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Verständlichkeit ist beim Gendern nicht immer absolut entscheidend

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Der Kommunikationsexperte Frank Brettschneider hält Gendern für wichtig, wenn alle Menschen angesprochen werden sollen. Er betont, dass Sprache sich wandelt und kritisiert beim Gendern die rechthaberische Debatte.

Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider forscht in Hohenheim zur Verständlichkeit von Texten.
 Foto: Archiv/dpa
Der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider forscht in Hohenheim zur Verständlichkeit von Texten. Foto: Archiv/dpa  Foto: dpa

Es ist ein Hinweis, der sich in vielen Texten findet: "Zur besseren Verständlichkeit wird in diesem Text nur die männliche Form verwendet." Aber wirkt sich gendergerechte Sprache überhaupt auf die Verständlichkeit aus? Wissen muss das Frank Brettschneider, Professor an der Universität Hohenheim und Experte für das Thema Verständlichkeit von Texten. "Wir wissen wenig drüber. Und das, was wir wissen, ist teilweise widersprüchlich", erklärt Brettschneider.

Er verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2007, in der Packungsbeilagen von Medikamenten in drei Varianten untersucht wurden: Einmal wurde immer die männliche Form genannt (generisches Maskulinum), einmal beide Formen (Patientinnen und Patienten) und einmal wurde das Binnen-I verwendet (PatientInnen). "Weder bei Männern noch bei Frauen konnten Unterschiede im Hinblick auf die Verständlichkeit, die Lesbarkeit oder die Güte der Formulierung festgestellt werden", sagt Brettschneider.

Frauen fühlten sich beim Gendern wertgeschätzt

In ihrer Bachelorarbeit kam eine Studentin 2016 zu einem anderen Ergebnis. Sie verschickte den Brief eines fiktiven Möbelhauses an 270 Personen mit denselben Varianten und Gendersternchen (Kund*innen) statt Binnen-I. "Sie konnte nachweisen, dass das Gendersternchen tatsächlich die Verständlichkeit des Briefs senkt", sagt Brettschneider.

Allerdings: "Frauen fühlten sich stärker wertgeschätzt, wenn gendergerechte Sprache verwendet wurde, und haben der Möbelhauskette mehr positive Eigenschaften zugeschrieben."

Verständlichkeit ist nicht immer entscheidend

Rein formal seien gegenderte Texte weniger verständlich. Das könne man mit Hilfe des Hohenheimer Verständlichkeitsindexes messen, der Texte anhand mehrerer Kriterien bewertet. "Die Verständlichkeit sinkt, weil Sätze und auch Wörter länger werden."


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Verständlichkeit sei jedoch nicht das einzige Kriterium, um einen Text zu bewerten, mahnt der Experte. Es sei wichtig, dass etwa Gesetzestexte alle Adressaten ansprechen. "Man muss entscheiden, was wichtiger ist: Die Verständlichkeit oder die Wertschätzung und Ansprache aller Adressaten? Es wäre falsch, eines dieser Kriterien als absolut entscheidend zu erklären."

Experte empfiehlt den Doppelpunkt

Er selbst empfiehlt den Doppelpunkt (Pfleger:innen), da dieser ein bekanntes Zeichen ist und beim Lesen nicht stört. Das Gendersternchen sei kein häufig verwendetes Zeichen und damit ungewohnt, aber auch empfehlenswert. "Der Unterstrich ist wieder auf dem Rückzug, weil er unseren Lesegewohnheiten doch am wenigsten entspricht." Immer beide Formen auszusprechen und zu schreiben hält Brettschneider für aufwendig. Außerdem würden Texte dadurch zu lang.

Für falsch hält er es, statt dem generischen Maskulinum nun das generische Femininum zu verwenden. Justizministerin Christine Lambrecht hatte im vergangenen Jahr einen Gesetzentwurf präsentiert, in dem nur weibliche Formen verwendet wurden - und erntete harsche Kritik. Innenminister Seehofer sagte, das Gesetz gelte womöglich nur für Frauen. "Wahrscheinlich sollte das die Funktion haben, für Empörung zu sorgen und darauf aufmerksam zu machen, dass die entgegengesetzte Version seit Jahrzehnten akzeptiert wird", vermutet Brettschneider.

Sprache verändert sich aus der Gesellschaft heraus

Bewiesen sei, dass Sprache die Wahrnehmung prägt und die Verwendung männlicher Formen dazu führt, "dass etwa der Männeranteil in bestimmten Berufen deutlich überschätzt wird und dass Frauen in der Sprache weniger sichtbar sind". Sprache verändere sich. "Der Doppelpunkt oder das Sternchen mögen im Augenblick irritieren, weil sie etwas Neues sind. Wenn sie in zehn Jahren normal sind, kräht kein Hahn mehr danach."

Ein solcher Wandel der Sprache müsse aus der Gesellschaft heraus kommen, von Vorschriften hält Brettschneider nichts. "Ich habe den Eindruck, dass die gesamte Debatte stark von Rechthaberei und Verkrampftheit geprägt ist. Eine gewisse Entspanntheit wäre hilfreich."

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