überheblichkeit, die Sie an den Tag gelegt haben, müssen Sie büßen. Und zwar zu recht büßen", sagte der Richter. Und zum Unfallverursacher gerichtet: "Ihr Fahrzeug ist Ihr Traumauto und Ihr Albtraumauto geworden."

Auch für die Angehörigen ist es ein Albtraum. Sie hatten in großer Zahl jeden Prozesstag besucht. "Uns ist bewusst, dass durch das Urteil der Verlust ihrer beiden Kinder nicht aufgearbeitet werden kann", sagte der Richter im restlos besetzten Saal. Medienberichten zufolge soll es im Anschluss an die Verhandlungen zu Tumulten zwischen den Familien gekommen sein. Schimpfwörter seien demnach gefallen und es sei zu einer Rangelei gekommen.

Angeklagte räumen Verantwortung ein – tödlicher Unfall nach illegalem Autorennen

Die Verteidiger hatten die Mordvorwürfe im Prozess zurückgewiesen. Sie bestritten, dass die Angeklagten den Tod anderer billigend in Kauf genommen hätten und plädierten auf fahrlässige Tötung. Die Angeklagten selbst räumten teils Verantwortung ein, bestritten jedoch, jemanden bewusst gefährdet zu haben.

Juristisch ist der Fall heikel: Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 sind illegale Autorennen ausdrücklich strafbar. Bei Todesopfern drohen mehrjährige Haftstrafen, in besonders schweren Fällen auch eine Verurteilung wegen Mordes. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass ein Fahrer den Tod anderer nicht nur für möglich hält, sondern ihn billigend in Kauf nimmt. In der Vergangenheit haben Gerichte in ähnlichen Fällen unterschiedlich entschieden – von fahrlässiger Tötung bis hin zu Mordurteilen.

Auch in Heilbronn hatte es einen ähnlichen Fall gegeben. Nach dem Mord-Urteil hatte der Wollhaus-Raser am Dienstag gegen seine Abschiebung geklagt


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Über den Einzelfall hinaus verweist der Prozess auf ein anhaltendes Problem. Trotz verschärfter Gesetze registriert die Polizei wieder mehr illegale Autorennen. In Baden-Württemberg wurden 2024 insgesamt 433 Fälle erfasst, im ersten Halbjahr 2025 bereits 293 – ein deutlicher Anstieg, auch durch intensivere Kontrollen.

 

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